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Plasma in der Medizin: Einsatz im Rachen und gegen Krebs

Plasma in der Medizin
Was kaltes Plasma gegen Viren und Krebs leistet

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Was Plasma im Rachenraum gegen infektiöse Bakterien und Viren ausrichten kann, wird derzeit erforscht und getestet (Bild: rasi/stock.adobe.com)
Kaltes Plasma ist in der Medizin kein Newcomer mehr und in der Wundbehandlung etabliert. Doch es ist mehr als ein physikalisches Desinfektionsmittel. Aktuell laufen Projekte, in denen der Einsatz gegen das Coronavirus geprüft wird, und Potenzial für die Krebstherapie wird diskutiert. Selbst Flüssigkeiten verleiht Plasma interessante Eigenschaften.

Dr. Birgit Oppermann

Noch gibt es kein Mittel, um eine Covid19-Erkrankung nachgewiesenermaßen zu behandeln. Aber könnte die Medizintechnik einen Beitrag dazu leisten, die Folgen einer Infektion mit Sars-Cov2 zu begrenzen? Überlegungen dazu gibt es: Plasma könnte bei einer Virusinfektion im Mundraum beatmeter Patienten zumindest die Bakterien, die zusätzlich eine Lungenentzündung auslösen können, in Schach halten. Oder, in die Zukunft gedacht, sogar das Virus selbst zurückdrängen. Damit stellt sich die Frage: Lässt sich durch eine verringerte Anzahl der Erreger ein schwerer Verlauf in den unteren Atemwegen verhindern?

Inhaltsverzeichnis
Kaltes Plasma ist in der Medizin für drei Bereiche interessant
Wie genau Plasma wirkt, wird noch detailliert untersucht
Plasma auch im Wurzelkanal oder bei Karies nutzen
Was Plasma im Rachen künstlich beatmeter Patiente
Plasma: Wirkungen in der Lunge noch nicht erforscht
Endoskop-ähnliches Gerät zur Plasmaerzeugung ist denkbar
Plasma einsetzen, ohne es am Einsatzort zu erzeugen
Plasma-aktivierte Flüssigkeiten: Option für die Wundbehandlung
Viele Arten von Plasma für viele medizinische Nischen
Weitere Informationen
Über physikalisches Plasma
Workshop Plasmamedizin

„Wir haben Hinweise aus ersten Tests, dass kaltes atmosphärisches Plasma Coronaviren in Lösung abtötet“, sagt Jens Kirsch, Geschäftsführer von Terraplasma Medical in Garching. „Das ist interessant, weil sich die Viren auf Schleimhäuten ebenfalls in Flüssigkeiten befinden.“ Terraplasma – eine Ausgründung aus dem Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching – beschäftigt sich generell mit den Anwendungsmöglichkeiten von kaltem Plasma, wobei sich die Tochter Terraplasma Medical auf Ansätze im Gesundheitswesen konzentriert. Sie will ein Gerät auf den Markt bringen, das eine Plasmabehandlung auch im Rachenraum ermöglicht.

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Für Plasma in der Medizin sieht Jens Kirsch, Geschäftsführer von Terraplasma Medical, großes Potenzial – weil es eben nicht nur „ein“ Plasma gibt
(Bild: Terraplasma Medical)

Das kalte Atmosphärendruckplasma, von dem hier die Rede ist, ist unter den vielen denkbaren Formen physikalischen Plasmas dasjenige, das derzeit für die Medizin besonders interessant ist: Es entsteht, vereinfacht gesagt, wenn eine elektrische Spannung auf ein Gas oder Gasgemisch einwirkt und dieses ionisiert wird. Durch Kontakt mit der Luft entstehen in der Folge reaktive Molekülspezies aus Stickstoff und Sauerstoff. Diese sind laut Prof. Thomas von Woedtke vom Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e.V. (INP) in Greifswald entscheidend für die Wirkung des kalten Plasmas – auch wenn im Plasmagemisch ebenfalls sichtbares Licht, UV-Strahlen, elektrische Felder und Temperaturen von 30 bis 40 °C nachweisbar sind.

