Medizintechnik Studium: Basiswissen über eine faszinierende Branche

Medizintechnik Studium:

Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Ärzten und Ingenieuren

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Hightech ist gängig in der Medizintechnik-Branche – nicht nur im OP, sondern auch am Patientenbett oder sogar für die Versorgung daheim Bild: Fotolia/pgottschalk
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Eine Wachstumsbranche, international aufgestellt, geprägt von Hightech-Themen wie von strengen Vorgaben im Dienst der Patientensicherheit: das ist die Medizintechnik, die jungen Fachkräften eine Menge Chancen und sehr viele unterschiedliche Arbeitsfelder bietet. Ein Überblick zum Kennenlernen.

Dr. Birgit Oppermann
birgit.oppermann@konradin.de

Inhaltsverzeichnis

1. Medizintechnik-Studium: Was heißt das eigentlich
2. Gute Vorbereitung, passende Auswahl des Studienortes
3. Technik im Dienst der Patienten
4. Eine internationale Branche
5. Arbeitsmarkt Medizintechnik
6. Fachkräfte gesucht
7. Vielfältige Arbeitsfelder – hier zählt medizinisches Wissen

 

„Eins kann man gleich vorweg sagen: Wer eigentlich Medizin studieren will, wird in der Medizintechnik wohl nicht glücklich werden.“ Das sagt eine, die es wissen muss: Katharina Wörgötter studiert selbst im vierten Semester Master Medizintechnik in einem Studiengang, den die Universitäten Stuttgart und Tübingen gemeinsam anbieten. „Medizintechnik ist ein ingenieurwissenschaftlicher Studiengang, da geht es von Anfang an viel um Mathe und technische Fragen – der Schwerpunkt liegt eindeutig nicht in der Medizin.“ Und ihr Kommilitone Lars Fischer bekräftigt das mit einer Anekdote aus dem Anfang seines Medizintechnik-Studiums: „Der Dekan hat schon in der Einführungsveranstaltung darauf hingewiesen, dass sich alle diejenigen, die im Hörsaal sitzen und Arzt werden wollen, am besten gleich zum Ausgang begeben sollen.“

Medizintechnik-Studium: Was heißt das eigentlich

Aber das Wissen darüber, was ein Medizintechnik-Studium nicht ist, reicht natürlich nicht aus, um sich ein Bild von den Themen und späteren beruflichen Möglichkeiten zu machen. Diese sind sehr vielfältig, das wird sofort klar, wenn man sich die Branche „Medizintechnik“ näher anschaut.

Unter diesem Begriff werden die Aktivitäten einer wachsenden und international aktiven Industriebranche zusammengefasst, die Produkte entwickelt und herstellt, die von Ärzten, dem Pflegepersonal und im heimischen Bereich auch von den Patienten selbst eingesetzt werden. Das Spektrum solcher Produkte – deren wichtigste Gemeinsamkeit ist, dass sie alle den Vorgaben des Medizinproduktegesetzes entsprechen müssen – reicht von Wundauflagen und Wattetupfern, die unter besonderen Bedingungen hergestellt und verpackt werden müssen,über mehr oder weniger klassische Chirurgieinstrumente, die aus geeigneten metallischen Materialien auf einer modernen Werkzeugmaschine hergestellt werden, bis zu Blutdruckmessgeräten, Endoskopen, Anästhesiegeräten oder Computertomographen. Auch Prothesen, deren Funktion durch Muskelsignale oder über ein Brain Computer Interface gesteuert werden können, sind Teil der Branche.

Die Vielfalt der Produkte bringt es mit sich, dass auch die Arbeitsfelder der Medizintechniker sehr unterschiedlich ausfallen. Die Aufgaben können dem Maschinenbau oder der Elektrotechnik sehr nahe sein, eine wachsende Rolle spielen Informationstechnik und Vernetzung medizinischer Geräte. Bei der Diagnostik beispielsweise geht es verstärkt um biochemische oder biotechnische Fragen – und auch die Medizin ist nie ganz außen vor.

