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Pandemien: Wie Menschen früher damit umgingen

Coronavirus: Pandemien in der Geschichte
So schnell wie heute war die Medizin bei Pandemien noch nie

Marion Maria Ruisinger Coronavirus Pandemie Medizingeschichte Deutsches Medizinhistorisches Museum
Prof. Dr. Marion Maria Ruisinger leitet das Deutsche Medizinhistorisches Museum in Ingolstadt (DMMI) (Bild: Christopher Beschnitt)
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Infektionskrankheiten gibt es, seit Menschen sesshaft wurden, Pandemien, seit sie viel reisten. Die starke Ausbreitung von Krankheiten hat Weltordnungen ins Wanken gebracht und in der Wissenschaft Entwicklungsschübe verursacht. Dass sie für Menschen, die eine Pandemie gerade erleben, in jedem Fall eine unvorstellbare Entwicklung sind, beschreibt Prof. Marion Maria Ruisinger, Medizinerin und Leiterin des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt (DMMI).

Dr. Birgit Oppermann
birgit.oppermann@konradin.de

Frau Professor Ruisinger, sind Pandemien in einem Ausmaß, wie wir heute das Coronavirus erleben, so alt wie die Menschheit?

Interessanterweise scheint das nicht der Fall zu sein. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen an der Erbsubstanz verschiedener Erreger, mit denen man versucht, deren Evolution nachzuvollziehen. Dabei hat sich gezeigt, dass Infektionskrankheiten wohl erst entstanden, als die Menschen sesshaft wurden und auf engem Raum miteinander und mit ihren Tieren lebten. Das war für verschiedene Erreger die Gelegenheit, den Menschen als weiteren Wirt zu erobern. Pandemien – also die bedeutende Ausbreitung einer Infektionskrankheit auf mehr als einem Kontinent – dürften noch später entstanden sein: als die Menschen selbst mobiler wurden und Handelsbeziehungen über weite Strecken aufbauten. Je schneller und je weiter die Menschen reisten, desto schneller konnten sich Erreger mit ihnen verbreiten.

Wie sah das zum Beispiel aus?

Eine bekannte und auch schriftlich belegte Pandemie war der Schwarze Tod, also die Ausbreitung der Pest im 14. Jahrhundert. Damals, im Spätmittelalter, waren die Voraussetzungen gegeben, unter denen eine Pandemie entstehen konnte. Der Erreger, das Bakterium Yersinia pestis, kam entlang der Handelswege von Asien mit Schiffsratten in Mittelmeerhäfen wie zum Beispiel Marseille und breitete sich von dort aus durch ganz Europa aus.

Wie hat die Pest-Pandemie die Gesellschaft verändert?

Sie hat an den Grundfesten der damaligen Gesellschaft gerüttelt. Die Kirche war eine zentrale Macht, um das Geschehen in der Welt zu deuten. Die Pest aber raffte ein Drittel oder sogar die Hälfte der gesamten europäischen Bevölkerung dahin, unabhängig vom Rang, vom individuellen Gesundheitszustand, der Ernährung oder der religiösen Ausrichtung. Auch Kirchenmänner waren nicht davor gefeit und starben. Das brachte das gewohnte Bild ins Wanken, die Kirche verlor ihre Deutungshoheit, es wurden auch Schuldige gesucht – was zu einer Verfolgung der Juden führte, denen man insgesamt unterstellte, sie hätten Brunnen vergiftet. Man geht sogar davon aus, dass die Pest dazu beigetragen hat, dass mit der Renaissance eine neue Epoche mit einer veränderten Weltsicht angebrochen ist. Nach dem Abklingen der Pest fehlte es an Menschen, die die Felder bestellen konnten. Erhebliche Zuzüge kamen aus Regionen, die weniger stark von der Krankheit betroffen waren – vor allem aus Osteuropa. Und es wurde erstmals so etwas wie ein Gesundheitssystem aufgebaut.

