Teleradiologie: Erfahrungen und Perspektiven des Westdeutschen Teleradiologieverbundes

Kein Riesennetz, aber viele Kontakte

Marcus Kremers ist Geschäftsführer der Medecon Telemedizin GmbH in Bochum
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Im Westdeutschen Teleradiologieverbund tauschen heute 100 Radiologie-Praxen und Krankenhäuser Bilddaten aus, um Patienten schneller zur Behandlung zu verhelfen. Medecon Telemedizin bietet die Infrastruktur dafür – und Geschäftsführer Marcus Kremers erläutert, wie er die Zukunft sieht.

Herr Kremers, wie steinig war der Weg zu einer Vernetzung der verschiedenen Systeme und zum reibungslosen Austausch der Bilddaten?

Technisch gesehen war das kein Problem. Da alle Geräte, die Bilder erzeugen, heute Daten im Dicom-Standard liefern und diese im krankenhauseigenen PACS gespeichert und verarbeitet werden, haben wir eine sehr gute Ausgangssituation gehabt. Wir mussten quasi ’nur‘ über ein Dicom-E-Mail-Gateway den Austausch der Daten zwischen den Häusern ermöglichen. Schwieriger war es, die Mitarbeiter in den einzelnen Abteilungen der teilnehmenden Häuser darüber zu informieren, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt und dass sie mitmachen können. Inzwischen aber wächst das Netzwerk recht gut: Wenn jemand mitbekommt, dass die Nachbarklinik von der Beteiligung am Teleradiologieverbund profitiert, geht bei uns bald die nächste Anfrage ein.
Ist das alles heute Routine? Könnte ganz Deutschland so arbeiten?
Aus technischer Sicht: ja. Allerdings glaube ich nicht, dass es eines Tages ein einziges riesiges Netzwerk gibt, das von einem Anbieter betreut wird. Das würde einen enormen Handlingsaufwand mit sich bringen. Realistischer sind mehrere regionale Netzwerke, die aber miteinander kommunizieren können müssen. Das kommt der menschlichen Natur auch näher. Wir zum Beispiel haben zwar hundert Teilnehmer im Verbund, aber es arbeitet nicht jeder mit jedem zusammen. Typischerweise finden sich Gruppen mit 10 bis 15 Ansprechpartnern, die häufiger in Kontakt kommen.
Wie offen sind die Mediziner für die Zusammenarbeit per E-Mail?
Die Radiologen waren dafür von Beginn an sehr offen. Das liegt natürlich daran, dass sie die Bilddaten erzeugen und das gesamte technische System dahinter verstehen und leicht damit arbeiten können. Für Ärzte aus anderen Fachgebieten ist der Einstieg etwas aufwendiger. Aber auch für Neurologen, Neurochirurgen oder auch Unfallchirurgen, die Bilder für ihre Arbeit brauchen, ist der Nutzen des schnellen Transfers offensichtlich, so dass sie Interesse an unserem Verbund äußern und einsteigen.
Wo sehen Sie Grenzen der Teleradiologie?
Um an einem solchen Verbund teilzunehmen, müssen sowohl beim Versender als auch beim Empfänger leistungsfähige Internet-Verbindungen vorhanden sein. Im Moment ist das alles kein Problem. Aber wir sprechen hier von großen Datenmengen. Wenn der Umfang der telemedizinischen Arbeit wächst, werden Krankenhäuser ihre Infrastruktur daran anpassen müssen. Bezogen auf die gesamte Breite der Telemedizin, sehe ich durchaus Grenzen, wenn die Telemedizin den Kontakt zu einem Arzt vollständig ersetzen soll. Dahin sollte es nicht laufen, aber die Telemedizin kann maßgeblich dabei unterstützen, die Versorgung aufrecht zu erhalten und teilweise zu verbessern.
Sehen Sie die Radiologie als Vorreiter in der Telemedizin?
Was die Kommunikation zwischen den Ärzten angeht, ja. Die Telemedizin reicht aber noch weiter, wenn wir zum Beispiel an das Erfassen von Vitaldaten der Patienten denken. Für solche Anwendungen spielen noch andere Fragestellungen, wie Datenschutz und Datensicherheit, eine große Rolle. Dies ist bei der Bilddatenkommunikation nicht ganz so kompliziert.
Wo liegt das größte Potenzial der Teleradiologie?
Es wird viel über den demographischen Wandel und den Mangel an Ärzten gesprochen. Es ist davon auszugehen, dass wir in Zukunft in vielen Regionen keinen Facharzt in der unmittelbaren Nähe eines Patienten haben werden. Da kann die Telemedizin sicher helfen, Lücken zu schließen, und es ist richtig, dass wir uns heute mit der Weiterentwicklung befassen. Dass es in Deutschland noch langsam vorangeht, liegt unter anderem an den gesetzlichen Vorgaben und Regulierungen, die zu beachten sind und die sich zögerlich glockern werden. Bedarf für telemedizinische Leistungen wird sich aber auch daraus ergeben, dass Patienten – wie im aktuellen Koalitionsvertrag niedergelegt – in bestimmten Fällen das Recht haben sollen, eine Zweitmeinung einzuholen. Das lässt sich mit Hilfe der Teleradiologie sicher einfacher bewerkstelligen.
Lässt sich das Konzept der Teleradiologie auf andere medizinische Fachgebiete übertragen?
Da die Anforderungen unterschiedlich sind, gehe ich nicht davon aus, dass man alles übertragen kann. Aber man kann von den Erfahrungen profitieren, und wir sollten auf jeden Fall auf einen Standard hinarbeiten, der für alle medizinischen Anwendungen geeignet ist. Die Teleradiologie soll und darf keine Insellösung sein. Daher begrüßen und unterstützen wir zum Beispiel die E-Health-Initiative und die Überlegungen zur Interoperabilität.
Wie sehen Sie die Zukunft ?
Ich gehe davon aus, dass wir in fünf Jahren eine ganze Reihe von Netzwerken wie den Westdeutschen Teleradiologieverbund haben werden. Mit dem Funktionieren dieser Netzwerke ist das Thema aber nicht abgeschlossen. Durch neue Anforderungen wird es einen kontinuierlichen Bedarf für die Weiterentwicklung der Technik geben.
Dr. Birgit Oppermann birgit.oppermann@konradin.de
Weitere Informationen Über den Westdeutschen Teleradiologieverbund: www.medecon-telemedizin.de

