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Vom Medizintechnik-Studium zur Start-up-Gründerin

Start-up-Geschäftsführerin
Medizintechnik Studium: Reingeschnuppert und die Berufung gefunden

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Dr. Valentine Gesché ist Maschinenbau-Ingenieurin und leitet als Geschäftsführerin das junge Unternehmen Peragraft GmbH, das sie mit gegründet hat (Bild: Valentine Gesché)
Eigentlich hatte Dr. Valentine Gesché ihr Maschinenbaustudium begonnen, um Flugzeuge zu bauen. Heute ist sie Geschäftsführerin eines Medizintechnik-Start-ups in Aachen, das patientenindividualisierte Implantate der Risikoklasse III herstellt. Das Reinschnuppern in die faszinierende Branche hat ausgereicht, ihrem Studium und ihrem Berufsweg eine neue Richtung zu geben.

Dr. Birgit Oppermann
birgit.oppermann@konradin.de

Frau Dr. Gesché, welche Aufgabe übernehmen Sie derzeit in der Medizintechnik-Branche?

Zusammen mit zwei Mitstreitern haben wir 2019 als Spin-off der RWTH das Unternehmen Peragraft GmbH gegründet. Ich bin also Gründerin und auch Geschäftsführerin dieses Unternehmens.

Welche Art von Produkten wollen Sie mit dem Start-up auf den Markt bringen?

Wir entwickeln Implantate, Stentgrafts, mit denen Gefäßerkrankungen behandelt werden. Genauer gesagt werden die Medizinprodukte gebraucht, um Aussackungen im Gefäßsystem, so genannte Aneurysmen, zu stützen. An den betroffenen Stellen dehnt sich die Gefäßwand aus und wird dabei sehr dünn. Sie kann sogar reißen, was für den Patienten lebensgefährlich ist. Für komplexe Fälle werden Stentgrafts gebraucht, die haargenau und patientenindividuell zu deren Aneurysma passen. So etwas in Handarbeit herzustellen, dauert heute einige Wochen bis Monate. Wir wollen die individualisierten Medizinprodukte automatisiert und schnell herstellen. Wir streben hier die Digitalisierung der Fertigung an. Damit lässt sich die Lieferzeit deutlich verkürzen. So ein Stentgraft kann dann in weniger als einer Woche einsatzbereit sein. Für den Patienten sinkt damit das Risiko, denn er muss nicht mehr so lange auf sein Implantat warten.

Seit wann sind Sie in diesem Bereich tätig?

Mit unserem Start-up setzen wir Forschungsarbeiten fort, mit denen ich mich schon während meiner Promotion beschäftigt habe. Aber mit der Medizintechnik kam ich schon im Studium in Kontakt. Damals habe ich mich als Maschinenbau-Ingenieurin an der TU München nicht nur auf Kunststofftechnik, sondern auch auf den Schwerpunkt Medizintechnik spezialisiert.

War die Medizintechnik schon immer Ihr Ziel?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe mein Maschinenbau-Studium begonnen, weil ich in der Luft- und Raumfahrt arbeiten und Flugzeuge bauen wollte. Allerdings hat sich diese Vorstellung später als wenig realistisch erwiesen. An einem großen Projekt wie einem Flugzeug hätte ich als Ingenieurin ja immer nur an einem winzigen Teilprojekt gearbeitet. Dann habe ich mich im Bekanntenkreis mit einem Medizintechnik-Studenten unterhalten. Eigentlich dachte ich, wenn man etwas mit Medizin zu tun haben möchte, sollte man vielleicht gleich Medizin studieren. Aber, ich wurde neugierig und habe mir dann ein paar Vorlesungen aus diesem Fachgebiet angehört – und es hat mich total fasziniert, wie Technik in der Lage ist, Patienten zu helfen. Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, irgendetwas anderes zu tun. Und ich arbeite auch viel näher am Produkt, habe direkten Einfluss darauf. Wobei man das für die Branche nicht ganz verallgemeinern kann, denn es gibt natürlich auch hier Großgeräte wie einen CT, an dem vermutlich auch wieder viele Ingenieure mit kleinen Teilprojekten beteiligt sind.

Was fasziniert Sie an der Branche und an ihren Produkten?

Wir nutzen eine Technologie, um Ersatzteile für den menschlichen Körper zu schaffen. Wenn Produkt und Gewebe miteinander in Kontakt kommen, passiert so viel – das finde ich total spannend.

Wie sieht der berufliche Alltag aus?

