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Medizinprodukte: Abfall vermeiden und managen

Abfallmanagement bei Medizinprodukten
Nachhaltigkeit: Rücknahmesysteme für Medizinprodukte

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Meike Lessau arbeitet als Circularity Manager bei der Hamburger Resourcify GmbH. Erfahrungen mit der Medtech-Branche hat sie als Produktmanagerin gesammelt (Bild: Resourcify)
Medizinprodukte werden heute nach Gebrauch zum größten Teil verbrannt. Aber könnten klinische Abfälle stattdessen künftig in Wertstoffströme einfließen und damit nachhaltiger genutzt werden? Mit dieser Frage befasst sich Resourcify, ein Hamburger Start-up, das das Abfallmanagement digitalisiert. Circularity Manager Meike Lessau berichtet, wie sich Medizinprodukte, Verpackungen und der Umgang mit dem Abfall verändern ließen.

Dr. Birgit Oppermann
birgit.oppermann@konradin.de

Frau Lessau, Resourcify digitalisiert das Abfallmanagement. Was können Sie für Unternehmen tun?

Wir helfen Unternehmen verschiedener Branchen, ihren Abfall effizienter zu verwerten, und zwar mit einem digitalen Tool. Heute läuft das Abfallmanagement noch häufig analog. Das ist aufwendig und schafft wenig Transparenz. Mit unserer Software erreichen wir, dass alle einzelnen Schritt in einer Plattform zusammengeführt werden: das operative Geschäft, die Rechnungen, das Bestellen von Containern – aber auch das Reporting. So ist schnell zu sehen, welche Mengen an Abfall entstehen, um welche Stoffe es geht und wie die Recyclingquote ist. Das ist aber eigentlich erst der Anfang. Denn die Daten sind die Grundlage dafür, das ganze Abfallmanagement zu optimieren. Bei größeren Abfallmengen geht es dabei auch schnell um ein nicht unerhebliches Einsparpotential und einen noch größeren ökologischen Fußabdruck.

In kleinen Schritten zu nachhaltigen Produkten

Für wen sind diese Möglichkeiten interessant?

Am spannendsten ist die Digitalisierung im Moment für Unternehmen, die für das Abfallmanagement etwa 500 000 Euro im Jahr ausgeben. Bei solchen Mengen führt die Transparenz dazu, dass mit einigen Optimierungsmaßnahmen recht einfach bis zu 20 Prozent der Kosten entfallen können – wenn man zum Beispiel sieht, wo Abfallbehälter schnell voll sind oder wo der Entsorger viel zu oft kommt. In diese Größenordnung fallen zum Beispiel einige Kliniken, mit denen wir bereits zusammenarbeiten. Bei mittelständischen Unternehmen müssen wir das Potential individuell prüfen. Aber man kann natürlich auch Teilprozesse optimieren und digitalisieren. Der Aufbau von Rücknahmesystemen für bestimmte Produkte kann ebenfalls interessant sein.

Was ist Ihre Rolle beim Aufbau solcher Systeme?

Wir beraten und unterstützen Hersteller bei der Konzeption und Durchführung von Rücknahmesystemen. Das betrifft zunächst die operative Durchführung des Recyclingprogramms. Wir stellen den Kliniken und  Medizinprodukteherstellern aber auch detaillierte Recyclingberichte zur Verfügung. So können alle Beteiligten mitverfolgen, wie viele Rohstoffe vor der Verbrennung gerettet wurden und welche Einsparungen an CO2-Äquivalenten damit verbunden sind. Langfristig fordert der Markt in der Regel herstellerübergreifende Lösungen. Um die damit verbunden Herausforderungen kümmern wir uns bereits heute, um künftig eine zufriedenstellende Kooperation für alle Beteiligten anbieten zu können.

Was macht die Medizinprodukte zu einem heiklen Fall?

Derzeit ist die Vorgabe, dass im Einsatz kontaminierte Produkte verbrannt werden müssen. Man unterscheidet hier die infektiösen Abfälle nach §7 Infektionsschutzgesetz, die eigens in Hochtemperaturverbrennungsanlagen unter hohem Energieeinsatz vernichtet werden müssen. Diese machen in Deutschland etwa 1 bis 2 Prozent der gesamten Abfälle eines Klinikums aus – und sie werden aus Sicherheitsgründen wohl auch erstmal weiterhin diesen Weg gehen. Der Großteil der Abfälle einer Klinik, das sind etwa 60 bis 70 Prozent, sind teils kontaminierte, aber nicht infektiöse Medizinprodukte. Diese landen ebenfalls in Verbrennungsanlagen, allerdings lässt sich bei diesem Prozess zumindest Energie gewinnen. Nichtsdestotrotz befinden sich darunter einige Produkte, deren Rohstoffe nach einer Dekontamination wieder dem Wertstoffkreislauf zugeführt werden könnten.

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Wie könnte das Recycling solcher kontaminierter Medizinprodukte aussehen?

Man muss zwei Ströme unterscheiden: die elektrisch betriebenen Instrumente, die einen hohen Metallanteil haben, und andere, überwiegend aus Kunststoff bestehende Medizinprodukte. Die metallischen Stoffe sind für das Recycling so interessant, dass es sich nach unseren Berechnungen in der Regel auch ökologisch lohnen würde, diese im Autoklaven, also mit einem recht energieaufwendigen Sterilisationsverfahren, zu dekontaminieren und dann zu recyceln. Für die Kunststoff-Produkte wie Schläuche oder Infusionsflaschen kommt das Autoklaviere aus ökologischer Perspektive nicht in Frage. Mikrowellentechnologie wäre hier in meinen Augen aktuell die vielversprechendste Möglichkeit, kontaminierte Kunststoffprodukte möglichst nachhaltig zu sterilisieren, um dann die Rohstoffe wiederverwerten zu können. Wir arbeiten schon an solchen Konzepten.

