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Klimaneutrales Unternehmen: Wie schaffen KMU das?

Klimaneutrale Unternehmen
Klimaneutrales Unternehmen: Auch für KMU wichtig

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Andreas Werner ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Team Digital Engineering am Fraunhofer IAO in Stuttgart. Was die Digitalisierung leisten kann, um die CO2-Emissionen zu senken, ist eines der Themen im Team (Bild: Fraunhofer IAO)
Klimaneutrales Unternehmen? Noch sind gerade KMU mit der Digitalisierung sehr beschäftigt. Mit der Klimaneutralität kommt eine Anforderung hinzu. Laut Andreas Werner vom Fraunhofer IAO haben diese beiden Themen aber viel miteinander zu tun. Und der erste Schritt zu weniger CO2-Ausstoß– eine Grobanalyse – ist kleiner, als mancher denkt.

Dr. Birgit Oppermann
birgit.oppermann@konradin.de

Herr Werner, Klimaschutz soll schnell umgesetzt werden, auch von der Industrie. Wie groß ist bisher das Interesse?

Es sind vor allem große Unternehmen, die sich damit schon befassen. Dort sehen die Entscheider das Thema als wichtig an, nicht nur, weil es die für die Menschheit diskutierte Bedeutung hat. Auch Gesetze fordern ja bereits Veränderungen, ebenso Investoren und Gesellschaft. Es kommt aber noch etwas dazu. Wer sich jetzt schon mit einer CO2-neutralen Wirtschaftsweise befasst, sieht oft auch neue Geschäftsfelder entstehen, gerade im Maschinenbau. Die Idee dahinter ist: Wenn Produkte oder Lösungen für das eigene Unternehmen entwickelt werden, ist das ein Paradebeispiel für Interessenten, die ihr Unternehmen ebenfalls umstellen wollen oder müssen und dann diese neuen Produkte und Lösungen kaufen. Im Mittelstand hingegen sind die CO2-Emissionen noch nicht so im Fokus.

Nachhaltigkeit in der Medizintechnik

Wie viel Zeit können sich Unternehmen lassen, um sich dem Thema zu stellen?

Eigentlich keine. Das Bundesklimaschutzgesetz gibt vor, dass die CO2-Emissionen bis 2030 um 65 Prozent sinken müssen und bis 2040 um 88 Prozent. Das ist nicht mehr lange hin – und langfristig werden auch produzierende Unternehmen CO2-neutral wirtschaften müssen. Nun heißt das noch nicht, dass jedes einzelne Unternehmen in acht Jahren den größten Teil seiner Emissionen eliminiert haben muss. Aber die Erwartung ist klar, dass jeder seinen Beitrag dazu leisten muss. Jetzt ist also der beste Zeitpunkt, um die richtigen Ansatzpunkte zu erkennen und zu nutzen.

Was sind die Ansatzpunkte für mehr Klimaschutz – in der Industrie?

Das kann man grundsätzlich und im zweiten Schritt für jedes Unternehmen einzeln beantworten. Grundsätzlich gibt es drei Säulen, auf die man sich stützen kann. Die erste ist die Kompensation: Man stößt weiterhin CO2 aus und bezahlt Organisationen dafür, dass an anderer Stelle etwas fürs Klima getan wird. Diesen vermeintlich schnellen Weg gehen derzeit viele und nutzen die Zertifikate fürs Marketing. Die zweite Säule ist das Abscheiden von CO2, wofür es verschiedene Wege gibt: Bäume pflanzen, Abgase unterirdisch speichern oder in großem Maßstab CO2 auf geochemischem Weg versuchen zu binden. Gerade der letztgenannte Weg liegt aber nicht mehr im Einflussbereich einzelner Unternehmen. Dritte und wichtigste Säule ist das tatsächliche Absenken von CO2-Emissionen – indem man fossile durch erneuerbare Energien ersetzt, Prozesse für mehr Ressourceneffizienz optimiert, langlebigere Produkte herstellt und ähnliches.