Kaltes Plasma ist in der Medizin für drei Bereiche interessant

Laut von Woedtke gibt es im Wesentlichen drei Bereiche, in denen solches Plasma für die Medizin nützlich sein kann: „Kaltes Atmosphärendruckplasma inaktiviert Mikroorganismen und Viren, es stimuliert gesunde Zellen im Wundbereich und es kann bei Krebszellen, die durch ihr ungebremstes Wachstum zur Bildung von Tumoren führen, den Zelltod einleiten.“

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„Plasma ist mehr als ein physikalisches Desinfektionsmittel“, betont Prof. Thomas von Woedtke, der am Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e.V. (INP) in Greifswald den Schwerpunkt Plasmamedizin leitet
(Bild: INP Greifswald)

Seit einigen Jahren ist der Einsatz solcher Plasmen in der Medizin kein grundsätzliches Novum mehr. Es gibt Geräte, die kaltes Atmosphärendruckplasma erzeugen, um schlecht heilende Wunden zu behandeln. Solche Geräte, die auch Terraplasma Medical anbietet, tragen als Medizinprodukte das CE-Kennzeichen und werden von Medizinern eingesetzt. Noch im Jahr 2021, so berichtet von Woedtke, soll von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V., der AWMF, eine medizinische Leitlinie dazu herausgegeben werden. Darin werden die Bedingungen genauer beschrieben, unter denen Plasma die Wundheilung verbessert.

G-BA bewertet Behandlung mit Kaltplasma

Wie genau Plasma wirkt, wird noch detailliert untersucht

Doch obwohl es diese Medizinprodukte gibt, sind die Wirkmechanismen der ionisierten Gasgemische noch Gegenstand der Forschung. „Klar ist, dass das kalte Plasma die Krankheitserreger nicht durch Hitze schädigt“, sagt von Woedtke. Die reaktiven Sauerstoffspezies würden die Erreger vielmehr einer Situation aussetzen, die als „oxidativer Stress“ bezeichnet wird. Bakterienzellen seien für solche Bedingungen zwar grundsätzlich gewappnet. Ab einem gewissen Stressniveau jedoch würden die Zellhüllen porös und verlören ihre Funktion, sodass wichtige Eiweiße oder sogar die Erbsubstanz in den Zellen geschädigt werden. Aber, und das betont der Greifswalder Forscher, „Plasma ist mehr als ein physikalisches Desinfektionsmittel.“

Die positiven Effekte, die man mit Plasma bei der Behandlung schlecht heilender Wunden erreichen könne, beruhten auch darauf, dass die erzeugten Sauerstoff-Verbindungen in menschlichen Zellen Stoffwechselprozesse in Gang setzten, die das Zellwachstum fördern. „Solche redoxkontrollierten Signalprozesse spielen in der Physiologie eine große Rolle“, sagt von Woedtke. Letztlich sei aber ein Plasma immer ein Cocktail aus Molekülen und Strahlen. „Wenn wir genau wüssten, welche Mischungen den gewünschten Effekt bei der Wundheilung auslösen, könnten wir technisch versuchen, genau diesen Mix herzustellen oder auch zu variieren.“ Das ist eines der Themen, mit denen sich Plasmaforschung heute beschäftigt.

Reaktive Teilchen im Plasma genau bestimmen

Plasma auch im Wurzelkanal oder bei Karies nutzen

Angewendet wird Plasma in der Medizin bisher fast ausschließlich an der Körperoberfläche, um einen diabetischen Fuß zu behandeln oder ein offenes Bein. Weitere Ansätze, die getestet werden, gibt es im Dentalbereich: Was kann man mit Plasma bei der Behandlung eines Wurzelkanals erreichen oder bei Karies am Zahn? Im Rahmen solcher Untersuchungen wurde schon betrachtet, welchen Einfluss Plasma auf die Mundschleimhaut hat. Fazit: Es ist kompatibel.

Und damit liegt der nächste gedankliche Schritt, der direkt in die Pandemiesituation passt, ganz nah. Könnte man Plasma im Rachenraum einsetzen, um Patienten vor den Folgen einer Sars-Cov-2-Infektion zu schützen? Terraplasma Medical verfolgt dieses Ziel und hat bereits ein Gerät, das für die Behandlung chronisch infizierter Wunden entwickelt wurde, an die Anwendung in Mund und Rachen angepasst. Es könnte bei der Therapie künstlich beatmeter Covid-19-Patienten hilfreich sein, sagen die Entwickler. Ihr Ziel: Diese Patienten vor einer zusätzlichen Infektion mit bakteriellen Erregern zu bewahren, die zu Komplikationen wie einer Lungenentzündung führen kann. Mit einer entsprechenden Anfrage kamen Ärzte auf das Unternehmen zu, als die Fallzahlen 2020 rapide anstiegen.

