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Nachwuchs in der Medizin: Offen für Digitales

Digitalisierung
Junge Ärzte sind offen für Digitalisierung im Gesundheitswesen

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Mira Faßbach, Urologin, und Dermatologe Max Tischler vertreten als Sprecher das Bündnis Junge Ärzte (Bild: Bündnis Junge Ärzte)
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Wie stehen Ärzte zur Digitalisierung im Gesundheitswesen? Der medizinische Nachwuchs kennt und nutzt mobile Geräte und Services von Kindesbeinen an und möchte sich künftig stärker in der Entwicklung neuer Lösungen engagieren, wie Mira Faßbach und Dr. Max Tischer vom Bündnis Junge Ärzte erläutern.

Dr. Birgit Oppermann
birgit.oppermann@konradin.de

Frau Faßbach, Herr Tischler, mit dem Bündnis Junge Ärzte machen Sie sich stark für mehr Beteiligung von Medizinern an der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Für wen sprechen Sie?

Faßbach: Im Bündnis Junge Ärzte haben sich die Nachwuchsorganisationen von 25 Berufsverbänden und Fachgesellschaften zusammengeschlossen. Darauf, dass wir der größte interdisziplinäre Zusammenschluss von jungen Medizinern in Deutschland sind, sind wir ein bisschen stolz.
Tischler: Als junge Assistenz- und Fachärzte sehen wir die Kollegen, die jünger als 45 Jahre sind und deren Facharztprüfung nicht länger als fünf Jahre zurückliegt. Sie üben ihren Beruf als niedergelassene Ärzte angestellt oder in der eigenen Praxis aus oder sind in Krankenhäusern und Kliniken tätig.

Wo sehen Sie mit Blick auf die Digitalisierung Unterschiede zwischen den jungen und älteren Kollegen?

Faßbach: Wir jüngeren Ärzte sind als Digital Natives mit digitalen Möglichkeiten aus dem Alltag vertraut. Wir sind gewohnt, schnell auf Daten zugreifen zu können oder uns auf digitalem Weg auszutauschen. Das möchten wir gern im beruflichen Umfeld stärker nutzen und sehen auch Ansatzpunkte dafür. Keiner von uns würde in die Bibliothek gehen, um ein Detail in einem Buch nachzulesen. In diesem Punkt haben wir vielen älteren Kollegen eine Erfahrung voraus. Wobei ich ausdrücklich nicht verallgemeinern oder älteren Kollegen die Fähigkeit absprechen möchte, mit digitalen Angeboten umzugehen.

Tischler: Wir möchten erreichen, dass die Offenheit der jüngeren Mediziner gegenüber digitalen Lösungen stärker sichtbar wird. In vielen Gremien, in denen darüber diskutiert wird, sind bisher vor allem Ältere vertreten. Wobei wir Ärzte uns unabhängig vom Alter einig sind, dass Digitalisierung den persönlichen Austausch zwischen Arzt und Patient nicht ersetzen kann. Eine KI kann Daten analysieren, aber das empathische Verstehen wird sie nie haben. Ob ich eine auffällige Hautstelle sofort entferne, hängt auch vom Patienten ab – manchmal kann man abwarten und erst später eingreifen. Wenn beim Patienten die Sorge vor einer Krebserkrankung zu groß ist, sollte ich sofort handeln. Bei dieser Entscheidung kann mir kein technisches System helfen.

Wo sehen Sie Nutzen, den die Digitalisierung bieten kann?

Tischler: Für Ärzte ist die Zeit immer knapp. Daher sind alle Lösungen willkommen, die mich schneller ans Ziel bringen. Das betrifft Verwaltungstätigkeiten ebenso wie die Beschaffung von Daten zum Patienten. Es gibt auch Fälle, in denen ich deren Erwartungen deutlich wahrnehme: Den Termin beim Facharzt am besten online zu vereinbaren ist das Erste. Dann soll die Zeit bis dahin genutzt werden, um sich selbst zu informieren, eine auffällige Hautstelle eventuell mit dem Smartphone zu erfassen, um Veränderungen zu dokumentieren. Es gibt je nach Fachrichtung sicher viele Möglichkeiten und Ideen, wie wir die Digitalisierung nutzen könnten. Bisher stehen wir mit allem eher noch am Anfang.

WEITERLESEN: Projekte mit 5G-Campusnetzen gehen 2020 in Deutschland an den Start

Was sollen digitale Lösungen können?

Faßbach: Sie sollten durchdacht sein, durchgängig funktionieren und im alltäglichen Einsatz Nutzen bringen. Ein negatives Beispiel für fehlende Schnittstellen: Wenn ich alle Daten zu einem Patienten, der an Covid-19 erkrankt ist, digital vorliegen habe, diese aber ausdrucken muss, um sie per Fax ans Gesundheitsamt zu schicken, ist das Optimierungspotenzial offensichtlich. Interoperabilität und Usability müssen viel stärker berücksichtigt werden.

Tischler: Es entsteht oft der Eindruck, dass beim Entwickeln nicht genau genug bei Praktikern nachgefragt wurde, was gebraucht wird und wie eine Lösung funktionieren sollte. Moderne Technik ist ein weiterer Punkt: Ich begrüße grundsätzlich die Entscheidung, eine elektronische Patientenakte jetzt einzuführen. Aber der Weg dahin hat so lange gedauert, dass die Lösung, die nun an den Start geht, technisch schon veraltet ist. Wir müssen uns also im Grunde sofort daranmachen, ein Konzept für die nächste Lösung zu entwickeln, damit diese vielleicht 2025 starten kann. Digitalisieren heißt also, immer up to date sein.

