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Studie Sustainable Production: Der Weg zur nachhaltigen Fertigung

Studie zur Nachhaltigkeit in der Produktion
Nachhaltige Produktion: Abläufe neu ausrichten

Um die Produktion nachhaltiger zu machen, kann Technik – wie zum Beispiel die Digitalisierung – hilfreich sein, sagt Prof. Wolfgang Boos von der RWTH Aachen. Aber noch wichtiger sei die Einstellung: die Abkehr von rein finanziellen Erwägungen und das Einbeziehen aller Mitarbeiter.

Dr. Birgit Oppermann
birgit.oppermann@konradin.de

Abwarten? Das Thema Nachhaltigkeit nochmal hintenanstellen… bis man klarer sieht… Das ist für Prof. Wolfgang Boos von der RWTH Aachen die schlechteste aller denkbaren Optionen, denn er ist der Meinung, dass die Zeit drängt. „Wir haben es in den rund 70 Jahren nach dem zweiten Weltkrieg geschafft, mit den Regeln, denen unsere wirtschaftliche Entwicklung gefolgt ist, eine Menge kaputtzumachen“, sagt der geschäftsführende Oberingenieur am Lehrstuhl für Produktionssystematik am Werkzeugmaschinenlabor (WZL). Jetzt sei es an der Zeit, nicht nur zu erkennen, was man besser machen kann, sondern auch so schnell wie möglich damit anzufangen. „Ich möchte die Produktion in diese Richtung lenken“, sagt Boos. Das versucht er zum Beispiel, indem er die Inhalte der Studie Sustainable Productivity bekannt macht. Diese ist zusammen mit weiteren Fachleuten aus Aachen entstanden.

Nicht mehr allein die Finanzen bewerten – es geht um mehr

Sie soll beantworten, was die entscheidenden Bausteine für eine nachhaltigere Produktion sein könnten. Dabei gibt es laut Boos einen Kernpunkt: Bisher ging es vor allem darum, Kosten zu senken und die Qualität zu steigern. Alle Kennzahlen, nach denen in Unternehmen etwas bewertet wurde, seien daran ausgerichtet gewesen. „Wir haben uns in diesem Denkmodell aber viel Verschwendung geleistet, von Energie, von Rohstoffen, auch von Arbeitszeit und Arbeitskosten“, sagt Boos.

Klimaneutrales Unternehmen: Auch für KMU wichtig

Andere Faktoren werden wichtig

Dem stellen er und die anderen Autoren der Studie „Sustainable Productivity“ ein umfangreicheres Modell der Bewertung gegenüber. Die finanzielle Betrachtung, mit „F“ abgekürzt, entfällt darin nicht, aber sie bekommt gewissermaßen Konkurrenz. Weitere Faktoren werden in die Waagschale gelegt: E, S und G. Genauer gesagt, ökologische Effekte (E), soziale Auswirkungen des unternehmerischen Handelns (S) und eine innovationsfreundliche Steuerung (Governance, daher G), die wirklich innovative Lösungen erst ermöglichen soll. „Wenn eine Veränderung Vorteile im finanziellen Bereich, aber Nachteile in den drei anderen mit sich bringt, sollte ein Entscheider diesen Schritt nicht gehen“, so Boos.

Es geht aber nicht nur darum, bestimmte Entscheidungen zu verhindern. Umgekehrt zeige sich anhand einer solchen Bewertung auch, dass selbst kleine Projekte, die zu mehr Nachhaltigkeit führen, die entsprechenden Kennzahlen schon sichtbar verbessern.

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Nachhaltigkeit in der Produktion ist für ihn „eine Herzensangelegenheit“: Prof. Wolfgang Boos, geschäftsführender Oberingenieur am Lehrstuhl für Produktionssystematik am Werkzeugmaschinenlabor (WZL)
(Bild: WZL RWTH Aachen)

Und klein kann wirklich klein heißen, wie ein konkretes Beispiel aus der Metallbearbeitung zeigt, „auch wenn das vielleicht ganz banal klingt“, sagt Boos. Standardmäßig greife ein Mitarbeiter zum Papiertuch, um Reste ölgetränkter Späne an der Maschine zu entfernen. Papier sowie verschmutzte Späne landen im Restmüll. Nachhaltigere Alternative: Ein textiler Lappen, der vom Dienstleister sauber zurückkommt, eine Reinigung und Wiederverwertung der Späne und ein Abtrennen des Öls von Metallresten und Textilien. „Das sind genau die Schritte, die wir brauchen. Das summiert sich.“ Allein anhand einer eher kurzfristigen finanziellen Bewertung käme so eine Idee sicher nicht gut weg, da das Papiertuch „erstmal billiger“ zu sein scheint. Im Zusammenhang mit allen Faktoren, also F, E, S und G, zeige sich aber, dass der Umstieg langfristig sinnvoll sei.

