Alternsforschung 100 Jahre alt – und gesund - medizin&technik - Ingenieurwissen für die Medizintechnik

Alternsforschung

100 Jahre alt – und gesund

Prof. Björn Schumacher leitet seit 2013 den Lehrstuhl für Genomstabilität in Alterung und Erkrankung am CECAD Exzellenzcluster für Alternsforschung und ist seit 2014 Präsident der DGfA Bild: MFK/Uniklinik Köln
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Alternsforschung | Im Thesenpapier der Deutschen Gesellschaft für Alternsforschung (DGfA) werden altersbedingte Krankheiten als Pulverfass für den demographischen Wandel bezeichnet. DGfA-Präsident Prof. Dr. Björn Schumacher erläutert, warum das so ist und welche Schlussfolgerungen man daraus ziehen sollte.
Dr. Birgit Oppermann birgit.oppermann@konradin.de
Herr Professor Schumacher, im Thesenpapier fordern Sie massive Investitionen in die Alternsforschung. Welches Zukunftsszenario begründet diese?
Wir bewegen uns auf eine Zukunft zu, in der es viel mehr ältere Menschen geben wird als heute, die zum großen Teil an verschiedenen Krankheiten leiden – und das voraussichtlich über einen langen Zeitraum. Heute sind rund 60 Prozent der Menschen, die älter sind als 65 Jahre, multimorbid. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei etwa 80 Jahren, was eine lange Zeit des Leidens und der Behandlung bedeutet. Andererseits gibt es sehr alte Menschen, die sich bis kurz vor ihrem Tod guter Gesundheit erfreuen. Daraus ergibt sich eine gesellschaftliche Verantwortung, herauszufinden, was diesen Unterschied hervorruft, und das Wissen zu nutzen, damit mehr Menschen länger gesund bleiben. Auch der wirtschaftliche Aspekt spielt eine Rolle. Die Kosten für die Behandlung vieler alter und kranker Menschen werden immens sein – und bei weitem über dem liegen, was die Erforschung des Alterns kostet.
Wie intensiv wird das Thema bisher bearbeitet?
In dieser Richtung wird seit etwa zehn bis fünfzehn Jahren geforscht. Wir betreiben in Köln im Exzellenzcluster biologische und medizinische Forschung. In Jena beschäftigen sich Wissenschaftler am Fritz-Lipmann-Institut damit, und in den Niederlanden, in Frankreich sowie in Kalifornien gibt es einzelne Institute, die die komplexen Vorgänge des Alterns untersuchen. Vergleicht man das mit der Krebsforschung, ist klar, dass wir noch sehr wenig wissen.
Was ist über das Altern bekannt?
Insgesamt ist das ein komplexer Vorgang, der offenbar stark damit zusammenhängt, wie gut es die Zellen schaffen, die vielen kleinen Schäden im Erbgut zu reparieren, die sich aus Umwelteinflüssen laufend ergeben. Wer einen gut funktionierenden Reparaturmechanismus hat, wird alt und bleibt dabei gesund. Auf wen das zutrifft, bestimmen einzelne Gene des Individuums. In den 90er Jahren wurde das zuerst an winzigen Fadenwürmern nachgewiesen. Inzwischen wissen wir, dass die gleichen Gene in anderen Organismen und auch im Menschen eine Rolle spielen. Hochbetagte gesunde Menschen haben an diesen Genorten Besonderheiten. Indem wir sie genauer untersuchen und den Prozess besser verstehen, können wir Therapiewege ableiten, die Menschen länger gesund sein lassen.
Gibt es dazu schon Beispiele?
Ja. Zum einen wissen wir, dass ein Insulin-ähnliches Signal das Altern mit steuert. Daraus ergeben sich Ansatzpunkte für präventive pharmakologische Behandlungen. Metformin, das gegen Typ-II-Diabetes eingesetzt wird, kann nach Ergebnissen einer Studie aus den USA das Krankheitsrisiko im Alter senken. Mäuse, die mit Rapamycin behandelt wurden, blieben länger gesund und wurden älter. Da Rapamycin auch das Immunsystem unterdrückt, ist die Frage nach der Dosis kritisch. Beide Beispiele zeigen aber, in welche Richtung wir denken können: Statt viele Erkrankungen multimorbider Patienten mit vielen Therapien zu behandeln, wäre die Alternative, präventive Maßnahmen zu ergreifen und möglichst zu verhindern, dass die Krankheiten auftreten.