Was Plasma im Rachen künstlich beatmeter Patienten erreicht

Was Plasma hier beitragen kann, wird inzwischen in klinischen Studien untersucht – zum Beispiel, ob ionisierte Luft die Zahl der Bakterien in Mund, Nase und Rachen künstlich beatmeter Covid-19-Patienten reduziert. Auf lange Sicht geht es aber um mehr: „Wir hoffen, dass wir bei Covid-19-Patienten, deren Lunge noch frei von dem Virus ist, langfristig auch eine Ausbreitung vom Mund-Nase-Rachenraum in den unteren Atemtrakt verhindern können“, so Jens Kirsch. „Auf diese Weise könnte sich der Anteil der Covid-19-Patienten, die auf Intensivstationen behandelt oder sogar künstlich beatmet werden müssen, verringern lassen.“

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Das Gerät für eine Plasmabehandlung im Rachenraum nutzt die gleiche Plasmaquelle, mit der Wunden behandelt werden. Ein Lufthauch trägt das Plasma durch den Schlauch
(Bild: Terraplasma Medical)

Die Schleimhäute von Patienten, die mit dem neuen Coronavirus infiziert sind, hat auch ein Projekt im Blick, das an drei Leibniz-Instituten in Norddeutschland im April 2021 startete: Plasmapluscorona (PPC) – Plasmabasierte Desinfektion des Respirationstraktes zur Senkung der Sars-Cov-2-Viruslast in vitro und in vivo. Daran beteiligen sich auch die Greifswalder Forscher um von Woedtke. Während am INP vor allem technische Aspekte untersucht werden sollen, wird am Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum (FZB), sowie dem Institut für Experimentelle Virologie (HPI) Hamburg genauer angeschaut, wie speziell das Virus Sars-Cov-2 auf Plasma reagiert. Das offizielle Projektziel: eine plasmabasierte technische Lösung, mit der sich der Atemtrakt bei Infizierten behandeln lässt, und die später zu einem Medizinprodukt weiterentwickelt werden kann.

Der Ansatzpunkt hier ist die Idee, die Übertragung von Sars-Cov-2 schon zu Beginn der Infektion zu begrenzen. Die Ansteckungsgefahr ist so hoch, weil sich das Virus in den oberen Atemwegen vermehrt und Infizierte schon vor dem Auftreten von Covid19-Symptomen den Erreger weitergeben. Eine frühzeitige Reduktion der Viruslast im Mund-Nasen-Rachenraum positiv getesteter, aber noch nicht erkrankter Personen soll, so die Überlegung, deren Infektiosität senken. Das würde die Verbreitung des Virus bremsen und gegebenenfalls einer schweren Erkrankung der Infizierten entgegenwirken.

Plasma: Wirkungen in der Lunge noch nicht erforscht

Die unerwünschten Gäste im oberen Atemtrakt nachweislich zu schädigen, ist aber nur ein Aspekt. „Wenn wir Patienten früh behandeln wollen, bevor diese für eine künstliche Beatmung intubiert sind, wird Plasma zumindest in geringen Mengen auch in die unteren Atemwege und in die Lunge gelangen“, so von Woedtke. Daher wird im Projekt auch untersucht, wie das dortige Gewebe auf kaltes Plasma reagiert.

Dass es gegenüber Bakterien und damit den potenziellen Auslösern eine Lungenentzündung wirkt, haben Studien bereits gezeigt. Das funktioniert unabhängig davon, ob die Mikroorganismen über Antibiotika-Resistenzen verfügen: Innerhalb kurzer Zeit lassen sich Bakterien vollständig abtöten. Auch wurden laut von Woedtke bislang keine Resistenzentwicklungen gegenüber Plasma beobachtet. „Das ist auch nicht zu erwarten, da oxidativer Stress ein eher unspezifischer Mechanismus ist – ganz anders als ein Antibiotikum, dass an einer bestimmten Stelle im Stoffwechsel ansetzt“, sagt der INP-Forscher. Daher wäre auch nicht damit zu rechnen, dass Virusvarianten, wie sie derzeit für Sars-Cov-2 beschrieben werden, der vielfältigen Wirkung des Plasmas etwas entgegenzusetzen hätten. Wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Punkt gibt es aber noch nicht.

