Frugale Innovationen Wenn Weniger Mehr ist - medizin&technik - Ingenieurwissen für die Medizintechnik

Frugale Innovationen

Wenn Weniger Mehr ist

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Frugale Produkte: Weniger ist mehr Bild: Zack Frank./Fotolia
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Frugale Innovationen | Mit einfachen, kostengünstigen und rein auf ihre Kernfunktion reduzierte Produkten können Unternehmen neue, attraktive Märkte erschließen. In der Medizintechnik entstehen dabei auch wichtige Diagnose- und Therapieansätze – nicht nur für Schwellenländer.

Alle vier Stunden erblindet in Deutschland ein Diabetiker. In Mexiko trifft dieses Schicksal jede Stunde einen Menschen. Schuld ist die sogenannte diabetische Retinopathie, eine Augenkrankheit, mit der sich allein in Deutschland rund 30 Prozent aller Menschen mit Diabetes auseinandersetzen müssen. Greift man nicht ein, führt die Krankheit aufgrund von Einblutungen an der Netzhaut zur Erblindung. Entscheidend ist deshalb eine frühzeitige Diagnose. Ein Screening-Verfahren, das die Nürnberger Voigtmann GmbH entwickelt hat, hilft dabei, die Situation für Diabetes-Patienten in Mexiko zu verbessern: „Gerade in Ländern mit einer nicht sehr ausgeprägten medizinischen Infrastruktur brauchen wir eine Lösung, die Ärzte entlastet und Versorgungsengpässe vermeidet“, sagt Geschäftsführer Peter Voigtmann.

Voigtmanns Produkt ITOS Mass Screening (ITOS steht für Integriertes Telemedizinische-Ophthalmologisches System) ist eine einfache Gesamtlösung: Das System sieht lokale und unabhängige Screening-Stationen vor, an denen die Netzhaut untersucht wird – und das außerhalb eines fachärztlichen Umfelds.

Das Vorbefundungs-Prozedere dauert im Schnitt vier Minuten, anschließend stehen die Bilder den Ärzten dann in einer Datenbank zur Verfügung. Pro Tag können auf diese Weise bis zu 200 Menschen gescreent werden. Aktuell sind beispielsweise lokale Screening-Stationen zur Netzhautuntersuchung im mexikanischen Bundesstaat Jalisco geplant. Zur Bedienung des Systems sind keine Fachkenntnisse nötig: „Jeder, der ein Smartphone bedienen kann, wird auch mit ITOS zurechtkommen“, versichert Voigtmann.

Nicht nur für Schwellenmärkte sind die frugalen Produkte (französich/lateinisch für sparsam, bescheiden, tauglich) deshalb interessant. Frugale Innovationen sind einfache Produkte oder Dienstleistungen, die auf ihre Kernfunktion fokussiert und kostengünstig sind. Sie weisen dabei gleichzeitig gute Qualität auf. Im Mittelpunkt steht der preissensitive Kunde mit seinen spezifischen Anforderungen.

So ebnet beispielsweise auch in Industrieländern in Europa die demographische Entwicklung den Weg für frugale Nischen, beispielsweise mit spezifischen Lösungen für eine alternde Bevölkerung (Seniorenhandy oder telemedizinische Anwendungen). Mobilität wird neu gedacht und präsentiert Ansätze für frugale Fahrzeuge oder Car Sharing. Die Medizintechnik stellt frugale Diagnostikmöglichkeiten zur Verfügung, darunter mobile und handliche Ultraschallgeräte oder Computertomographen, oder nicht-invasive Schnelltests beispielsweise auf Eisenmangel, Diabetes oder Zahninfektionen.

Kaugummi-Schnelltest erkennt Entzündungen im Mundraum

Künftig könnten zum Beispiel Patienten mit Zahnimplantaten mit einem einfachen Produkt schnell und kostengünstig feststellen, ob sich in ihrem Mund eine solche Entzündung anbahnt. Eingesetzt wird dabei ein Kaugummi-Schnelltest, den ein Pharmazie-Forschungsteam der Universität Würzburg entwickelt hat.

Praktisch funktioniert der Test so: Liegt im Mundraum eine Entzündung vor, wird beim Kauen des Kaugummis ein bitterer Geschmackstoff freigesetzt. Der Patient geht dann zu seinem Zahnarzt, der die Diagnose bestätigt und die Entzündung behandelt. Diese Art von Früherkennung könnte in Zukunft dabei helfen, schwerwiegende Komplikationen wie Knochenschwund zu verhindern.

„Jeder kann dieses neue diagnostische System überall und jederzeit und ohne technisches Equipment einsetzen“, sagt Prof. Lorenz Meinel, Inhaber des Lehrstuhls für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie an der Universität Würzburg. Er hat das neue Diagnosemittel mit Dr. Jennifer Ritzer und ihrem Team entwickelt. Die wissenschaftliche Grundlage: Bei Entzündungen werden im Mund spezifische protein-abbauende Enzyme aktiviert. Innerhalb von nur fünf Minuten zerschneiden sie auch einen speziellen Inhaltsstoff des Kaugummis. Dadurch wird ein Bitterstoff frei, der vorher nicht zu schmecken war. Schnelltests für weitere medizinische Anwendungen befinden sich in der Entwicklung. „Wir hoffen, dass sich damit auch andere Krankheiten adressieren und frühestmöglich behandeln lassen“, erklärt Meinel.

Das Konzept der frugalen Innovation impliziert ein Neudenken des Geschäftsmodells und Verschlankung in allen Prozessen der Wertschöpfung. Die Devise lautet, den maximalen und maßgeschneiderten Nutzen für den Kunden zu schaffen und gleichzeitig unnötige Kosten zu vermeiden. (su)


Frugale Innovationen beim Medtech Summit

Nicht immer ist „mehr“ auch besser. Einfach, kundenzentriert, sehr kostenreduziert und mit klarem Fokus auf die eigentliche Kernfunktion – das sind die angestrebten Kriterien frugaler Innovationen. Diese „bezahlbare Exzellenz ohne Extras“ bedeutet in der Medizintechnik unter anderem kleine, mobile Ultraschallgeräte, die auch fernab einer High-Tech-Versorgung, wie zum Beispiel in Entwicklungsländern, bedient werden können. Sie bieten aber auch Sparpotenzial im Gesundheitswesen oder das Erschließen neuer Märkte.

Der Medtech Summit 2018 thematisiert das Thema „Frugale Innovationen in der Medizintechnik“ am 12. April mit:

  • Dr. Carsten Thierfelder, Siemens Healthcare, Forchheim, und seinen Ausführungen zu Co-Creation und Customer Value Innovation,
  • Dr. Eddy C. Agbo, Fyodor Biotechnologies, USA; er spricht über einen Urin-basierten Malariatest,
  • Prof. Dr. Dr. Lorenz Meinel, Universität Würzburg, der die Zunge als einen Rund-um-die-Uhr-verfügbaren Detektor vorstellt und
  • Peter Voigtmann, Voigtmann GmbH, Nürnberg, und seinem automatisierten Augenscreening-System.

Weitere Informationen unter:

www.frugale-innovationen.de

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