Eigentlich ist jeder Tag anders, denn die Arbeit in einem Start-up ist sehr facettenreich. Ich bin ja nicht nur für die Entwicklung zuständig, sondern für viele weitere Aspekte. Da kommen regulatorische und klinische Fragen hinzu, ich muss mich auch um die Finanzierung kümmern. Lauter neue Erfahrungen also, aber die möchte ich nicht missen. Und ich merke, dass es auch nach über zwei Jahren als Gründerin immer noch ein stetiger Lernprozess ist, mein Mindset von der Wissenschaftlerin zur Unternehmerin zu verändern und anzupassen.

Wie waren Sie mit Ihrem Abschluss auf die Aufgaben vorbereitet, mit denen Sie heute zu tun haben?

Null (lacht) – hätte ich jetzt fast gesagt. Das trifft aber nur zu, wenn ich an die unternehmerischen Dinge denke. Und das liegt in erster Linie daran, dass ich mich im Studium noch nicht mit Entrepreneurship-Themen aktiv beschäftigt habe. Technisch habe ich im Studium sehr viel gelernt, was ich jetzt brauche, und war auf diesen Teil also sehr gut vorbereitet. Das Promotionsstudium war dann eine Art Zwischenschritt. Da gab es nicht nur öffentlich geförderte Projekte, sondern auch bilaterale Projekte mit Industriepartnern. Dabei habe ich die Industriesicht zum Beispiel auf regulatorische Fragen kennengelernt, nicht aus der theoretischen, sondern aus der praktischen Sicht. Das hat mir jetzt sehr geholfen.

Welche Rolle spielt medizinisches Wissen in Ihrem Job?

Das ist sehr wichtig. Wenn ich die Anforderungen der Zielgruppe, also der Mediziner, nicht kenne, kann ich ja keine entsprechenden Medizinprodukte entwickeln. Am liebsten hätte ich ein Medizinstudium für Ingenieure. Wie ein Bachelorstudium, aber genau auf jene ausgerichtet, die das Wissen brauchen, aber nicht Arzt werden wollen. So etwas würde ich gern mit auf den Weg bringen. Bisher gibt es das meines Wissens noch nicht. Mir persönlich hat es sehr viel geholfen, dass mein Doktorvater ausgebildeter Herzchirurg ist. Er hat mir die Medizin nahegebracht und Wege in die Klinik geöffnet. Das weiß ich sehr zu schätzen.

Wie stark ist die internationale Ausrichtung Ihrer Tätigkeit?

Unser Ziel mit Peragraft ist auf jeden Fall eine internationale Ausrichtung. Die USA sind der größte Markt für unsere Produkte, aber auch in der EU und in Asien gibt es viel Potenzial.

Wie beeinflusst die Digitalisierung Ihre Arbeit ?

Die zunehmende Digitalisierung ist notwendig und wichtig. Zum einen für die Kliniken, in denen noch viel auf Papier läuft. Aber auch für die Medizintechnik-Branche. Für uns als Hersteller ist es entscheidend, dass wir die Digitalisierung nutzen, um die Nachverfolgung zu vereinfachen und die Transparenz zu verbessern Sie bietet uns auch Vorteile für die Zulassung, Sicherheit und das Qualitätsmanagement.

Worauf sollten Studierende bei der Planung Ihres Berufsweges besonders achten?

Die Umsetzung von regulatorischen Vorgaben ist ein Aspekt, mit dem man sich idealerweise schon im Medizintechnik-Studium beschäftigen sollte. Dabei meine ich auch die Geisteshaltung diesem Thema gegenüber. Regulatory Thinking sollte man nicht als Last empfinden, es gehört einfach dazu und kann auch richtig Spaß machen. Studierende sollten dafür offen sein, und es wäre toll, wenn die Lehrenden das Thema schmackhafter präsentieren würden.

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Was macht das Arbeiten in der Medizintechnik aus Ihrer Sicht empfehlenswert?

Die Medizintechnik ist mit Sicherheit ein zukunftsträchtiges Feld, und es ist eine starke Motivation, direkt an Produkten zu arbeiten, die Menschen heilen. Man ist in einem sehr interdisziplinären Umfeld tätig und kann aus ganz vielen Richtungen einen Zugang finden, ob man nun Maschinenbauer, Elektrotechniker, Informatiker oder Mediziner ist. Erst wenn alle ihr Wissen zusammenbringen, entstehen neue Lösungen.


Kontakt zum Unternehmen:
Peragraft GmbH
Jülicher Straße 72a
52070 Aachen
Deutschland
Tel.: +49 (0) 241 80 85872
E-Mail: info@peragraft.de
URL: www.peragraft.de

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