Zukunftsforschung: Wie Unternehmen von entwickelten Szenarien profitieren

Über Emotionen ans Ziel kommen

Dr. Robert Gaßner ist Psychologe und arbeitet am Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) als Fachbereichsleiter. Eines seiner Forschungsfelder ist der Einsatz von Telematik und Multimedia-Techniken in der Medizin
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Wie wünschen wir uns die Gesundheitsbranche in Zukunft? In welche Richtung lohnt es sich zu forschen? Antworten darauf stecken in Szenarien, die Wissenschaftler am Berliner IZT entwickeln. Projektleiter Dr. Robert Gaßner erläutert, wie Unternehmen diese Erkenntnisse nutzen können.

Herr Dr. Gaßner, Sie entwickeln mit Auftraggebern und Fachleuten so genannte normative Szenarien, unter anderem zu Fragen der Gesundheitsbranche. Was lässt sich daraus ableiten?

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass wir damit keine Prognosen erstellen. Was in Prognosen, selbst in den fundierten, angekündigt wird, tritt zumeist nicht ein, da Unternehmen und Bürger oder wer auch immer in aller Regel auf die Ankündigung reagieren und die weitere Entwicklung verändern. Das Ziel unserer Arbeit ist also nicht abzuschätzen, was wahrscheinlich kommen wird, sondern zu überlegen, wie wir – als Gesellschaft – die Zukunft gern hätten. Ausformuliert wird das in so genannten normativen Szenarien, die wie kurze Geschichten aus der Zukunft aufgebaut sind. Diese sind eine Diskussionsgrundlage, die beim Lesen Emotionen weckt, Zustimmung oder Ablehnung auslöst. Das hilft, die eigenen Ziele zu definieren.
Welche Anhaltspunkte liefert ein Szenario?
Es fasst Rahmenbedingungen und Wünsche zusammen. Dabei dreht sich vieles um Technik, die Aufgaben lösen kann, aber manchmal auch Teil des Problems ist. Man stößt auf Fragen wie die folgende: Will ich einen lernfähigen Roboter in meinem Haushalt nutzen? Wenn er lernt, weiß er eine Menge über mich und meine Vorlieben. So kann er mich umso besser unterstützen. Wird er aber gewartet, repariert oder bekommt ein Update, wird wahrscheinlich eine weitere Person mit meinen Daten in Kontakt kommen. Will ich das? Entwickler müssen diese Dingen wissen und in ihre Überlegungen einbeziehen. Eine Antwort auf technische Detailfragen findet man in den Szenarien natürlich nicht.
Warum ist es für Medizintechnik-Unternehmen wichtig, sich mit den Szenarien zu befassen?
Gerade Techniker sollten nicht nur darauf schauen, was die Zukunft bringt. Wir müssen ja nicht mehr oder weniger passiv abwarten, was auf uns zukommt und unsere Technik daran anpassen. Interessanter ist es, selbst aktiv zu werden und zu überlegen, wie Geräte oder Produkte sein sollen: Sollen sie den Patienten oder Ärzten zum Beispiel viel Autonomie ermöglichen oder ihnen Entscheidungen abnehmen? Das kann ich nur beantworten, wenn ich weiß, wie ich den Menschen als Nutzer stellen will.
Wie können Unternehmen mit den Szenarien weiterarbeiten?
Einige Szenarien, die wir für das Bundesumwelt- oder Bundesforschungsministerium sowie den ADAC erstellt haben, sind veröffentlicht und kostenlos zugänglich. So, wie der Auftraggeber die Ergebnisse mit verschiedenen Gruppen diskutiert hat, um zu Entscheidungen zu kommen, können das auch Unternehmen tun – intern in Arbeitsgruppen oder mit Patienten und Ärzten, um sich an deren Bedürfnissen auszurichten. Viele Menschen könnten die Frage, wie sie sich ein Produkt oder ein Umfeld wünschen, nicht einfach so beantworten. Dafür gibt es zu viele Möglichkeiten. Anhand eines Szenarios aber kann man leicht sagen, ‚das will ich‘ oder ‚das will ich nicht‘. Wenn man als Unternehmen die gewünschten und unerwünschten Aspekte identifziert hat, sind die Handlungsfelder offensichtlich.
