Integration ergänzt Hörgeräte - medizin&technik - Ingenieurwissen für die Medizintechnik

Mediziner über Technik

Integration ergänzt Hörgeräte

Prof. Birger Kollmeier ist als Physiker und Mediziner an der Universität Oldenburg tätig. Die Geschicke der Hör Tech gGmbH und des Exzellenzclusters Hearing4all bestimmt er als Wissenschaftlicher Leiter. 2012 erhielt er den Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten Bild: Hör Tech
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Hörtechnik | Die Zukunft der Hörtechnik liegt nicht nur in intelligenten Hörgeräten, sondern auch darin, adaptierbare Technik in Alltagsgeräte zu integrieren. Laut Prof. Birger Kollmeier, der sich an zahlreichen Projekten zur Hörtechnik beteiligt, sind in nächster Zeit unter anderem leistungsfähigere Prozessoren und Schnittstellen gefragt.

Herr Professor Kollmeier, das Hörzentrum Oldenburg feiert 2016 sein 20jähriges Bestehen. Mit welcher Vision haben Sie das Zentrum ins Leben gerufen?
Damals begann gerade die Entwicklung digitaler Hörgeräte, es gab sehr viel Know-how in der Technik, der Audiologie und der Medizin. Aber dieses Wissen war an Uni und Klinik verteilt. Im Hörzentrum wollten wir interdisziplinär arbeiten, alles zum Thema Hören vereinen und auf dieser Basis auch mit der Hörgeräteindustrie zusammenarbeiten. Inzwischen sind wir ein weltweit gefragter Ansprechpartner für die Industrie.
Was war aus Ihrer Sicht die wichtigste Entwicklung in diesem Zeitraum?
Wir haben einen weiten Weg zurückgelegt, von groben fleischfarbenen analogen zu volldigitalen Hightech-Geräten, die ein binaurales Hören ermöglichen und die Träger mit dem Rest der Welt verbinden. Wenn Sie die Produkte anschauen, gibt es kaum noch einen Unterschied zu einem Bluetooth-Headset, das man ans Smartphone anschließt.
Was macht das ideale Hörgerät aus Sicht des Arztes aus?
Es muss zum Patienten passen. Denn jeder Mensch ist verschieden, hat eine individuelle Hörschädigung und lebt ein Leben unter Bedingungen, die stark variieren können. Wer meist allein oder in kleinen Gruppen lebt und viel im Wald spazieren geht, braucht eine andere Unterstützung als jemand, der viel und in großen Menschengruppen kommuniziert. Darauf muss auch die Technik eingehen. Und wir brauchen seitens der Diagnostik mehr als ein Audiogramm. Zu wissen, welche Töne ein Mensch noch hört, reicht zum Klassifizieren aus. Wie wir hingegen durch Sprachtests mehr über seine über seine Hörfähigkeit im Alltag erfahren, wird derzeit intensiv beforscht.
Welche technischen Möglichkeiten bietet Hörtechnik heute?
Das Spektrum reicht von Hörassistenzsystemen, die Menschen mit leichten Einschränkungen unterstützen, über das Hörgerät bis zum Cochlea-Implantat – also einem elektronischen Implantat, das schwere Hörverluste ausgleichen kann. Das Hören damit ist nicht das Gleiche, was Gesunde erleben. Aber vor allem für Kinder ist es wichtig, Hörverluste rechtzeitig auszugleichen, damit sie in ihrer Entwicklung nicht eingeschränkt werden. Den größten Anteil haben aber sicher die Hörgeräte: In Deutschland bekommen etwa 500 000 Nutzer pro Jahr eines – wohingegen Implantate nur in einigen Tausend Fällen gebraucht werden.
Welche technischen Fragen beschäftigen derzeit die Entwickler?
Wir brauchen kleine und leistungsstarke akustische Wandler, die wenig Energie verbrauchen – das ist nach wie vor eine Herausforderung. Weitere Themen sind die Batterien oder Akkus, deren Leistungsdichte noch zu wünschen übrig lässt. Aus kosmetischen Gründen ist die Miniaturisierung bei den Hörgeräten und damit auch bei ihrer Energieversorgung immer ein Thema. Auch die Prozessortechnologie beschäftigt die Branche. Um mit einem Hörgerät bestimmte Funktionen umzusetzen, brauchen wir die Rechenleistung eines leistungsfähigen Laptops, aber die Prozessoren müssen mit einem Volt und einer Mini-Batterie eine Woche lang arbeiten. Und nicht zuletzt brauchen wir einheitliche Schnittstellen für die drahtlose Technik. Mit Bluetooth sind wir wegen der hohen Latenz und des Stromverbrauchs schnell am Ende. Neue Standards werden zwar entwickelt, aber im Moment gibt es zu viele herstellerspezifische Lösungen. Bis wir die erforderliche Normierung erreichen, wird es wohl noch eine Weile dauern.
Was soll Hörtechnik noch leisten?
Bisher kompensiert sie vor allem, was der Mensch verloren hat. Die Zukunft wird intelligenten Hörgeräten gehören, die erkennen, was der Nutzer gerade braucht. In welche Richtung schaut er? Findet eine Unterhaltung statt, möchte er zuhören, so dass sich das Hörgerät darauf einstellen sollte? Oder scannt er den Raum, sammelt also eher allgemeine Informationen? Solche Funktionen werden als kognitive Hörhilfen bezeichnet. Entsprechende Entwicklungen laufen gerade an.
Und was wäre die Zukunftsvision?
Da denke ich an den Babelfish aus dem Science-Fiction-Roman ‚Per Anhalter durch die Galaxis‘, den man sich ins Ohr steckt und dann jede Sprache in jeder Situation versteht. Eine komplette Übersetzung können wir noch nicht bieten, aber an einer lokalen Spracherkennung wirdzum Beispiel in unserer Fraunhofer-Abteilung gearbeitet – und das funktioniert, ohne wie die heute üblichen Systeme den Umweg über das Internet zu nehmen.
Gibt es Ansätze, Hörgeräte mit weiteren Funktionen auszustatten?
Im Prinzip ist das Ohr ein guter Ort, um Hirn- und Körperfunktionsdaten aufzunehmen – bis zur Anwendung ist es aber noch ein weiter Weg.
Wo gibt es Wechselwirkungen mit der Consumer-Elektronik?
Da immer mehr Nutzer von Alltagsgeräten Probleme mit dem Hören haben, ist es sinnvoll, Hörtechnik in Smartphones, Fernseher oder andere Geräte zu integrieren. Diese muss dann individuell anpassbar sein. So etwas ist kommerziell bereits verfügbar, für Kopfhörer oder auch als Voice-over-IP-App.
Wo wird die Hörtechnik in fünf oder zehn Jahren stehen?
Wir werden unauffälligere und bessere Geräte haben. Die Grenze zwischen Hörgerät und Headset wird verschwimmen, so dass diese, wie schon die Brille, mehr oder weniger zum modischen Accessoire werden. Technisch sind wir auf einem guten Weg, und beim Design starten wir gerade. Ein Bekannter berichtete mir neulich begeistert davon, dass er über sein Hörgerät telefoniere und es ‚mitten in seinem Kopf klingelt‘. Das bringt es auf den Punkt: Die Integration von Funktionen ist die Richtung, in die wir gehen.
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