Healthcare Robotics

Netzwerk bringt Robotik im Gesundheitswesen voran

Dr. Christian Reis ist der Stellvertretende Leiter der Fraunhofer Projektgruppe für Automatisierung in der Medizin und Biotechnologie (PAMB) in Mannheim und Gruppenleiter Labormechatronik und -prozesstechnik (Bild: Fraunhofer PAMB)
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Ein europaweites Netzwerk soll die Innovationskraft für Robotik im Gesundheitswesen fördern. Wie Institute und andere Beteiligte KMU aus der Medizintechnik, aber auch der Robotik unterstützen können, erläutert Dr. Christian Reis, der für die Fraunhofer Projektgruppe für Automatisierung in der Medizin und Biotechnologie (PAMB) in Mannheim im Netzwerk mitarbeitet.

Dr. Birgit Oppermann (birgit.oppermann@t-online.de)

Herr Dr. Reis, wie und wann kam es zu der Idee des DIH Healthcare Robotics?
Dr. Christian Reis (CR): Die Netzwerke der Digital Innovation Hubs sind eine Initiative der EU, um den Austausch zu Fragen der digitalen Technologien in Europa zu fördern. Solche Netzwerke gibt es bereits zu verschiedenen Themen, wie Agrifood oder Agile Production. Die Idee, auch ein Netzwerk zu Healthcare Robotics einzurichten, entwickelte sich aus Diskussionen, die wir in der Fraunhofer-Projektgruppe für Automatisierung in der Medizin und Biotechnologie, aber auch mit Forschern anderer europäischer Forschungseinrichtungen schon früh geführt haben. Im Januar 2019 sind wir nun mit Förderung der EU unter Leitung der Universität Twente mit DIH Hero an den Start gegangen und arbeiten mit 17 Partnern aus elf verschiedenen Ländern zusammen.

Was ist das Ziel des Digital Innovation Hub Healthcare Robotics, kurz DIH Hero?
CR: Wir wollen ausloten, wie sich Automatisierungslösungen sinnvoll im Gesundheitswesen einsetzen lassen. Bei Healthcare Robotics denken die meisten an einen Operationsroboter von der Art eines Da-Vinci-Systems. Daher fühlen sich viele Unternehmen gar nicht angesprochen, mit dem Argument, dass sie ja keine Roboter herstellen. Aber uns geht es um viele Felder, angefangen vom Patientenmanagement im Krankenhaus über die Logistik bis hin zu Anwendungen in der Pflege oder im Operationssaal – aber eben über den Operationsroboter hinaus. Dabei muss man sich klarmachen, dass sich Automatisierung im Krankenhaus an einer Stelle schon etabliert hat: In Laboren der klinischen Chemie spielt Handarbeit bei sehr vielen Prozessen kaum noch eine Rolle. Und nun wollen wir schauen, wo technische Lösungen noch Prozesse beschleunigen oder sogar die medizinische Versorgung von Patienten messbar verbessern können.

Welche Unterstützung können die Institute und Zentren bieten?
CR:
Wir können interessierten Unternehmen zum Beispiel Ansprechpartner vermitteln, wenn sie eine bestehende Technik in einem anderen EU-Land auf den Markt bringen wollen. Wir können mit den Unternehmen an Demonstratoren arbeiten, die zeigen, ob eine Idee technisch machbar ist. Ein weiterer Aspekt ist der Transfer von Lösungen zum Beispiel aus der Automobilindustrie, die auf ihre Tauglichkeit in Krankenhaus oder Arztpraxis getestet werden sollen. Und ich betone: Wir meinen nicht nur den klassischen Sechs-Achs-Knickarm-Roboter, sondern denken auch an Softwarelösungen oder künstliche Intelligenz, an fahrerlose Transportsysteme oder Assistenzsysteme.