Westdeutscher Teleradiologieverbund
Am Anfang des Teleradiologieverbunds stand die Idee, in einem Pilotprojekt den Austausch von Daten zwischen Krankenhäusern und Radiologie-Praxen zu verbessern. Dieser Aufgabe nahm sich Ende 2011 das regionale Netzwerk der Gesundheitswirtschaft, Medecon Ruhr, unter dem Projekt Teleradiologieverbund Ruhr an. Ausgehend von den Picture Archiving and Communication System (PACS), die sowieso in jeder Klinik und Fachpraxis zum Verwalten und Befunden der Bilder verwendet werden, wurde ein Dicom-E-Mail-Gateway entwickelt. Es überträgt die Daten herstellerunabhängig. An der Entwicklung und dem Support des Gateway ist der PACS-Anbieter Visus beteiligt, der von Anfang an im Teleradiologieverbund Ruhr aktiv war.
Das Pilotprojekt funktionierte nach kurzer Zeit so gut, das ein dauerhaftes System etabliert wurde, über das monatlich 4000 bis 5000 Untersuchungen versendet werden. Finanziert wird es über Gebühren, die die Teilnehmer an den 2012 gegründeten Betreiber, die Medecon Telemedizin GmbH, entrichten. Über den reinen Gateway hinaus können alle Teilnehmer des Westdeutschen Teleradiologieverbundes ein aktuelles Verzeichnis einsehen, in dem sich alle Teilnehmer mit Telefonnummer, E-Mail-Adresse und Dienstzeiten eingetragen haben.
So einfach ein Austausch der Bilddaten im System auch ist: Für Teleradiologie gelten auch für die Teilnehmer im Verbund die Vrogaben der Röntgenverordnung (RöV). Sie schreibt vor, dass dort, wo eine Aufnahme gemacht wird, auch der Befund erstellt werden muss. Ausnahmen sind möglich, werden aber nur für Wochenenden und außerhalb der normalen Dienstzeiten in den Krankenhäusern genehmigt. Sollte diese Beschränkung gelockert werden, ergeben sich laut Medecon-Telemedizin-Geschäftsführer Markus Kremers noch viel mehr Anwendungsmöglichkeiten innerhalb des Westdeutschen Teleradiologieverbundes sowie anderer Netzwerke.
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