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Für Digital Health aus Europa ist in China kein Platz

Digital Health und Gesundheitswesen
Für Digital Health aus Europa ist in China kein Platz

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Dr. Franziska Thomas ist Expertin für Healthcare und Life Science bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little (Bild: Arthur D. Little)
Digital-Health-Lösungen werden zusammen mit neuen molekularen Behandlungsmöglichkeiten das Gesundheitswesen verändern. Deutschland hat im Technik-Umfeld einen guten Ruf – steht aber nicht für fortschrittliche Digitalisierung. Laut Dr. Franziska Thomas, Healthcare- und Life-Science-Expertin bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little, haben innovative Unternehmen dennoch Chancen, wenn auch nicht in China.

Dr. Birgit Oppermann
birgit.oppermann@konradin.de

Frau Dr. Thomas, welche Veränderungen für den Gesundheitsmarkt könnte Digital Health in Zukunft bringen?

Es gibt zwei große Entwicklungen, die weltweit Bewegung in das Gesundheitswesen bringen: Digitalisierung und Datenmanagement sind die eine, das Aufkommen neuer Behandlungsmöglichkeiten die andere. Damit meine ich, dass wir Krankheiten auf Molekularer Ebene werden behandeln können, mit neuartigen Ansätzen wie Zelltherapie, RNA und DNA, neuen Impfstoffen und personalisierten und präventiven Behandlungen. Beide Entwicklungen werden einander ergänzen und miteinander verschmelzen – und das wird auch die Branchen Pharma und Medizintechnik einander viel näherbringen. Wir müssen insgesamt viel stärker in Ökosystemen denken und nicht nur das Krankenhaus als Ort der medizinischen Versorgung sehen. Es wird viel mehr dezentrale vernetzte Behandlungsansätze geben, die auch Zuhause stattfinden und zum Beispiel Point-of-Care-Diagnostik erfordern.

Wo laufen Entwicklungen in dieser Richtung besonders schnell?

Derzeit sind sicherlich die beiden größten Märkte insbesondere in punkto Digitalisierung die USA und China. Beide sind Deutschland weit voraus, unterscheiden sich aber deutlich voneinander. Knapp die Hälfte der aktuellen Digital-Health-Angebote sind im US-Markt zu finden, der für diese Art von digitalen Angeboten relativ wenig reguliert und damit offener ist – vor allem viel weniger reguliert und fragmentiert, als wir das aus Deutschland kennen. China hat sich inzwischen zum Vorreiter in Sachen Digitalisierung entwickelt, auch im Gesundheitswesen. Die langfristigen Pläne kommunistisch regierter Länder hat man lange Zeit kritisch beäugt. Aber heute sind dort quasi alle Daten und relevanten Systeme verfügbar und werden nach Möglichkeit genutzt. Natürlich mit allen Vor- und Nachteilen, die sich daraus ergeben können.

Wer hat auf diesem Gebiet technisch die Nase vorn?

Das ist nicht so einfach zu sagen. Selbst wenn der chinesische und der US-Markt vom Volumen her am bedeutendsten sind, gibt es doch viele kleine innovative Länder. Ich denke da zunächst an Singapur und Südkorea oder andere asiatische Länder. In Europa ist vor allem Dänemark weit vorn. Andere skandinavische Länder haben ebenfalls auf Digitalisierung gesetzt und nutzen die ihnen vorliegenden Daten, um Gesundheite und Behandlungen gesamthafter betrachten zu können.

Lassen sich Lösungen, die für die großen Märkte USA oder China entwickelt wurden, für Europa nutzen oder anpassen?

Es wird sicher Anbieter von Digital Health geben, die den Schritt auf den europäischen Markt wagen. Aber da die einzelnen Länder hier so unterschiedlich sind, ist der Markt stark fragmentiert. Für einen Anbieter heißt das, dass er für jedes Land eine eigene Lösung und für jedes System eine passende Schnittstelle braucht. Andererseits hat diese Situation auch etwas Positives: Man kann sich für den Anfang einen kleinen, schon digitalisierten europäischen Testmarkt aussuchen. Und um es klar zu sagen: Deutschland ist zwar in Europa ein großer Markt und in der Technik an sich immer noch führend – aber trotz des Digitalisierungsschubs durch die Pandemie in diesem Thema noch weit hintenan.

Haben Digital-Health-Lösungen aus Europa eine Chance auf den führenden Märkten?

Für China sehe ich das nicht. Die Tendenz geht eindeutig dahin, die Projekte dort mit den einheimischen Anbietern umzusetzen, die auf dem Gebiet führend sind. Amazon ist ja zum Beispiel mittlerweile wieder aus dem chinesischen Markt ausgestiegen. In den USA wiederum hätten europäische Anbieter durchaus Chancen. Abgesehen davon wäre es aber auch sehr wünschenswert, innerhalb von Europa einheitliche Datenstrukturen zu schaffen und einheitliche Digital-Health-Lösungen zu etablieren. Wobei ich sehe, dass die Unternehmen an sich sogar innovativ sind. Aber es fehlt gerade in Deutschland das übergeordnete System für den Datenaustausch – an dem inzwischen aber gearbeitet wird.

Brechen mit neuen Behandlungsmöglichkeiten etablierte Therapien und damit auch der Bedarf für Medizinprodukte weg?

Nein, wir werden auch weiterhin Medizinprodukte brauchen. Aber es werden andere Geschäftsmodelle gefragt sein. Geräte, die heute nur im Krankenhaus eingesetzt werden, müssen dann zum Beispiel auch in der Wohnung der Patienten nutzbar sein. Im OP-Bereich wird es nicht ohne Medizingeräte gehen, aber dort werden künstliche Intelligenz und Robotik stärker gefragt sein. Und wir werden mehr automatisierte Prozesse sehen: Für die Diagnostik gehe ich vielleicht nicht mehr zum Hausarzt, sondern schicke selbst meine Probe ein, die zentral automatisiert analysiert wird. Oder ich suche ein hochspezialisiertes diagnostisches Zentrum auf. Der Markt wird sich also verändern.

Was können hiesige Unternehmen im Bereich Digital Health tun?

Meiner Meinung nach bieten sich drei Strategien an: Die erste Option wäre, sich den US-Markt als Ziel auszusuchen, dafür zu entwickeln und die Lösungen auch dort zu testen. Die zweite Option ist eine Ausrichtung auf Skandinavien: Dort wird im Sinne von population health anhand der erhobenen Daten genau analysiert, was eine konkrete Lösung für das Gesundheitswesen als Ganzes bringt. Das ist auch für den Anbieter interessant. Die dritte Option wäre, sich auf Lösungen zu konzentrieren, die speziell für den deutschen Markt attraktiv sind. Das System wird sich hier ja weiterentwickeln. Daher könnten Kontakte zu Digital Think Tanks oder zu den Krankenkassen interessant sein, um zu sehen, wie der künftige Markt sich formt und wie man diesen mit seinen Lösungen am besten ansprechen kann.


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