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Arbeitsplatz Krankenhaus: Was außer Wirtschaftlichkeit zählt

Arbeiten im Krankenhaus
Klinik mehr an Menschen ausrichten – gern mit Technik

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Sven Steffes-Holländer ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Sozial- und Ernährungsmediziner und hat 2017 als Chefarzt die medizinische Leitung der Heiligenfeld Klinik Berlin übernommen (Bild: Heiligenfeld Klinik Berlin)
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Um Krankenhäuser und die Behandlung von Patienten zu verbessern, ist moderne Technik willkommen. Wie schnell die Heilung voranschreitet, hängt aber auch von der Organisation am Arbeitsplatz Krankenhaus ab, sagt Sven Steffes-Holländer, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, und erläutert, wo er Optimierungspotenzial sieht.

Dr. Birgit Oppermann
birgit.oppermann@konradin.de

Herr Steffes-Holländer, wie bewerten Sie ein Krankenhaus als Arbeitsplatz?

Ein Krankenhaus ist mit Blick auf Patientensicherheit und Patientenzufriedenheit nur dann dauerhaft leistungsfähig, wenn die psychische und körperliche Verfassung der dort arbeitenden Menschen stimmt. Ohne die heutigen Krankenhäuser ganz grundsätzlich zu kritisieren, muss man sehen, dass die Strukturen und Vorgaben dort die Gesundheit der Mitarbeiter nicht gerade fördern. Das betrifft das Arbeitspensum an sich, das stressbedingte Erkrankungen auslösen kann, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und auch die Entwicklungsmöglichkeiten im Job. Daher ist es wichtig und dient auch der Organisation Krankenhaus selbst, wenn Ärzte und Pflegepersonal ihre eigene Gesundheit stärker berücksichtigen, als sie das bisher tun. Und wenn die Arbeit dort menschengerechter gestaltet wird.

Was hat zu diesen aus Ihrer Sicht ungünstigen Strukturen geführt?

Heute steht in Krankenhäusern, in denen Patienten mit körperlichen Erkrankungen behandelt werden, die Wirtschaftlichkeit an erster Stelle. Das ist meiner Meinung nach nicht die ideale Situation. Unter Berücksichtigung der begrenzten Ressourcen sowie ethischer Gesichtspunkte sollte ein Kodex entwickelt werden, der Ärzten Orientierung für ihr Handeln gibt und das Patientenwohl wieder in den Mittelpunkt rückt.

Wenn die Wirtschaftlichkeit nicht im Vordergrund steht: Woran sollte sich die Organisation Krankenhaus orientieren?

Es gibt eine Reihe von Werten, die Anhaltspunkte für eine andere Orientierung bieten. Das Ziel eines Aufenthaltes im Krankenhaus ist im Grunde, den Patienten zu heilen. Dazu trägt bei, wenn die Mitarbeiter dort ausreichend Zeit haben, sich um eine erkrankte Person zu kümmern, diese Ansprache und Zuwendung erfährt. Dass das die Heilung beschleunigt, ist mittlerweile durch Studien belegt. Ob sich dieser menschliche Kontakt umsetzen lässt, hängt aber von der Anzahl der Fälle ab, die ein Mitarbeiter zu betreuen hat, und von seiner persönlichen Situation, dem Stress im beruflichen, aber auch privaten Bereich. Die Atmosphäre eines Krankenhauses spielt ebenfalls eine Rolle, was zum Beispiel eine gesundheitsfördernde Architektur im Sinne eines „healing environment“ und im Idealfall hochwertiges Essen umfasst.

Gibt es Beispiele, wie eine bessere Organisation aussehen könnte?

In meinem Fach, der Psychosomatik, gibt es unter den drei- bis vierhundert Kliniken in Deutschland viele Beispiele dafür, wie man Dinge anders angehen könnte. Krankenhäuser aus beiden Bereichen, dem somatischen wie dem psychosomatischen, könnten sicher etwas voneinander lernen. Eine Atmosphäre, die Heilung fördert, entsteht zum Beispiel, wenn sich alle Mitarbeiter als wichtigen Teil der Organisation wahrnehmen. Das bedeutet, dass sie gehört werden, die Weiterentwicklung des Krankenhauses mit bestimmen können. Ein Krankenhaus kann mit flacheren Hierarchien auskommen, und auch viele verschiedene Arbeitszeitmodelle lassen sich umsetzen. Ein regional gut verankertes Krankenhaus wird die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten ausweiten und pflegen.

Betrifft die veränderte Organisation allein das medizinische Personal?

Meiner Meinung nach ist auch die Integration nicht-medizinischer Aufgaben wichtig: Was in der Küche passiert, kann das Wohlbefinden aller beeinflussen. Wenn die Kantine outgesourct wird, gerät dieser Aspekt aus dem Blickfeld des Küchenpersonals. Menschen brauchen aber Sinn und Gemeinschaft. In solchen Überlegungen steckt also Potenzial, um die Leistung eines Krankenhauses insgesamt zu verbessern. Das schließt übrigens den Einsatz von Technik überhaupt nicht aus, im Gegenteil.

Welche Rolle spielt Technik für die Genesung beim Krankenhausaufenthalt?

Je nach Art der Erkrankung hilft sie direkt bei der Diagnose und der Behandlung, oder sie nimmt dem medizinischen Personal Aufgaben ab, so dass Ärzte und Pfleger mehr Zeit für den persönlichen Kontakt mit den Patienten aufwenden können. Das kann gelingen, wenn zum Beispiel ein digitalisiertes System das Erheben von Patientendaten vereinfacht, so dass der Arzt den Bericht schneller abschließen kann, oder wenn ein Roboter dem Pfleger anstrengende Tätigkeiten wie das Heben zumindest teilweise abnimmt.

Gilt das auch für die Behandlung psychosomatischer Erkrankungen?

Ja, auch hier gibt es Möglichkeiten, moderne Technik einzusetzen. Für die Psychosomatik können VR-gestützte Systeme die Behandlung einer Angstsymptomatik unterstützen. Auch Neurofeedback hilft, wenn ein Patient bei Entspannungsübungen von einem entsprechenden Gerät angezeigt bekommt, dass seine Atem- und Herzfrequenz sinken und sich die sinkende Anspannung auch im Hautwiderstand zeigt. Aber es muss klar sein, dass Technik menschliche Begegnung und Zuwendung nicht ersetzen kann. Wenn technische Systeme die Aufgabe bekommen, Senioren zu unterhalten oder versucht werden soll, damit das menschliche Bedürfnis nach Bindung zu befriedigen, halte ich das für bedenklich.

Skandinavische Superkrankenhäuser sollen digitalisiert und effizient arbeiten und dem Patienten dienen. Ein Vorbild?

Wenn das Wohlbefinden des Patienten und der Mitarbeiter im Vordergrund stehen, kann das ein Weg sein, um zu besseren Krankenhäusern zu kommen.

Was sollten diesem Zusammenhang Medizinprodukte bieten?

Sie sollten in jeder Hinsicht so entwickelt und gestaltet sein, dass sie die Arbeit von Ärzten und Pflegepersonal erleichtern und den Krankenhausmitarbeitern möglichst viel Zeit für den Kontakt mit den Patienten verschaffen.

Mehr über Sven Steffes-Holländer:

https://steffeshollaender.de/

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