Welche Fragen sollte eine intensivierte Forschung beantworten?
Wir müssen durch Grundlagenforschung eine solide Basis haben. Dann hätten wir nach vielleicht zehn Jahren Ansatzpunkte für präventive Therapien. Ein Kandidat dafür ist die Kalorienzufuhr. Gerade wird untersucht, wo genau das Optimum für ein langes und gesundes Leben liegt. Da nicht davon auszugehen ist, dass sich Menschen freiwillig beim Essen einschränken, ist der nächste Gedanke, einen Wirkstoff zu suchen, der im Körper die gleichen Reaktionen hervorruft wie eine kalorische Restriktion. Wenn man allerdings glaubt, dass es eine Wunderpille geben wird, wäre das zu viel erwartet.
Ist mit Nebenwirkungen zu rechnen?
Jedes Medikament hat Nebenwirkungen, und sie müssen besonders gut untersucht werden, wenn gesunde Menschen einen Wirkstoff über einen langen Zeitraum zu sich nehmen. Dafür werden groß angelegte Studien erforderlich sein.
Wie wichtig sind zukünftig Diagnose und Therapie von Erkrankungen?
Wenn wir präventiv arbeiten wollen, ist Diagnose sehr wichtig. Sie muss allerdings viel früher ansetzen und nach anderen Markern Ausschau halten als heute. Das können Veränderungen in der DNA-Sequenz sein, aber auch epigenetische Marker – also Veränderungen am Erbgut, die zum Teil vererbt werden und zum Teil durch den eigenen Lebenswandel verursacht werden. Damit könnten wir Zeichen des Alterns früh erkennen, nämlich an der Abweichung zwischen dem biologischen und dem chronologischen Alter. Und wir könnten nachweisen, ob eine Therapie das Altern aufhält und wie wirksam sie ist.
Welche Aufgaben könnten Medizinprodukte übernehmen?
Sinnvoll wäre es, Medizinprodukte so zu konzipieren, dass sie am Gesunden eingesetzt werden und dazu beitragen, ein Erkranken zu verhindern. Sicher kann auch eine Kombination aus Gerät und Wirkstoff interessant sein. Das zeigt: In der Grundlagenforschung müssen wir uns breit aufstellen.
Wie bewerten Sie Telemedizin oder Ambient Assisted Living ?
Wir haben schon viele Patienten, die wir versorgen müssen und für die wir sofort Lösungen brauchen, daher sind solche Ansätze sicher sinnvoll. Wenn es uns gelingt, gesund zu altern, wäre der Bedarf dafür kleiner.
Wie gut gelingt es, Verantwortung für die Gesundheit im Alter zu übernehmen?
Schlecht bis gar nicht. Obwohl wir wissen, dass ausgewogene Ernährung und Sport gut für uns sind, Rauchen und Sonnenbäder hingegen schlecht, handeln wir nicht danach. Das liegt daran, dass wir langfristige Folgen im Moment nicht richtig einschätzen. Ein Marker, der mir zeigt, dass mein biologisches Alter wegen meiner Lebensweise das chronologische Alter schon weit übersteigt, könnte das vielleicht ändern.
Verschiebt gesundes Altern das Problem nicht einfach nur nach hinten?
Nein. Das Ziel ist ja, sich dem anzunähern, was gesunde Alte heute erleben: Sie erkranken erst ein oder vielleicht zwei Jahre, bevor sie an Altersschwäche – vielleicht an Herzversagen – sterben. Und es geht auch nicht darum, beliebig alt zu werden. Die durchschnittliche Lebenserwartung könnte sich von heute 80 auf etwa 100 Jahre verschieben. Aber mehr als etwa 115 Jahre alt können Menschen nach derzeitigem Wissensstand wohl nicht werden.

Weitere Informationen
Zur Deutschen Gesellschaft für Alternsforschung:
alternsforschung.org
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