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Chirurgische Naht: Heute und in der Medizingeschichte

Wundversorgung
Mit Nadel und Faden zur chirurgischen Naht

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Wunden im Körper werden heute mit speziell an die Aufgabe angepassten Materialien und Werkzeugen versorgt (Bild: Fotolia/Todor Rusinov)
Löcher flicken, Getrenntes zusammenfügen – in diesem Punkt arbeiten Chirurg und Schneider ähnlich. Während früher  beide  sogar das gleiche Material verwendeten, bieten heute sterile Hightech-Materialien für jede Anwendung die passende Nadel-Faden-Kombination für die chirurgische Naht.

Anke Biester
Fachjournalistin in Aichstetten

Wunden wurden schon im alten Ägypten mit Nadel und Faden auch vernäht: Ein ägyptischer Papyrus aus der Zeit vor rund 1500 v. Chr. beschreibt den Wundverschluss durch Leinenfäden sowie -pflaster. Steril war das Ganze natürlich nicht und endete dadurch häufig tödlich.

Jungfrauenhaare für die chirurgische Naht

Genäht wurde früher kurz gesagt mit allem, was sich einigermaßen gut handhaben ließ und nicht zu sehr aufquoll, so zum Beispiel Leinenzwirn, Pergament, Gold oder Schleimharzen wie Kautschuk. Zum Einsatz kamen auch tierische Materialien wie Pferde- oder Kamelhaar, tierischer Darm, Federkiele, Seide oder Silkwormgut, ein Fadenmaterial der Schmetterlingsart Seidenspinner. Im 16. Jahrhundert waren auch Jungfrauenhaare en vogue.

Erst die Ameise, dann die Naht

Kleiner Exkurs: Für die heutige Wundklammerung gab es einen tierischen Vorläufer. So berichtet im 10. Jahrhundert der andalusisch-arabische Arzt Abu l-Qāsim (auch als Abulcasis bekannt) in seinem Lehrbuch: „Schwarze Ameisen beißen sich in den Wundrändern fest, werden dann geköpft, und ihre Zangen bleiben in den Eingeweiden zurück. Die Eingeweide werden in die Bauchhöhle zurückgelegt und der gemachte Einschnitt in der Bauchdecke wird mit einer Nadel vernäht.“ Diese Methode haben Menschen in Indien bereits seit 500 v. Chr. verwendet. Sie breitete sich von dort bis nach Kleinasien, Europa und Nordafrika aus.

Catgut: das erste sterile Material für eine chirurgische Naht

Aber zurück zur Naht an sich: Erst 1906 entstand der erste wirklich sterile Faden aus so genanntem Catgut (tierischer Darm oder Rinderkollagen). Für eine chirurgische Naht stehen heute im Grunde drei verschiedene Materialien zur Verfügung:

  • Metall,
  • Polymere oder
  • Seide.

Heute muss chirurgisches Nahtmaterial viele Anforderungen erfüllen: Es muss steril und gewebeverträglich sein. Weder der Faden noch der Knoten, den der Arzt macht, dürfen schnell reißen oder brechen. Der Faden darf keine Kapillarwirkung aufweisen, um nicht im Gewebe aufzuquellen. Er soll sich nur minimal dehnen oder allenfalls reversibel und berechenbar, was auch als Gummibandeffekt beschrieben wird. Der Knoten soll fest sitzen. Und natürlich soll sich der Faden in Bezug auf Flexibilität, Geschmeidigkeit und Knüpfbarkeit leicht handhaben lassen.

Bei der Einteilung des Nahtmaterials wird darüber hinaus nach Resorbierbarkeit, Materialherkunft und Fadenaufbau unterschieden. Fäden sind inzwischen nicht nur monofil, also aus einem Einzelfaden bestehend, sondern auch multifil – aus mehreren verdrehten, geflochtenen oder verzwirnten Fäden– , und können zusätzlich beschichtet sein.

Ein Maß für den Faden

Ein einheitliches Maß für die Dicke eines Fadens zu finden, war schon früher wegen der verschiedenen Materialien nicht einfach. So definierte man zu Beginn der industriellen Fadenproduktion die Dicke des ersten gefertigten Fadens mit 1, alle nachfolgenden dickeren Materialien erhielten dann eine aufsteigende Kennzeichnung mit 2, 3, 4 und so weiter.

Doch dann wurden dünnere Fäden verlangt. Die Lösung für die Maße: Der erste dünnere Faden erhielt die Null, danach ging es abwärts, 2/0, 3/0, 4/0 und so fort. Als europäische einheitliche Maßeinheiten gelten daher nun die X/O Werte. Je höher der Wert, desto dünner der Faden. Eine Hautnaht verschließt der Arzt zum Beispiel normalerweise mit einem 3/0er- oder 4/0er-Faden – mit einer Dicke von 0,2 mm bis 0,3 mm.

Nadeln und Faden an die Bedürfnisse des Chirurgen und der erforderlichen Naht angepasst

Heutzutage ist das Material steril, Nadel und Faden sind zu einer Einheit verbunden und haben nur noch sehr wenig gemein mit dem Handwerkszeug eines Schneiders. Für jede Anwendung gibt es angepasste Einweg Nadel-Faden-Kombinationen: unterschiedlichste Fadenmaterialien und -dicken, ebenso entsprechende Nadeln in verschiedenen Formen, Längen und Durchmessern.

Vernäht wird heute oft nicht mehr direkt von Hand, sondern mit Hilfe eines so genannten Nadelhalters: Die Operateure tragen Handschuhe und können mit dem Nadelhalter leichter nähen sowie auch wesentlich kleinere Nadeln fassen. Sie können in tiefere Wundhöhlen eindringen. Auch versehentliche Stichverletzungen sind mit dem Nadelhalter weniger häufig, was die Gefahr einer Infektion verringert.

Die gute Naht: das Ideal für Chirurg und Schneider

Die Fäden muss der Chirurg je nach Material später wieder ziehen. Oder sie können, zum Beispiel bei Wunden im Körperinneren, im Körper verbleiben und werden dort resorbiert. Spezielle Nähte und Knoten sorgen für eine größere Halt-, Dehn- oder auch „Unsichtbarkeit“ – unschöne, leiterartige Quernarben gibt es kaum noch. Eine gute Naht gehört inzwischen zum Selbstverständnis der Mediziner und ist heute quasi Alltag. In diesem Punkt sind sich Schneider und Chirurg in der Moderne wieder sehr nah.

Mehr dazu:
Eine ganze Dissertation ist dem Thema gewidmet.
http://d-nb.info/969152930/34

Mehr über moderne Entwicklungen:

Chirurgische Naht: Gedrucktes Instrument näht schneller als der Arzt

 

 

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