Wessen Sichtweise fließt in die Szenarien ein, die Sie erstellen?
Die Teilnehmer der Expertenrunden legt zum großen Teil der Auftraggeber fest. Eine öffentliche Institution wie eben das Bundesforschungsministerium bringt eine Reihe eigener Experten in den Prozess ein. Darüber hinaus werden meist Wissenschaftler aus relevanten Fachgebieten eingeladen sowie – in geringerer Anzahl – Vertreter der Industrie. Je nach Aufgabe können dabei sehr unterschiedliche Standpunkte wünschenswert sein: Wer zum Beispiel über die Mobilität der Zukunft sprechen will, muss sowohl die Automobilkonzerne als auch die Umweltorganisationen zu Wort kommen lassen. So erhalten wir schließlich fachlich fundierte und konsensfähige Szenarien, in denen auch kritische Aspekte auftauchen.
Welche Rolle spielten bei Ihren Szenarien die finanziellen Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen?
Eine sehr große. Wir würden auch kein Szenario erstellen, das grundsätzlich nicht finanzierbar wäre. Doch hat sich gezeigt, dass die begrenzten Ressourcen zu kreativen Ergebnissen führen: Wenn wir nicht unendlich viel Geld für kurative Maßnahmen zur Verfügung haben, müssen wir vielleicht mehr in die Prävention investieren. Das ist in einem unserer Szenarien thematisiert. Und die vorbeugenden Maßnahmen sind beileibe nicht nur in der traditionellen chinesischen Medizin angesiedelt, sondern können von technischen Entwicklungen der Diagnostik stark profitieren. Das wäre möglicherweise ein Weg, um langfristig zu einem gerechten, bezahlbaren und zukunftsfähigen Gesundheitssystem zu kommen.
Wie lange behalten Szenarien ihre Aussagekraft?
Dazu kann man kaum eine konkrete Angabe machen. Meiner Erfahrung nach bieten die meisten Szenarien über einen erstaunlich langen Zeitraum eine gute Diskussionsgrundlage. Man darf nur nicht den Fehler machen, technische Entwicklungen im Szenario allzu konkret auszumalen, dann wirkt das Szenario schnell ‚altmodisch‘.
In welcher Form können sich Unternehmen beteiligen, wenn neue Szenarien entstehen?
Es gibt keine Möglichkeit, sich zu bewerben, da die Experten für jedes Projekt mit dem Auftraggeber ausgewählt werden. Ein eigenes Projekt zu starten, würde die finanziellen Möglichkeiten eines mittelständischen Unternehmens wahrscheinlich übersteigen. Bei einer Laufzeit von etwa einem Dreivierteljahr kommen Kosten von etwa 70 000 Euro für die wissenschaftliche Arbeit zusammen. Für Verbände oder Unternehmen, die sich zusammenschließen, ist dieser Weg aber durchaus realistisch.
Was hat Sie bei den Diskussionen um die wünschenswerte Zukunft am meisten überrascht?
Als Psychologe interessiert mich natürlich die Frage, wieviel unserer Persönlichkeit vererbt oder von der Umwelt beeinflusst ist. Jüngste Erkenntnisse aus der Epigenetik finde ich faszinierend, da sie zeigen, dass die Gene weit weniger vorherbestimmen als bisher gedacht, und auch erworbene Eigenschaften an die nächste Generation weitergegeben werden können. Das wird sicher auch unser Verständnis von Gesundheit und Prävention verändern.
Dr. Birgit Oppermann birgit.oppermann@konradin.de
Weitere Informationen Zwei normative Szenarien zu Prothesen und Geräten in Medizin und Reha sowie zur präventiven Diagnostik sind im Online-Magazin hinterlegt: www.medizin-und-technik.de/zukunfts forschung Wie man fertige Szenarien für sich auswerten kann, ist in einer methodischen Anleitung beschrieben (ebenfalls als pdf verfügbar)