Wirkung gegen Erkrankungen des respiratorischen Traktes wird mit untersucht

Was die Forscher am Plasma-Einsatz gegen Sars-Cov-2 lernen, könnte in Zukunft die Basis für weitere plasmabasierte Medizinprodukte sein und vielleicht auch gegen andere Erkrankungen des respiratorischen Traktes helfen. „Unser Projekt läuft ergebnisoffen“, sagt jedenfalls von Woedtke.

Unabhängig davon gibt es aber noch ein weiteres Feld, für das Plasma Möglichkeiten bereithalten könnte. Wenn Krebszellen nach Kontakt mit einem kalten Plasma vom unendlichen Wachstumsprogramm umschalten und in den Modus der Apoptose, des programmieren Zelltodes, wechseln, bietet das Ansatzpunkte für die Krebstherapie. „Auch dazu gibt es noch eine Reihe von offenen Fragen“, schränkt Wissenschaftler von Woedtke ein. Wichtig wäre hier, den Mechanismus zu verstehen, der in den Krebszellen abläuft und zu deren Absterben führt – und auch hier zu wissen, welches Plasmagemisch im Einzelnen die erwünschten Reaktionen hervorruft. „Sonst liefe man ja Gefahr, mit einer zu geringen Intensität der Behandlung womöglich sogar die Krebszellen zu stimulieren, wie wir es bei der Wundbehandlung sehen. Das darf natürlich nicht passieren.“

Endoskop-ähnliches Gerät zur Plasmaerzeugung ist denkbar

Auch die Art, wie das Plasma angewendet wird, ist hier ein wichtiges Thema: Bei einem Tumor geht es meist um ein dreidimensionales Gebilde, dessen Oberfläche ähnlich wie beim offenen Bein noch ganz gut erreichbar wäre. Zellen im Inneren der Wucherung aber wären vor dem Plasma vielleicht geschützt. „Und auch wenn es technisch machbar ist, in einem Endoskop-ähnlichen Gerät Plasma im Körper zu erzeugen, ist das Ausgangs-Gasgemisch in einer Körperhöhle nicht mit der Luft vergleichbar – es könnten also ganz andere Plasmen-Bestandteile entstehen.“ All das gelte es zunächst zu untersuchen.

Dabei würde eine Plasmabehandlung vielleicht nicht als einzige Therapie gegen eine Krebserkrankung eingesetzt, aber sie könnte einen chirurgischen Eingriff sinnvoll ergänzen. „Was ich mir gut vorstellen kann“, sagt von Woedtke, „wäre eine Tumor-Operation, bei der das gesunde Gewebe geschont werden kann und man eventuell verbleibende Krebszellen mittels Plasma nach dem Schneiden unschädlich macht. Das ist vor allem dann interessant, wenn der Tumor ein lebenswichtiges Organ betrifft und so viel Gewebe wie irgend möglich erhalten bleiben soll.“

Was dazu an verschiedenen Instituten derzeit läuft, gehört aber auf jeden Fall noch in den Bereich der Forschung. Doch das Bespiel einer neuen Generation von Medizingeräten, die sich im Bereich der Wundbehandlung auf der Basis von Plasma im Markt etablieren konnte, zeigt, so der Wissenschaftler, dass die bisherige Forschungsförderung Erfolg hatte. „Wir schaffen mit den Forschungsprojekten die Grundlagen – und die technische Umsetzung ist dann noch mal ein wichtiger Schritt, den Unternehmen gehen.“

Mehr zu den medizinischen und technischen Anwendungen von kaltem Plasma auf unserer Themenseite

Kaltes Plasma in der Medizin

Derzeit sei das Interesse der Industrie an den Entwicklungen im Plasma-Bereich für die Medizin deutlich spürbar. Allerdings gepaart mit einer gewissen Zurückhaltung, da längerfristige und auch mit Kosten verbundene Entwicklungsprojekte im Umfeld der MDR-Einführung tendenziell eher aufgeschoben werden. „Da wir wissen, welche Herausforderungen die Weiterentwicklung von einer Laborinstallation bis zum Medizinprodukt mit sich bringt, nutzen wir in unseren Projekten nach Möglichkeit von Anfang an Bauteile, die den Vorgaben für einen späteren Einsatz in Medizinprodukten entsprechen“, sagt von Woedtke, „und wir sind offen für Kooperationen mit der Industrie.“