Was können Hersteller von Medizinprodukten in Sachen Abfallvermeidung und Recycling heute schon tun?

Es ist grundsätzlich immer sinnvoll, Produkte schon recycelbar zu entwickeln. Das wird oft auch unter dem Begriff Cradle to Cradle zusammengefasst. Dazu können wir grundsätzliche Tipps geben, welche Materialien etwa nach dem Gebrauch verwertbar sind und welche nicht. Details fallen dann aber schon in das Ressort spezialisierter Produktdesigner. Eine Recylingquote von 50 bis 80 Prozent halte ich bei Medizinprodukten aus heutiger Sicht aber durchaus für machbar. Bestehende Produkte zu verändern und damit eine Neuzulassung gemäß MDR anzugehen, ist wegen des damit verbundenen Aufwandes eher unrealistisch. Da reden wir eher von den künftigen Produkten, die man anders gestalten könnte.

Welche Ansatzpunkte gibt es bei den Verpackungen?

Dieser Bereich ist interessanter: Da sehe ich Potenzial auch für aktuelle Medizinprodukte, denn vieles könnte ja über das duale System in Deutschland weiter verwertet werden. Aber auch eine finanzielle Unterstützung in Form einer Beteiligung an den Entsorgungskosten wäre ein Fortschritt, um das Recycling von Medizinprodukten zu ermöglichen. Krankenhäuser fragen die Hersteller bereits verstärkt, was diese im Bereich der Nachhaltigkeit unternehmen. Freiwillige Produktrücknahmen sind da ein guter Anfang. Ein herstellerübergreifendes Recyclingprogramm je Abfallfraktion würde die Kliniken weiter entlasten. Was das angeht, sind wir sehr offen für Gespräche.

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Wie groß ist das Interesse an solchen Ansätzen in der Medizintechnik-Branche?

Das Thema ist seit etwa einem Jahr wirklich präsent in der Branche, was auch mit unserer Kooperation mit Johnson&Johnson Medtech zu entsprechenden Projekten zusammenhängt. Mit einigen großen Medizinprodukteherstellern sind wir schon in Kontakt oder haben konkrete Projekte gestartet. Manche sind interessiert, aber noch zurückhaltend.

Gehen alle Interessenten ähnliche Wege?

Nicht unbedingt. Es gibt beim Thema ökologische Nachhaltigkeit zwei Aspekte, die man betrachten kann: Der eine betrifft Verbesserungen auf Unternehmensebene. Häufig geht es darum, die eigene Produktionsstätte, Verwaltung und Vertriebswege nachhaltiger und vor allem energieeffizienter zu gestalten. Dafür gibt es viele Möglichkeiten und Hersteller setzen zunächst hier an, weil diese Prozesse verhältnismäßig schneller und einfacher umgestellt werden können. Eine ökologische Nachhaltigkeit auf Produktebene zu erreichen ist hingegen eine große Herausforderung in der Medizinbranche.

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Welche Hürden gibt es auf dem Weg zur Nachhaltigkeit für Medizinprodukte selbst?

Die Verwendung von Rezyklaten scheitert häufig daran, dass die MDR zwecks Patientensicherheit die Garantie einer identischen Materialzusammensetzung fordert. Das ist mit Sekundärrohstoffen eher schwierig einzuhalten, dafür hat dieser Teil des Rohstoffmarktes noch zu wenig Transparenz. Abgesehen davon gibt es auch Fälle, bei denen ein Einwegprodukt die nachhaltigere oder sicherere Lösung im Vergleich zu einem Mehrwegprodukt ist. Dies muss über aufwendige Life Cycle Assessments, kurz LCAs, ermittelt werden.

Was planen Sie für die weitere Digitalisierung des Abfallmanagements?

Wir haben als erstes eine Software für Entsorger entwickelt und im zweiten Schritt die Software für die Unternehmen. Damit können wir beide Seiten miteinander vernetzen, weil klar ist, wo bestimmte Abfälle anfallen und wer diese weiterverwenden kann. In den vergangenen sieben Jahren haben sich beide Systeme schon gut weiterentwickelt, denn durch den Austausch mit Kunden beider Seiten kamen neue Funktionen dazu. Das wird sicher auch in Zukunft so weitergehen. Unsere Vision ist, am Ende so weit zu gehen, dass wir Unternehmen bis hin zur Kreislaufwirtschaft unterstützen können.

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Welche Perspektive sehen Sie für das digitale Abfallmanagement in de kommenden fünf Jahren?

Es wird sich viel tun in den nächsten Jahren, denn wir werden davon wegkommen, so viel zu verbrennen und viel mehr Rücknahmesysteme starten. Bei den Medizinprodukten selbst rechne ich eher mit Design-Änderungen in fünf bis zehn Jahren – und die Verpackungen werden der erste Bereich sein, in dem sich etwas tut.


Weitere Informationen

Das Hamburger Start-up Resourcify GmbH hat sich seit der Gründung im Jahr 2015 auf die Digitalisierung des Abfallmanagements spezialisiert und beschäftigt inzwischen 40 Mitarbeiter. Diese beraten und unterstützen Entsorgungsdienstleister einerseits sowie andererseits Unternehmen aus verschiedenen Branchen, darunter auch die Medizintechnik und verschiedene Kliniken, die Abfälle erzeugen. Langfristiges Ziel: Zero Waste und eine Kreislaufwirtschaft, die mit digitalen Lösungen unterstützt wird.

www.resourcify.de

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