Wie sah dieses System aus?

In Deutschland gab es im 14. Jahrhundert viele kleine Reiche und Reichsstädte, die auch Handelsbeziehungen unterhielten, zum Beispiel nach Italien, speziell auch nach Venedig. In dieser italienischen Stadt wurde die Quarantäne erfunden, eine einfache Maßnahme, die sich aber als sehr wirkungsvoll erwies. Daher haben Städte und Herrscher auch andernorts dieses Konzept übernommen. Es wurden auch Pestärzte angestellt, die sich beim Auftreten der Krankheit um die Patienten kümmern mussten und keinesfalls davonlaufen durften. Es entstanden Medizinalkollegien, die die Oberen der Stadt beraten sollten – mit ähnlichen Aufgaben wie heute Gesundheitsministerien. Im Sinne der Quarantäne wurden Krankenhäuser außerhalb der Stadtmauern errichtet und die Friedhöfe wurden vom Kirchhof nach außerhalb verlegt. Als Träger für Patienten und Verstorbene wurden bevorzugt Menschen eingesetzt, die die Pest selbst überlebt hatten und weniger anfällig schienen. Und um keine Panik aufkommen zu lassen, fuhren die Leichenwagen nur nachts mit stoffumwickelten Rädern durch die Stadt. Auch wenn man damals keine Einblicke in den genauen Ablauf der Krankheit hatte, waren die Maßnahmen also geschickt gewählt.

War das Ende der Pest denn ein medizinischer Erfolg?

Im Grunde nicht. Die Krankheit verschwand von allein. Das kann daran gelegen haben, dass sich der Erreger veränderte oder auf für ihn klimatisch ungünstigere Bedingungen traf. Es kann sein, dass die Tiere, die ihn übertrugen, nicht mehr in dem Maße vorhanden waren. Und es kann sein, dass die meisten Menschen, die für die Infektion empfänglich gewesen waren, an der Krankheit verstorben sind und sich der Erreger unter den weniger empfänglichen nicht mehr verbreiten konnte.

Der Reisebetrieb unserer Zeit ist ein junges Phänomen. Wie schnell haben sich früher Pandemien verbreitet?

Bis ein Erreger in ganz Europa verbreitet war, hat es im 14. Jahrhundert sicher mehrere Jahre gebraucht.

Woran war für die Menschen erkennbar, dass eine Pandemie entsteht?

Die Menschen empfanden zur Zeit der Pest im 14. Jahrhundert die Situation und die vielen Toten überall als unvergleichliche Katastrophe. Es wurden relativ früh Depeschen geschrieben, die über das Ausmaß der Todesfälle berichteten und die Menschen warnten. Diese wurden weit über die eigenen Grenzen hinaus verbreitet.

Welche Veränderungen haben andere Infektionskrankheiten ausgelöst?

Sowohl Pocken als auch Kinderlähmung und Tuberkulose haben einiges in Gang gebracht. Gegen die Pocken wurde ein Impfmittel gefunden – nicht aufgrund einer wissenschaftlichen Erklärung, sondern durch die Beobachtung, dass sich eine Immunität bei denjenigen einstellte, die die Krankheit überwunden hatte. Damit besaß die Menschheit eine Möglichkeit, sich zu schützen. Die Kinderlähmung breitete sich in den 50er-Jahren beginnend in den USA stark aus und konnte, wenn die Atemmuskulatur ausfiel, zum Tode führen. Um das zu verhindern, wurde die Eiserne Lunge eingesetzt. Bei diesem sehr aufwendigen Gerät steckt der Patient komplett in einer metallischen Röhre, die mit Druckänderungen die Atmungsbewegungen des Brustkorbs imitiert. Dieses Gerät war eigentlich entwickelt worden, um eine seltene Form der Muskelschwäche zu behandeln. Das Verfahren war für die Vielzahl an Therapien dann so aufwendig, für die Patienten so unangenehm und für die Pflegekräfte so schwer zu handhaben, dass die Ausbreitung der Kinderlähmung die Entwicklung von Beatmungsgeräten gefördert hat, die denen ähneln, die wir heute kennen. Kinderlähmung ist übrigens auch heute noch eine unheilbare Krankheit. Wir können uns aber durch die Polio-Impfung schützen– die allerdings nur noch für Risikogebiete empfohlen wird.