Für wen ist das Angebot gedacht?
CR:
An den Projekten und Aktivitäten können sich sowohl Anbieter von Automatisierungslösungen und Roboter-Hersteller beteiligen, die Anwendungen in der Medizin umsetzen wollen, als auch Medizinproduktehersteller, die ihr Portfolio Richtung Robotik und Automatisierung ausdehnen wollen. Die EU sieht vor, dass vor allem KMU innerhalb des Projekts finanziell unterstützt werden. Um die Neutralität der Arbeiten und die Verfügbarkeit der Ergebnisse sicherzustellen, mussten die Anträge zu den DIHs von Forschungseinrichtungen gestellt werden. Und das Netzwerk soll in Zukunft natürlich weiter wachsen.


Wo steht die Robotik für die Medizin heute?
CR: Sie steckt noch in den Kinderschuhen, aber die Sache kommt jetzt in Gang – zum Beispiel in der Logistik im Krankenhaus. Der Einsatz von Robotern, die den Arzt bei der Endoskopie unterstützen, ist ein sehr aktives Feld, und es tut sich einiges in der Gefäß- und Neurochirurgie sowie der Orthopädie. Spannend wären mehr Entwicklungen für die diagnostische Robotik, wo es bisher erst ein Beispiel gibt: Im System Artis Zeego von Siemens positioniert ein Roboter den C-Bogen am OP-Tisch, um Aufnahmen in beliebigen Winkeln und Positionen zu ermöglichen. Potenzial sehe ich bei Reha-Anwendungen, bei denen wir in Richtung Exoskelett denken können, oder bei Assistenzsystemen, die zum Beispiel die Essensverteilung in Pflegereinrichtungen übernehmen könnten.


Wovon hängt es ab, ob weitere Roboter oder Automatisierungslösungen in der Medizin Anwendung finden werden?
CR:
Man darf den Roboter oder die Automatisierung auf keinen Fall als isoliertes System in der Klinik betrachten, sondern muss jetzt schon bedenken, dass Kliniken künftig viel stärker digitalisiert sein werden. Das steht zwar noch am Anfang, aber der Trend geht eindeutig dahin, mehr Geräte zu vernetzen und Daten auszutauschen. Automatisierungslösungen müssen dazu passen und sich integrieren lassen.


Welches sind die aussichtsreichsten medizinischen Anwendungen?
CR:
Robotik und Automatisierung haben eine Chance, wenn sie Prozesse schneller machen oder einen medizinischen Vorteil für die Patienten bieten. Wobei ersteres leichter nachzuweisen ist und die Kliniken auf diesen ökonomischen Aspekt schon jetzt stark schauen. Der medizinische Nutzen ist schwieriger zu belegen, da dafür aufwendige klinische Studien erforderlich sind. Aber auch er zählt natürlich.


Woran wird geforscht?
CR:
Ein sehr spannendes Feld, das nicht vor der Medizinrobotik Halt macht, ist die künstliche Intelligenz. Bei der automatisierten Bildanalyse sind Maschinen heute schon schneller als Menschen und für spezifische Anwendungen oder Diagnosen bereits genauer. Was nicht heißt, dass Technik den Mediziner ersetzen könnte oder sollte. Ein menschliches Element muss bei solch wichtigen Themen sicher beibehalten werden. Wir in Mannheim arbeiten zum Beispiel an einer KI, die den optimalen Weg für die Kathetereinführung errechnen und damit den Eingriff beschleunigen soll. Aber der Fantasie für weitere Projekte sind da keine Grenzen gesetzt.


Über DIH Hero

Im Netzwerk Digital Innovation Hub Healthcare Robotics (DIH Hero) arbeiten eine Reihe von Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Regierungsorganisation und Investoren aus ganz Europa zusammen – mit dem Ziel, die Anwendungen von Robotik und Automatisierung im Gesundheitswesen auszuweiten, wo immer das Vorteile verspricht.

Das Netzwerk startete zu Beginn 2019 und wird über die Dauer von vier Jahren von der EU gefördert. Unternehmen – in erster Linie KMU – können sich an Projekten beteiligen. Dafür werden auch Fördermittel zur Verfügung gestellt. Welche Möglichkeiten es im Einzelnen gibt, wird bei einer Reihe von Informationstagen vorgestellt. In Deutschland finden diese am 25. Juni 2019 am Universitätsklinikum Aachen sowie am 10. Juli 2019 am German Aerospace Center sowie bei der PAMB in Mannheim statt.

https://dih-hero.eu/

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