Das Video zeigt Beispiele aus der Rehatechnik in Aktion – zu sehen auf der Messe Rehacare.

Wer zum Beispiel in Deutschland Medizintechnik studieren will, hat eine große Anzahl von Studiengängen an einer Reihe von Universitäten zur Auswahl. „Den“ Studiengang Medizintechnik gibt es nicht. Vielmehr hängen die Schwerpunkte des Studiums an einer Hochschule immer auch ein bisschen von den weiteren Studiengängen ab, die am Standort angeboten werden und mit denen die Ausbildung im Querschnittsfach Medizintechnik verknüpft ist. Wörgötter und Hillerkuss haben einen Studiengang gewählt, der in Zusammenarbeit zweier Universitäten mit einem starken Maschinenbau – dafür steht Stuttgart – und einer starken Medizinischen Fakultät angeboten wird – wofür Tübingen bekannt ist. „Hier kann man seinen Schwerpunkt also durchaus auf medizinische Fragestellungen legen“, sagt Wörgötter. Sie selbst hat sich im Verlauf des Medizintechnik-Studiums mehr in der Richtung Biologie spezialisiert. Aber es gebe eben noch eine Reihe weiterer Möglichkeiten an anderen Hochschulen. So sei man zum Beispiel in Ulm gut aufgehoben, wenn das Interesse an mechatronischen Themen groß sei. In Erlangen wiederum sei das Thema Elektrotechnik stark vertreten. Die Konferenz der Medizintechnikfachschaften – kurz Komet – , in der sich auch Wörgötter engagiert, hat bereits eine Datenbank aufgebaut, in der entsprechende Informationen zu den Master-Studiengängen, deren Anforderungen und Schwerpunkte zusammengestellt werden. Das soll den Studierenden die Orientierung und Übersicht erleichtern.

Gute Vorbereitung, passende Auswahl des Studienortes

Die Frage, ob man diese Details zu dem Zeitpunkt, an dem man sich für ein Studium entscheidet, schon durchblicken kann, beantwortet sie mit „Ja“. Aber: „Wenn man das durchschauen will, muss man sich vorher wirklich gut informieren. Ich habe mir die Mühe gemacht, die Details der möglichen Studiengänge anhand der Modulhandbücher zu vergleichen und mir daraus eine Entscheidungsmatrix erstellt.“ So hat sie sich vor Augen geführt, welches Angebot am besten dem entspricht, „was ich wirklich machen möchte.“ Eine Grundlage für diese Entscheidung hatte sie sich schon geschaffen, indem sie vor dem Studium durch zwei Praktika in die mögliche Arbeitswelt von Medizintechnikern hineingeschnuppert hat – nämlich bei einem Orthopädietechnik-Hersteller und in einem Forschungsinstitut.

Trotz aller Unterschiede in den jeweiligen Studiengängen lassen sich einige Aussagen über ein Medizintechnik Studium auch verallgemeinern. Vieles dreht sich um Mathematik und Physik, wie das für Ingenieure zu erwarten ist, und je nach Ausrichtung spielen auch Chemie und Biowissenschaften ein Rolle. Es gibt Vorlesungen im Hörsaal, aber auch Praktik an der Hochschule, um das Wissen zu vertiefen.