Was änderte sich durch die Tuberkulose?

Bei der Tuberkulose wusste man schon, dass ein Erreger im Spiel war, hatte aber zunächst kein Medikament. Prävention war der einzige Ansatzpunkt, und so versuchte man, die Menschen zu einem veränderten Verhalten zu bewegen: anders zu husten, nicht auf die Straße zu spucken und den infektiösen Schleim möglichst unschädlich in speziellen Gefäßen zu entsorgen. Prävention war nur möglich, wenn jeder Einzelne sein Verhalten anpasste. Das hat am Ende auch funktioniert und geholfen. Und damit sind wir ziemlich genau bei der heutigen Situation: Es gibt einen Erreger, wir wissen schon einiges über ihn, haben aber weder Medikament noch Impfstoff – also müssen wir unser Verhalten der Situation anpassen.

Was lässt sich aus geschichtlichen Betrachtungen für die heutige Situation lernen?

Im Detail gibt es bei den Pandemien viele Unterschiede. Aber was man vielleicht sagen kann, ist, dass wir mit Schuldzuweisungen sensibel sein und uns bemühen sollten, nicht eine falsche Rhetorik zu bedienen. Krankheiten wurden immer als die Krankheiten der anderen benannt. Die Syphilis war in Frankreich die spanische Krankheit, in Deutschland die französische und in Polen die deutsche Krankheit – woraus sich der Verbreitungsweg direkt ableiten lässt. Ansätze für eine parallele Diskussion sehen wir heute, wenn das Coronavirus Sars-CoV-2 wahlweise als chinesisches oder amerikanisches Virus bezeichnet wird. Was uns weiter hilft, ist sicherlich Solidarität, die es auch schon zu Pestzeiten gab, wenn ein Bauer einfach das Feld des erkrankten Nachbarn mit bestellt hat. Und medizinisch helfen auch im aktuellen Fall – wie früher schon – nur Verhaltensänderungen und Quarantäne.

In welcher Hinsicht sind wir heute vielleicht besser dran als Menschen bei früheren Pandemien?

Erstens sehen wir rückblickend, dass es schon Pandemien gegeben hat und diese auch wieder enden. Der Erreger, mit dem wir es zu tun haben, ist nicht die Pest, die in kürzester Zeit eine extrem große Zahl an Todesfällen verursacht hat. Und auch wenn es uns lang vorkommt, vielleicht ein oder zwei Jahre auf ein Medikament oder einen Impfstoff warten zu müssen: So schnell waren die Menschen noch nie – wir haben also großes Glück, dass die Wissenschaft in kurzer Zeit so viel erreichen kann und können daraus eigentlich eine gewisse Gelassenheit entwickeln. Und beim Blick auf die Vergangenheit weniger überheblich sein. Heute wie damals bleibt uns nichts übrig, als das zu tun, was gerade machbar ist.


Weitere Informationen

Beispiele aus der Medizingeschichte, die zeigen, wie Menschen mit dem Auftreten von Pandemien umgegangen sind, zeigt das Deutsche Medizinhistorische Museum Ingolstadt auf seiner Website in der Covid19&History-Galerie.

www.dmm-ingolstadt.de/covid-19-history


Kontakt zum DMMI:

Deutsches Medizinhistorisches Museum – Stadt Ingolstadt –
Anatomiestr. 18-20
85049 Ingolstadt
Website: www.dmm-ingolstadt.de

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