Nachhaltigkeit – von der Entwicklung bis zur Produktion

Welche der Säulen sollte man wählen?

Am besten alle drei, und zwar in der umgekehrten Reihenfolge, denn wir werden den tatsächlichen CO2-Ausstoß langfristig reduzieren müssen. Die Kompensation sollten wir uns dafür aufheben, am Ende noch die Menge an CO2-Ausstoß auszugleichen, die wir trotz aller ergriffenen Maßnahmen nicht vermeiden können.

Was bedeutet das, heruntergebrochen auf ein einzelnes Unternehmen?

Das wird für jedes Unternehmen unterschiedlich sein. Schon ein Quick Assessment verrät viel und überrascht manchmal. Für ein Unternehmen aus der Druckguss-Branche hat sich nach so einer Analyse und der Umsetzung der identifizierten Maßnahmen gezeigt, dass der wesentliche Stellhebel die externe Energiebereitstellung ist. Den größten Effekt hatte die Umstellung auf zertifizierten CO2-neutralen Strom. Nur ein relativ geringer Prozentsatz an CO2-Emissionen konnte durch interne Energiebereitstellung eingespart werden, wie ein Blockheizkraftwerk für Wärme, sowie durch Energieeffizienzmaßnahmen – das Vermeiden von Leckagen bei der Druckluftversorgung. Aber das lässt sich nicht verallgemeinern. Gerade bei einem Fabrikneubau sollte auf jeden Fall über gebäudeintegrierte Photovoltaikanlagen oder ähnliche Maßnahmen nachgedacht werden.

Ökobilanzen gelten als aufwendig. Wie aufwendig ist ein Quick Assessment?

Ein Quick-Assessment, wie wir es anbieten, besteht aus zwei Phasen und dauert drei bis sechs Monate. Wir beginnen mit einer Grobanalyse, um zu sehen, wo Handlungsbedarf besteht. Im zweiten Schritt bewerten wir Maßnahmen und deren Potenzial, die CO2-Emissionen zu reduzieren. Zum Schluss erstellen wir einen Handlungspfad. Der finanzielle Aufwand, der für eine Beratung anfällt, bewegt sich in einem Rahmen, der auch für einen Mittelständler leistbar ist. Für so ein komplexes Thema wie das klimaneutrale Unternehmen lohnt es sich unserer Meinung nach aber, Expertise von außen zu holen – da man dann dort ansetzen kann, wo die größten Effekte zu erreichen sind.

Welche internen Ansatzpunkte berücksichtigt so eine Grobanalyse?

Die Strombeschaffung ist ein Aspekt. Auch das Optimieren der Prozesse kann den CO2-Ausstoß senken. Es kann darum gehen, einen Prozess anders zu gestalten. So lässt sich beispielsweise das Instandhaltungsmanagement ressourceneffizienter gestalten, indem Teile bedarfsgerecht gewartet werden – nach exakter Berechnung der Restnutzungsdauer. An dieser Stelle greifen Digitalisierung und Klimaneutralität ineinander, so dass Investitionen in die Digitalisierung auch bei Fragen der Klimaneutralität wirken. Man sollte das nicht als Entweder-Oder-Frage sehen und sagen: Jetzt digitalisieren wir, und wenn unsere Kunden oder Gesetze es fordern, kümmern wir uns um CO2.

Wie wird die Forderung nach weniger CO2-Ausstoß die Industrie verändern?

Wir werden auch weiterhin eine fertigende Industrie haben, ohne physische Güter funktioniert die deutsche Wirtschaft nicht. Aber es wird sich etwas darum herum entwickeln. Das sehen wir heute schon. Das Internet-of-Things geht ja bereits phasenweise zum Internet-of-Services über. Es gibt schon viele Dienstleistungen rund um das Produkt. Aber der digital angebotene Service könnte genauso gut eine klimarelevante Dimension haben.

Wie groß werden Veränderungen in einzelnen Unternehmen sein?