Technik im Dienst der Patienten

Kontakte mit dem späteren beruflichen Alltag ergeben sich natürlich auch durch Unternehmenspraktika während des Studiums und gegebenenfalls durch eine Abschlussarbeit in einem Unternehmen. Aus einem Praktikum, das Dominic Hillerkuss während seines Studiums gemacht hat, ist er mit der Erkenntnis herausgegangen, mit seinem Wissen gut mit den Aufgaben mithalten zu können. „Es war ein tolles Gefühl, dass ich schon vor Abschluss meines Studiums an dieser Stelle auch so hätte weitermachen können.“ Positives Feedback bekam er auch im Umgang mit Zulieferunternehmen, als er im Rahmen eines eigenen Projekts zu technischen Bauteilen recherchierte. „Als ich erklärte, wofür ich die Komponenten einsetzen wollte und dass diese im Umfeld der Medizin gebraucht würden, waren die Ansprechpartner beeindruckt.“ Technik in den Dienst von Patienten zu stellen, genießt einen guten Ruf. Seinen Master-Abschluss will Hillerkuss allerdings dennoch machen, bevor er in den Arbeitsalltag startet.

Eine internationale Branche

Der könnte ihn in einer so international aufgestellten Branche auch ins Ausland führen. Ein Beispiel: Die deutsche Medizintechnik-Industrie ist stark exportorientiert und erzielte im Jahr 2017 nach Angaben des Branchenverbandes Spectaris, Berlin, knapp 64 %  ihrer Umsätze mit dem Ausland. Stark ist die Branche aber nicht nur in Deutschland. Auch in der Schweiz spielt sie für die Wirtschaft des Landes ein große Rolle, mit sehr vielen Beschäftigten in diesem Bereich. In Finnland beispielsweise laufen viele Entwicklungen in Richtung digitaler Produkte, in Irland stehen Life Sciences oben auf der Liste.

Wie der deutsche Branchenverband BVMed, ebenfalls mit Sitz in Berlin, im Herbst 2018 meldete, wachsen die Umsätze der Unternehmen der Medizintechnologie weltweit nach wie vor durchschnittlich mit knapp 6 %. Die Entwicklung im inländischen Markt hat sich 2018 mit einem Umsatzwachstum von 4,2 % gegenüber dem Vorjahr verbessert.

Über die Entwicklungen in Medtech-Märkten überall auf der Welt berichtet medizin&technik regelmäßig. Und einen guten Überblick, was alles zur Medizintechnik gehört und wie international sich die Branche präsentiert, zeigt die Messe Medica, die jährlich Mitte November in Düsseldorf stattfindet und problemlos das komplette Messegelände füllt. Viele technische Themen, die Komponenten oder Werkstoffe für Medizinprodukte betreffen, aber auch Fertigungsverfahren, Qualitätssicherung und Regulatorisches, sind parallel auf der Zulieferermesse Compamed zu sehen.

Arbeitsmarkt Medizintechnik

Wo die Umsatzzahlen steigen, wächst im Allgemeinen der Bedarf an Mitarbeitern – was nicht nur, aber auch auf die Medizintechnik-Branche zutrifft. Sie ist stark, aber weit weniger bekannt als die großen Namen aus dem Automobil-Sektor. Daher beklagen die Personalverantwortlichen gelegentlich, dass Absolventen, die eventuell als Quereinsteiger aus dem Maschinenbau, der Informationstechnik oder der Elektrotechnik in die Entwicklungsabteilungen der Medizintechnik-Branche wechseln könnten, über die Branche und die möglichen Aufgaben zu wenig wissen. Für welche Tätigkeiten sich Absolventen aus der Medizintechnik bewerben können, hängt von den jeweiligen Spezialisierungen im Studium ab.


Fachkräfte gesucht

Im Herbst 2018 hat der BVMed eine Online-Befragung mit insgesamt 24 Fragen gestartet. Von den angeschriebenen 225 Mitgliedsunternehmen haben sich 110 Unternehmen beteiligt, darunter vor allem die größeren Hersteller von Medizinprodukten aus Deutschland und den USA.