Was ist aus Ihrer Sicht der dringendste Schritt auf dem Weg zur Digitalisierung?

Tischler: Die Verfügbarkeit von Daten für die Ärzte zu verbessern. Solange das nicht klappt, nützen uns Medizingeräte, die Unmengen von Daten erfassen, im Grunde nichts. Aber wenn eine App den Blutdruck des Patienten zu Hause erfasst und übermittelt, kann ich mit den Ergebnissen mehr anfangen als mit einer Messung in der Praxis, die bekanntermaßen wegen der Aufregung oft zu hohe Werte liefert. Bis wir über eigenständig arbeitende Robotik oder künstliche Intelligenz reden, wird es meiner Meinung nach noch lange dauern. Erste Studien zu künstlicher Intelligenz, die in der Radiologie und der Dermatologie unterstützend eingesetzt wird, gibt es. Hier sehe ich den Nutzen und begrüße die Entwicklung. Bei kritischen Fragen sollte ich aber die Entscheidungswege der KI nachvollziehen können.

Faßbach: In Routinedaten aus der Versorgung steckt ebenfalls viel Potenzial. Aus Vitalparametern, Einträgen im Tumorregister oder allgemein Laboruntersuchungen ließen sich mit KI sicher Erkenntnisse ziehen – bisher bleiben die Daten aber meist ungenutzt.

Welche Rolle möchten Sie als Mediziner bei der Digitalisierung spielen?

Tischler: Eine gute Lösung für den medizinischen Bereich wird sich in der Regel nur entwickeln lassen, wenn die Anwender einbezogen werden. Das können sowohl Patienten als auch Ärzte sein, manchmal sogar beide. Es gibt gerade unter den jungen Kollegen viele, die bereit sind, diesen Input zu liefern. Start-ups beispielsweise melden sich relativ oft, rufen einfach an und stellen Fragen. Die beantworte ich gern, ich will ja meinen Beitrag zu neuen Entwicklungen leisten. Wenn der Zeitaufwand steigt, kann es aber sinnvoll sein, einen Kooperations- oder Beratungsvertrag aufzusetzen. Mehr medizinisches Wissen zu nutzen, wäre auf jeden Fall sinnvoll. Wenden Sie sich also bei Bedarf gern an das Bündnis Junge Ärzte, wir versuchen, Ihnen einen Kontakt im jeweiligen Fachgebiet zu vermitteln.

Von wem erwarten Sie am ehesten innovative digitale Lösungen: von Start-ups, Tech-Unternehmen wie Google oder Amazon oder von etablierten Medizintechnik-Unternehmen?

Faßbach: Jede Variante hat ihren Reiz. Ein Medizinproduktehersteller bringt in diesem Verglich das meiste medizinische Wissen mit. Bei einem Start-up könnte man besonders innovative Ideen vermuten, aber die finanziellen Möglichkeiten setzen hier Grenzen.

Tischler: Was Tech-Unternehmen gut machen, lässt sich zum Teil als Input sehen und auf die eigenen Ideen übertragen. Aber unabhängig davon, woher die Idee kommt, lohnt es sich, im Team mit Anwendern zusammenzuarbeiten. Ich möchte eine digitale Lösung ja nicht aufoktroyiert bekommen, sondern sie am besten mit gestalten.

Wie digital wird die Medizin in fünf oder zehn Jahren sein?

Faßbach: Im Moment ist die Ausstattung in Kliniken und Praxen noch sehr unterschiedlich, es gibt Leuchttürme, aber auch weitgehend analog arbeitende Standorte. Voraussetzung für eine Vernetzung wäre eine einheitlichere Struktur.

Tischler: Wenn die Infrastruktur steht, können wir uns über die konkreten Entwicklungen ab 2030 unterhalten. Auch wir Ärzte werden dazulernen müssen, ähnlich wie Ingenieure, die sich mit neuen Technologien beschäftigen müssen. Aber ich sehe uns Ärzte auch als Türöffner, die auf dem Weg zu digitalen Lösungen vorangehen müssen.


Über das Bündnis Junge Ärzte

Im Bündnis Junge Ärzte haben sich Vertreter der jungen Assistenzärzte und Fachärzte zusammengeschlossen. Sie wollen die Patientenversorgung nach modernen und ethischen Gesichtspunkten verbessern und die Berufsbedingungen für eine Medizin der Zukunft gestalten, inklusive Digitalisierung. Ende 2019 seien knapp 19 % der 402 000 berufstätigen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland unter 35 Jahre alt gewesen und somit zu den „digital natives“ zu zählen, heißt es auf der Internetpräsenz des Bündnisses – was auf eine Offenheit gegenüber digitalen Lösungen im medizinischen Umfeld schließen lassen könnte. Im Jahr 2020 startete das Bündnis Junge Ärzte gemeinsam mit dem Fraunhofer ISST eine Umfrage zur Digitalisierungsbereitschaft von Medizinern, um ein repräsentatives und wissenschaftlich fundiertes Bild zu erhalten. Ergebnisse sollen ab Frühsommer 2021 bei Veranstaltungen wie der DMEA oder dem Hauptstadtkongress sowie bei Tagungen medizinischer Fachgesellschaften vorgestellt werden.


Kontakt zu den jungen Ärzten:

Bündnis Junge Ärzte
c/o Berufsverband der Deutschen Dermatologen
Robert-Koch-Platz 7
10115 Berlin
E-Mail: info@buendnisjungeaerzte.org

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