Laut Boos gibt es auch schon eine Reihe von Unternehmen, die solche Schritte gehen. Das habe sich in der Studie gezeigt, die auf Input aus rund 300 Betrieben unterschiedlicher Branchen beruht – auch die Medizintechnik war dabei vertreten. Die Wahrheit dabei ist aber auch: Die Abkehr von der finanziellen Sichtweise ist eine erste große Hürde, die es zu überwinden gilt.

Gewohnheiten ändern sich nur, wenn alle im Betrieb mitziehen

Der größte Knackpunkt scheint allerdings im „S“ zu stecken, im sozialen Miteinander, in der Denkweise jedes Einzelnen: Im Prinzip müssten wirklich alle am gleichen Strang ziehen, von der Chefetage bis zum einzelnen Mitarbeiter in der Produktion – damit nicht doch irgendwo wieder jemand eine Papierrolle hervorzaubert, weil das irgendwie schneller geht. „Es ist sehr menschlich, dass es Zeit braucht, um eine Gewohnheit abzulegen und sie durch neue Handlungsweisen zu ersetzen“, sagt Boos. Und auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit wird sich seiner Ansicht nach in der Produktion an den Technologien selbst gar nicht so viel ändern. „Wir müssen sie nur anders nutzen.“

Produzieren mit bis zu 45 Prozent weniger Energie

Industrie 4.0 liefert Daten, um auch robuste Prozesse anzufassen

Gute Möglichkeiten dazu bieten seiner Meinung nach all die Sensoren und Aktoren, die mit Industrie 4.0 in den Werkshallen Einzug halten. „Wir verstehen mit den Daten, die wir auf diesem Weg bekommen, die Prozesse viel besser. Das heißt, wir können uns trauen, sogar einen Prozess, der robust läuft, anzufassen.“ Bisher lasse man das aus Vorsicht eher sein. „Nun sehen wir aber, wo die Stellschrauben sind, um etwas zu verändern und damit zum Beispiel nachhaltiger zu arbeiten, in dem wir Verschwendung erkennen und vermeiden.“

Nachhaltigkeit – von der Entwicklung bis zur Produktion

Ist Industrie 4.0 also die Voraussetzung für eine nachhaltige Produktion? „Die Daten helfen und schaffen mehr Möglichkeiten“, sagt Boos. Aber vieles ginge auch ganz ohne sie, wie das Beispiel mit den Spänen zeige – und von dieser Sorte gebe es viele. Ebenfalls ohne Industrie 4.0 könne ein Fühler am Vorratsbehälter für Kühlschmierstoffe helfen, rechtzeitig die Konzentrationen der chemischen Komponenten anzupassen. „Aber der Alltag sieht oft so aus, dass tausend Liter umweltschädliche Kühlschmierstofflösung entsorgt werden müssen, weil die letzte händische Untersuchung zu lange her ist und man dann schon von Weitem riecht, dass sich Mikroorganismen im Tank vermehrt haben.“

Nachhaltige Produktion: Anreize auch durch die Finanzierer

Es geht also um die kleinen Schritte… Angesichts zahlreicher Herausforderungen wie Energiemangel, Rohstoffmangel oder Lieferkettenproblemen scheint aber selbst das für Mittelständler oft zu viel verlangt. Doch die Anforderungen in dieser Richtung wachsen. „Für die Old Economy bekommen Sie kaum noch Finanzierungen, während die Stakeholder sich stark für Green Fonds oder Start-ups interessieren, die sich um Nachhaltigkeit kümmern“, sagt Boos. Anreize aus dieser Richtung sieht der Produktionsexperte grundsätzlich positiv. Sie seien jedenfalls besser als regulatorische Eingriffe. „Es würde viel zu lange dauern, bis man über gesetzliche Vorgaben etwas erreicht– und es könnte gut sein, dass der Effekt dann wäre, die jeweilige Vorgabe mit möglichst minimalem Aufwand zu erfüllen.“ Anstöße seitens der Finanzierer kitzelten mehr heraus. „Das bringt die Unternehmen dazu, alle Möglichkeiten zu suchen und zu nutzen, die sich ihnen bieten.“

Dabei seien die Entscheider nicht auf sich allein gestellt, es gebe viele Experten in zahlreichen Institutionen, die fachlich weiterhelfen können. Hauptsache, es ändere sich möglichst schnell etwas, damit nicht alle Maßnahmen zu spät kommen. Zu spät, um das zu erreichen, was im Grunde der Antrieb für alle Aktivitäten in Richtung Nachhaltigkeit ist: die Schäden, die in den vergangenen rund 70 Jahren am Ökosystem entstanden sind, „so weit zu begrenzen, dass auch kommende Generationen ein lebenswertes Leben führen können“.


Über die Studie

Prof. Wolfgang Boos ist einer der Autoren der Studie Sustainable Productivity. Deren Ziel: ein neues Verständnis des Produktivitätsbegriffs zu erarbeiten, um die Produktionswende in Richtung Nachhaltigkeit einleiten zu können. Monetarisierbarer Mehrwert gehört dazu.
Die Studie zum Download:

http://hier.pro/hYtS0

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