  • In der Herbstumfrage gaben 51 % der teilnehmenden Unternehmen an, zusätzliche Jobs gegenüber dem Vorjahr geschaffen zu haben. 57 % der Unternehmen rechnen mit zusätzlichem Personalbedarf durch die neue EU-Medizinprodukte-Verordnung (MDR). 35 % geben an, diese mit dem vorhandenen Personal bewältigen zu wollen.
  • Die Berufsaussichten für Fachkräfte in der MedTech-Branche sind ausgezeichnet. 94 % der Unternehmen, die sich an der BVMed-Herbstumfrage 2018 beteiligt haben, halten die Berufsaussichten für unverändert gut oder sogar besser als bisher. Gesucht werden vor allem Medizintechniker (36 %) und Ingenieure (27 %), aber auch Pfleger (25 %), Naturwissenschaftler (25 %) und Wirtschaftswissenschaftler (23 %). Auch Informatiker (15 %) und Mediziner (14 %) werden mit ihren Qualifikationen in der Medizintechnik-Branche gesucht.
  • 84 % der Unternehmen geben an, offene Stellen zu haben. Gesucht werden vor allem Vertriebsmitarbeiter (61 %), gefolgt von Fachleuten für Marketing und Kommunikation (28 %), Regulatory Affairs und Key Account Management (jeweils 24 %) sowie Produktion (20 %).
  • Mehr als drei Viertel der Unternehmen (79 %) haben Probleme, die offenen Stellen zu besetzen. Das betrifft vor allem den Vertrieb (38 %), aber auch Regulatory Affairs (23 %) sowie Produktion und Führungskräfte im gehobenen Management (jeweils 15 %).

Vielfältige Arbeitsfelder – hier zählt medizinisches Wissen

Die Arbeitsfelder für Spezialisten der Medizintechnik sind allerdings nicht auf die Entwicklung der unterschiedlichen Produkte beschränkt. Die Experten werden mit ihrem Wissen auch als Mittler zu den Anwendern, den Ärzten, gebraucht. Sie beraten und schulen die Mediziner im Umgang mit den Produkten – und an dieser Stelle ist wiederum sehr viel medizinisches Wissen gefragt, um mit Ärzten oder auch Pflegern auf Augenhöhe zu sprechen, die passenden Fachbegriffe einzusetzen. Und natürlich auch ernst genommen zu werden. Um diesen Wissensstand zu erreichen, ist der Kontakt mit einem Arbeitsumfeld wie zum Beispiel einem Operationssaal, dem Zusammenspiel der dort eingesetzten Einrichtungen und Geräte erforderlich. Nur wer die Abläufe eines bestimmten Eingriffs kennt, kann sich als nützlicher Berater des Mediziners in technischen Fragen erweisen.

Ein Arbeitsfeld, für das große Nachfrage besteht, betrifft den Umgang mit rechtlichen Vorgaben. Die EU-weit 2017 eingeführte Medical Device Regulation, kurz MDR, beschäftigt die Branche derzeit in erheblichem Maße. Die MDR bringt zum Teil veränderte, zum Teil neue Anforderungen mit sich, die die Unternehmen bis zum Ende der Übergangsfrist erfüllen müssen und wird das Medizinproduktegesetz ablösen. Entsprechende Experten werden daher sowohl in der Industrie, aber auch bei den zuständigen Behörden gesucht, die sich ebenfalls neu aufstellen müssen.

Nicht zuletzt ist auch die Medizintechnik vom Thema Digitalisierung betroffen, die die Arbeitswelt in der Gesundheitsbranche tiefgreifend verändern wird. Auch diese Entwicklung bringt neue Themen und Aufgabenfelder für die künftigen Absolventen eines Medizintechnik-Studiums

Zu all diesen Themen finden Sie eine Vielzahl von Artikeln und aktuellen Meldungen unter medizintechnik-studium.info

Die Inhalte erstellt die Redaktion der Fachzeitschrift medizin&technik aus der Konradin Mediengruppe. Die studentische Organisation Komet, die Dachorganisation der Medizintechnik-Fachschaften, steuert ihre Erfahrungen und Einschätzungen an vielen Stellen bei und hält Informationen für Interessenten am Medizintechnik-Studium bereit.


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