Was die Zulassung von Plasma-erzeugenden Geräten als Medizinprodukt angeht, hat Terraplasma Medical gute Erfahrungen gemacht. „Wir haben alle Schritte für die Zulassung unseres Wundbehandlungsgerätes gemäß Medical Device Directive im Sommer 2019 durchlaufen“, sagt Geschäftsführer Kirsch. Derzeit prüfe die Benannte Stelle die Unterlagen für das Gerät der Klasse IIa auch anhand der MDR-Vorgaben. „Für unser Gerät gibt es aber keine Höherklassifizierung, daher rechne ich nicht mit bösen Überraschungen.“ Ausreichende Unterlagen zur klinischen Bewertung lägen vor, und die in der MDR, der Medical Device Regulation, gestellten Anforderungen an die Post Market Surveillance seien im Qualitätsmanagementsystem von Terraplasma Medical bereits abgebildet. Für das geplante neue Gerät, mit dem Plasma im Rachen eingesetzt werden kann, ist allerdings eine Zulassung als eigenständiges Produkt erforderlich. „Daten zum Beispiel zur Biokompatibilität oder zur EMV können wir sicher vergleichen und übernehmen, aber die klinische Bewertung muss komplett neu erstellt werden.“

Plasma einsetzen, ohne es am Einsatzort zu erzeugen

Anwendungen an unterschiedlichen Körperstellen sind aber nur eine Idee dafür, was man mit Plasma tun kann. Es gibt auch Forschungsgruppen, die damit noch andere Dinge im Sinn haben. „Wir behandeln Flüssigkeiten mit verschiedenen Plasmen“, berichtet zum Beispiel Dr. Daniela Böhm, die in Irland am College of Science and Health der TU Dublin forscht. Die Zusammensetzung dieser so genannten plasma-aktivierten Flüssigkeiten verändert sich durch die Plasma-Behandlung, der pH-Wert sinkt, und wie im Gasplasma sind auch in der Flüssigkeit reaktive Sauerstoff- und Stickstoff-Spezies nachweisbar. Und wie ein Gasplasma hat auch die Flüssigkeit eine inaktivierende Wirkung auf Mikroorganismen und Viren und kann ebenso zytotoxisch wirken. Der Einsatz der Flüssigkeiten zur Dekontamination ist also denkbar.

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Dr. Daniela Böhm forscht an der TU Dublin an Plasma-aktivierten Flüssigkeiten. Sie lassen sich auch dort einsetzen, wo gerade kein Plasma erzeugt werden kann
(Bild: TU Dublin)

„Der Vorteil wäre, dass man hierfür keine Plasmaquelle braucht, der Anwender kann die Flüssigkeit quasi sofort nutzen. Sie lässt sich in großen Mengen herstellen, transportieren und lagern“, sagt Böhm. Je nach der verwendeten Flüssigkeit, dem eingesetzten Plasmatyp und der Art der Lagerung haben die Veränderungen in den Flüssigkeiten lange Bestand, von Wochen bis hin zu Jahren.

Plasma-aktivierte Flüssigkeiten:  Option für die Wundbehandlung

Das therapeutische Fenster, in dem nur Krankheitserreger geschädigt werden, ohne dem menschlichen Gewebe zu schaden, gilt es zu definieren. Auch die Behandlung von Wunden mit den plasma-aktivierten Flüssigkeiten ist denkbar. „Am Anfang befinden sich in der Wunde vielleicht viele ohnehin zerstörte Zellen, ich kann also bei Beginn der Behandlung mit einem stark antimikrobiell wirksamen Präparat beginnen – und dann Schritt für Schritt auf Flüssigkeiten zurückgreifen, die weniger stark wirken, aber dafür die gesunden Zellen schonen.“

In der Medizin sind die Plasma-aktivierten Flüssigkeiten bisher noch nicht standardmäßig im Einsatz. In Japan werden sie laut Dr. Böhm als Spülflüssigkeiten an Metastasen geprüft. In einem Projekt an der Jefferson Universität in Philadelphia wird getestet, ob eine Plasma-Behandlung von Implantaten und dem OP-Feld nützliche Effekte hat. „Da werden wir im Tiermodell auch untersuchen, was das Spülen mit plasma-aktivierten Flüssigkeiten bringt.“ Konkretes Interesse gebe es aus der Lebensmittelindustrie, um zum Beispiel Salate, Obst oder Gemüse in einer Waschstraße mit den aktivierten Flüssigkeiten zu behandeln.