Kein Unternehmen kommt ohne Entwicklung und Fertigung aus. Wahrscheinlich aber sind übergeordnete Projektteams, die von allen Abteilungen Input brauchen – um sowohl mit der Digitalisierung voranzukommen als auch mit der klimaneutralen Produktion.

Die Anforderungen aus dem Umweltschutz haben vor Jahren schon Veränderungen in Gang gebracht. Ist das kommende Ausmaß damit vergleichbar?

Ich denke nicht. Denn bei allem, was zum Umweltschutz bisher passierte, sind die Veränderungen letzten Endes nicht weit genug vorangetrieben worden und man hat sich in gewisser Weise mit dem Erreichten zufrieden gegeben. Heute sind die Anforderungen viel klarer definiert, so dass weniger Spielraum für Interpretationen bleibt. Neu ist auch, dass die Gesellschaft die Veränderungen deutlicher einfordert.

In welchem Zeitraum lässt sich Klimaschutz realistischerweise umsetzen?

Das Bundesklimaschutzgesetz gibt einen deutlich verringerten CO2-Ausstoß schon bis 2040 vor. Ihn auf Netto Null zu senken, muss das Ziel sein. Den Ehrgeiz sollte man auch haben. Selbst wenn sich dafür noch kein Termin festlegen lässt, müssen wir versuchen, möglichst schnell möglichst nah an dieses Ziel zu kommen.

Was empfehlen Sie KMU?

Den CO2-Ausstoß zu senken, ist eine komplexe Aufgabe. Das muss aber keiner allein stemmen. Wichtig ist, sich proaktiv zu informieren. Kontakte in die anwendungsorientierte Forschung sowie eine Beratung sind eine Möglichkeit, auch der Erfahrungsaustausch mit anderen Unternehmen aus verschiedenen Branchen. Es braucht Transparenz am Standort, wo vielleicht Dinge im Argen liegen. Und man kann klein anfangen, mit einem Pilotprojekt starten und erst bei erwiesenem Erfolg die Maßnahmen ausweiten. Ein Fehler wäre meiner Meinung nach nur, jetzt untätig zu bleiben.


Weitere Informationen

Wenn es ums Klima geht, spielen mehrere Begriffe mit leicht unterschiedlicher Bedeutung eine Rolle.

Um klimaneutral zu sein, dürfen menschliche Aktivitäten keine Nettoauswirkung auf das Klimasystem haben.

Treibhausgasneutral zu sein, heißt, den Ausstoß aller klimarelevanten Gase (Kohlendioxid, Methan, Lachgase) auf Netto-Null zu reduzieren, Dabei wird die Bilanz in so genannten CO2-Äquivalenten gerechnet.

Unternehmen sollten sich insbesondere zum Ziel setzen, CO2-neutral zu wirtschaften, sich also darauf konzentrieren, den CO2-Ausstoß zu minimieren. Der Einfachheit halber wird aber auch in diesem Zusammenhang von Klimaneutralität gesprochen.


(Bild: Miha Creative/stock.adobe.com

Klimaneutrale Arbeitswelt

Das Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO hat Ende 2021 Kompetenzen gebündelt und bietet in verschiedener Form Beratung für Unternehmen an, die sich mit dem Thema Klimaneutralität befassen. Zusammengefasst sind die Aktivitäten unter dem Begriff Klimaneutrale Arbeitswelt.

Das Ziel ist, Unternehmen zusammenzubringen, auch über Branchengrenzen hinweg, um einen Austausch und gegenseitiges Lernen zu ermöglichen. Daher entsteht unter anderem das Innovationsnetzwerk Klimaneutrale Unternehmen. Je nach Schwerpunkt können auch verschiedene Cluster der geeignete Anlaufpunkt sein, wie zum Beispiel das Cluster Klimaneutrale Produktion, Klimaneutrale Logistik oder Klimaneutrale Wertschöpfung.

http://hier.pro/hHp1y


Kontakt zum Fraunhofer IAO:
Andreas Werner
Digital Engineering
Nobelstraße 12
70569 Stuttgart
E-Mail: andreas.werner@iao.fraunhofer.de
www.engineering.iao.fraunhofer.de

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