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Individualisierte Behandlung schließt Medizintechnik mit ein

Personalisierte Medizin: Die richtige Therapie an die richtigen Patienten bringen
Individualisierte Behandlung schließt Medizintechnik mit ein

Prof. Dr. Heyo K. Kroemer ist Dekan der Medizinischen Fakultät der Universitätsmedizin Göttingen und einer der Sprecher der Arbeitsgruppe Individualisierte Medizin der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina e.V.
Personalisierte Medizin ist umso wichtiger, je größer der Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung wird, sagt Prof. Dr. Heyo Kroemer. Er rechnet mit rasanten Fortschritten, wobei sich auch für die Medizintechnik Chancen bieten.

Herr Professor Kroemer, was ist mit Begriffen wie personalisierte, stratifizierte oder individualisierte Medizin gemeint?

Über diese Formulierungen wird aktuell viel diskutiert. Meines Erachtens kann man sie synonym verwenden: Gemeint ist damit modernste Diagnostik, die es ermöglicht, Patienten oder auch Patientengruppen genau zu charakterisieren und dann gezielt zu therapieren. Damit lässt sich die Behandlung effektiver machen, unerwünschte Wirkungen werden vermieden und die Kosten insgesamt reduziert. Für die Zukunft steht dahinter die Vision, eine systemische Medizin zu entwickeln. Diese würde es ermöglichen, eine Krankheit ganzheitlich zu betrachten, zu verstehen und zu behandeln.
Welche konkreten Verbesserungen bringt personalisierte Medizin?
Im Augenblick kommt das Thema als Hype daher. Das liegt unter anderem daran, dass wir jetzt gerade die technischen Möglichkeiten haben, die Diagnostik zu vertiefen, viele Daten zu erfassen und auszuwerten – seien das nun Informationen aus dem individuellen Erbgut, das maschinell sequenziert wird, oder kardiologische Daten, die das Smartphone quasi nebenbei erfasst. Wie wichtig personalisierte Medizin ist, wird sich aber erst zeigen, wenn die Zahl älterer Menschen in der Bevölkerung weiter gestiegen ist und die Kosten für das Gesundheitssystem auf immer weniger Schultern lasten. Dann werden Konzepte gebraucht, die die richtige Medizin zu den richtigen Patienten bringen. Und ich rechne mit rasantem Fortschritt in diesem Bereich.
Wo wird schon personalisiert behandelt?
Die bekanntesten Beispiele stammen aus der Onkologie. Hautkrebs und Lungenkrebs waren bis vor wenigen Jahren Diagnosen, die keine Hoffnung ließen. Inzwischen gibt es Substanzen, die gegen schwarzen Hautkrebs außergewöhnliche Effekte erzielen – aber nur bei Patienten, deren Erkrankung auf eine bestimmte genetische Eigenschaft zurückzuführen ist, was etwa bei der Hälfte der Betroffenen zutrifft. Eine Studie mit „allen“ Patienten hätte uns die hervorragende Wirkung bei bestimmten Fällen nicht gezeigt. Ähnliches wurde bei einer Substanz beobachtet, die gegen Lungenkrebs eingesetzt wird. Außerhalb der Onkologie lässt sich die cystische Fibrose gezielt behandeln – ein Defekt auf zellulärer Ebene, der meist zu einem frühen Tod führt. Bei bestimmten Patienten kann ein spezieller Wirkstoff die Lungenfunktion wieder herstellen.
Wie sieht es mit den Kosten aus?
Richtig ist, dass jede Medikamentenentwicklung hohe Kosten verursacht, ob viele oder wenige Patienten mit dem gleichen Medikament behandelt werden. Daher werden wir darüber reden müssen, woher die Summen kommen. Aber auch eine andere Sichtweise ist interessant: Jüngst machte eine Substanz Schlagzeilen, die bei Hepatitis C eingesetzt werden kann, für 100 000 Euro pro Behandlung. Aber dass sich mit so einer Therapie eine Lebertransplantation vermeiden lässt, muss man bei der Bewertung berücksichtigen.