Viele Arten von Plasma für viele medizinische Nischen

Für Plasma in der Medizin sieht Terraplasma-Geschäftsführer Kirsch jedenfalls Potenzial. „Natürlich ist das jetzt immer wieder etwas Neues“, sagt er. Es komme auch auf das Plasmadesign an, man müsse wissen, was man tut, um ein wirksames, aber sicheres Umfeld zu haben. „Aber denken Sie an die Lasertechnik, die sich in vielen Bereichen etabliert hat. Plasma kann so unterschiedlich sein, dass sich mit verschiedenen Technologien und Plattformen viele Nischen ansprechen lassen.“

Die Plasmabehandlung für den Rachenraum könnte eine solche Nische sein. Vielleicht bekommt das Gesundheitssystem damit künftig wirklich ein weiteres Instrument an die Hand, um die Entwicklung einer Pandemie zu bremsen.


Weitere Informationen

Zum Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e.V. (INP):

www.inp-greifswald.de

Über Terraplasma Medical:

www.terraplasma-medical.com

Über die Arbeiten an der
Technological University Dublin:

www.dit.ie/bioplasma/

Zum Nationalen Zentrum für
Plasmamedizin e.V. (NZPM), das
Forschung und Entwicklung zur Plasmamedizin fördert:

www.plasma-medizin.de


Über physikalisches Plasma

Die Sonne ist ein heißer, leuchtender Plasmaball aus ionisierten Gasen. Das Nordlicht ist eine Plasmaerscheinung. Und wo Blitze durch die Atmosphäre zucken und große Hitze herrscht, entsteht auch auf der Erde Plasma: Das Gasgemisch, aus dem die Luft besteht, wird dann ionisiert, und es bildet sich ein Mix aus verschiedenen reaktiven Molekülen und Strahlung.

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Kaltes Atmosphärendruckplasma, wie es hier im Plasmapen erzeugt wird, eignet sich zum Beispiel zur Behandlung schlecht heilender Wunden
(Bild: INP)

Plasma lässt sich aber auch technisch erzeugen, zum Beispiel zur Oberflächenveränderung. In der Regel wird für diesen Prozess eine abgeschlossene Kammer mit Unterdruck verwendet, in der auch andere Gase als die aus der Luft zur Plasmabildung beitragen. Ein häufig für die Plasmaerzeugung verwendetes Gas ist Argon, da es sich gut ionisieren lässt und damit den Prozess der Plasmabildung in Gang setzt. Im medizinischen Bereich der Elektrochirurgie wird dieses Verfahren für die Argon-Plasma-Koagulation genutzt: Gewebe werden damit abgetragen oder Gefäße zur Blutstillung verschweißt.

Von kaltem Atmosphärendruck-Plasma spricht man, wenn das Plasma aus einem Gas oder Gasgemisch in der Umgebung atmosphärischer Luft entsteht, keine Kammer mit abweichenden Druckbedingungen verwendet wird und die Temperaturen am Anwendungsort 30 bis 40 °C nicht übersteigen. Damit lassen sich Oberflächen desinfizieren und Wunden behandeln. Auch Plasmasterilisation von Kunststoffteilen setzt darauf.


Workshop Plasmamedizin

Um Physikalische Plasmen und plasmabehandelte Medien für die klinische Praxis geht es beim 7. Workshop Plasmamedizin am 22. und 23. September 2021 in Magdeburg. Organisiert wird die Veranstaltung von Innovent e.V. in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Zentrum für Plasmamedizin NZPM.

www.ak-adp.de/39-ak-adp-workshop/


Kontakt zu den Experten:

Prof. Dr. Thomas von Woedtke
Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e.V. (INP)
Felix-Hausdorff-Str. 2
17489 Greifswald
Tel.: +49 (0)3834-554 3948
E-Mail: woedtke@inp-greifswald.de
www.inp-greifswald.de/

terraplasma medical GmbH
Parkring 32
D-85748 Garching
Tel: +49 89 5880 553–0
E-Mail: info@terraplasma-medical.com
www.terraplasma-medical.com

Dr Daniela Boehm
Postdoctural fellow (Molecular biology)
Dublin Institute of Technology (DIT)
E-Mail: daniela.boehm@dit.ie
www.dit.ie/bioplasma/research/

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