Ihr Stichwort
  • Normative Szenarien
  • Zukunft der Gesundheitsbranche
  • Anwender- und Patientenwünsche identifizieren
  • Auswertung bestehender Szenarien
  • Erstellen eigener Szenarien

  • Zur Methode: Normatives Szenario
    Um Aussagen über die Zukunft zu machen, gibt es zwei Möglichkeiten: Man berechnet Wahrscheinlichkeiten und kommt zu mehreren Konstellationen, die uns erwarten könnten. Oder man bittet Experten verschiedener Fachgebiete, ihre Gedanken und Erwartungen zu formulieren – mit dem Ziel, ein einziges Szenario zu erhalten, das eine für alle Beteiligten „wünschenswerte“ Zukunft beschreibt. Danach gilt es, etwas dafür zu tun, dass daraus Wirklichkeit wird.
    Fachleute bezeichnen dieses Vorgehen als das Erstellen eines „normativen Szenarios“. Solche erarbeitet zum Beispiel das Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT). Im Auftrag des Bundesforschungsministeriums wurden unter anderem die Perspektiven für die Hirnforschung oder für den Einsatz von Robotern in der Medizin betrachtet. Dabei waren die Medizin, die Mathematik, die Robotik, die Pädagogik sowie weitere Disziplinen vertreten. Was die Fachleute sich ausmalten, fasste ein beschreibendes Szenario in Worte: Was erlebt ein Patient, der mit einer von seinen Gedanken gesteuerten Armprothese in die Reha geht? Wen trifft er dort, wie werden die Menschen behandelt, welche Technik finden sie vor? Das Ergebnis ist, wie die daran arbeitenden Forscher betonen, keine Prognose. Ihr Bild soll viel mehr positive wie auch negative Assoziationen und entsprechendes Handeln auslösen. Wer das Szenario liest, wünscht sich, dass die beschriebenen Aspekte bald umgesetzt werden und wird vielleicht aktiv, oder er lehnt sie ab und versucht, das Umsetzen zu verhindern.
    Das Bundesforschungsministerium hat solche Szenarien als Diskussionsgrundlage genutzt und mit Vertretern verschiedener gesellschaftlicher Gruppen über die Zukunft gesprochen. Schließlich wurden anhand der Ergebnisse Forschungsförderprogramme ausgerichtet. Zwölf Szenarien wurden zum Beispiel 2009 in einem Band zusammengestellt, der zum kostenlosen Herunterladen bereitsteht ( https://www.izt.de/veroeffentlichungen/buchveroeffentlichungen/werkstattberichte). Hier ging es um Servicerobotik im Alltag und in der Pflege, die Rolle der Prävention in der Gesundheitswirtschaft oder auch das Biological Engineering: Kann zum Beispiel die gleiche technische Grundlage sowohl für eine Prothese als auch für einen Serviceroboter genutzt werden? Was steht bei Menschen im Medizinschrank: abgelaufene Arzneimittel oder ein Set moderner Diagnosegeräte für den privaten Gebrauch? Braucht man die intelligente Toilette, die nach jeder Benutzung Daten über die Gesundheit liefert? Auch das Aussehen, die Größe und die Möglichkeiten von Großgeräten zur bildgebenden Diagnostik wurden berücksichtigt. Aktuell hat die Johanniter Unfallhilfe ein solches Projekt in Auftrag gegeben, um eine Perspektive dafür zu entwickeln, wie die Organisation auch im Jahr 2030 fach- und bedarfsgerechte Hilfsangebote anbieten und dabei Spendenmittel und wirtschaftliche Erlöse effizient einsetzen kann.
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