Welche Rolle spielt die Industrie?
Bisher haben wir vor allem mit der Pharmaindustrie zu tun, die sich über viele Jahre sehr skeptisch gezeigt hat. Doch die Idee hinter der personalisierten Medizin beschränkt sich nicht auf Substanzen, sondern lässt sich auf die Medizintechnik ausweiten. Ein Beispiel dafür ist ein Kind mit instabilem Bronchialsystem, das unter Atemnot litt. Auf der Basis von MRT- und CT-Daten wurde für dieses Kind ein individuelles Unterstützungssystem aus bioresorbierbaren Polymeren im 3D-Druck hergestellt – es stützte die Bronchien, bis diese sich selbst stabilisiert hatten. Das ist individualisierte Medizin auf höchstem Niveau. Es gibt aber noch weitere Ansatzpunkte bei Medizinprodukten: Defibrillatoren und Herzschrittmacher zum Beispiel sind mit Sensoren bestückt. Diese zeigen, was das Implantat tut, und liefern Daten über den physiologischen Zustand des Patienten. In diesen Daten steckt großes Potenzial, wenn man sie auswerten könnte.
Welche Daten werden denn gebraucht?
Wir brauchen viele Daten von vielen Patienten, um Gruppen zu definieren und auch seltene Konstellationen zu finden und zu erkennen. Die Arbeit mit solchen Datenmengen wirft aber Fragen auf. Das betrifft die Sicherheit, die Frage, wem diese gehören, oder auch wie man verfährt, wenn ein Patient seine Daten nicht mehr zur Verfügung stellen möchte. Leider muss man sagen, dass Deutschland, was diese Aspekte der Krankenhaus-IT angeht, ein Entwicklungsland ist: An der Schnittstelle zwischen Krankenhaus-Routine und Forschung sind wir unwahrscheinlich schlecht. Doch könnte zum Ende des Jahres ein vom Bundesforschungsministerium gefördertes Projekt hierzu anlaufen. Das wäre ein echter Meilenstein.
Was müsste noch getan werden?
Wir sollten eine vernünftige Infrastruktur für das Hochdurchsatzscreening aufbauen, um genetische Informationen zu erfassen. Vier bis fünf Zentren auf dem neuesten Stand sollten für Deutschland ausreichen. Und wir müssen Menschen ausbilden, die die Kompetenzen haben, um an der Schnittstelle zwischen Medizin, IT und Technik arbeiten zu können.
Wie gut passt personalisierte Medizin zum heutigen Gesundheitssystem?
Deutschland hat eines der besten Systeme der Welt – und sicher eines der patientenfreundlichsten. Personalisierte Medizin erfordert Änderungen, aber wir sollten genau überlegen, was wir ändern, und einen gesellschaftlichen Konsens suchen. Denn unangenehme Entscheidungen bleiben uns nicht erspart. Wenn ein Medikament mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit einem Patienten in einer lebensbedrohlichen Situation nicht hilft, wird dieser Mensch seine Fünf-Prozent-Chance vielleicht dennoch nutzen wollen.
Kritiker sagen, die hohen Erwartungen an personalisierte Medizin seien überzogen…
Man sollte die Dinge immer nüchtern und verhalten optimistisch betrachten. Aber was heute in der Onkologie gemacht wird, hätte vor zehn Jahren niemand für möglich gehalten. Daher denke ich, dass wir in zehn Jahren selbst Volkskrankheiten nach dem Konzept der personalisierten Medizin werden angehen können – auch wenn das heute noch in weiter Ferne scheint.
Dr. Birgit Oppermann birgit.oppermann@konradin.de
Weitere Informationen Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina e.V.: www.leopoldina.org Stellungnahme der Leopoldina zu individualisierter Medizin: http://bit.ly/1DW7icq Dem Thema Personalisierte Medizin ist auf der Messe Biotechnica ein eigener Bereich gewidmet: www.biotechnica.de/de/pmt

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