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Was ein Mediziner für Implantate bei Arthrose im Finger wünscht

Endoprothesen
Implantate für die Finger bei Arthrose – am besten mit Planung

Arthrose finger implantate Jörg van Schoonhoven Endoprothesen
Prof. Dr. med. Jörg van Schoonhoven ist Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie und Chefarzt an der Klinik für Handchirurgie am Rhön-Klinikum Campus Bad Neustadt
(Bild: Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie)
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Nach dem Vorbild der Knie- und Hüftgelenkprothesen entstanden in den 90iger-Jahren Implantate, die durch zum Beispiel durch Arthrose geschädigte Fingermittelgelenke ersetzen können. Laut Handchirurg Prof. Jörg van Schoonhoven läuft schon vieles gut, aber es fehlen Langzeitdaten – und es gäbe Potenzial für die anderen Gelenke, vor allem für das Handgelenk.

Dr. Birgit Oppermann
birgit.oppermann@konradin.de

Herr Professor van Schoonhoven, wo werden Implantate an der Hand genutzt?

Wie alle Gelenke im Körper können auch die zahlreichen Gelenke der Hand durch Arthrose, Entzündungen oder Unfälle so weit geschädigt sein, dass starke Schmerzen oder Funktionseinschränkungen eine Behandlung erforderlich machen. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten: eine Teilentfernung des Gelenks – die heute kaum noch ausgeführt wird –, eine Versteifung des Gelenks oder ein Gelenkersatz durch Implantate. Welche Therapie in Frage kommt, hängt davon ab, welches Gelenk betroffen ist.

Jeder Finger zum Beispiel hat drei Gelenke: das Grund-, das Mittel- und das Endgelenk. Letzteres wird bei Problemen meist versteift, da das die Funktion der Hand insgesamt kaum einschränkt. Beim Grund- und Mittelgelenk ist eine Versteifung nicht ideal, sodass Mediziner hier eher auf Implantate zurückgreifen würden.

Welche Implantate kommen hierfür in Frage?

Implantate für die Fingergelenke haben seit den 60iger-Jahren eine Entwicklung durchlaufen. Zunächst waren silikonbasierte so genannte Platzhalter oder Spacer der Goldstandard. Sie hatten eine längliche Form und wurden mit zwei Zapfen in die Fingerknochen ober- und unterhalb des entfernten Gelenks eingeführt. Ein elastischer Bereich in der Mitte übernahm die Biegefunktion. Das hat gut funktioniert, allerdings ließ die Elastizität des Mittelteils mit der Zeit nach. Auch traten Entzündungen als Folge des Silikon-Abriebs auf.

In den 80iger-Jahren kamen Implantate auf, die das Prinzip der Endoprothesen für Knie und Hüfte aufgriffen und als längerfristiger echter Gelenkersatz bezeichnet werden können. Aus einer Vielzahl an Modellen mit unterschiedlichen Materialien und Formen hat sich die Variante mit einem Schaft aus Titan durchgesetzt, der Gelenkflächen aus Titan und Polyethylen trägt. Der Schaft ist so gestaltet, dass er in den Knochen einwächst– da sich die kleinen Strukturen im Fingerbereich für das Einzementieren nicht eigenen.

Welche Anforderungen müssen solche Implantate erfüllen?

Ein Fingerknochen ist so klein, dass sich wenig Knochen entfernen lässt, um Platz für ein Implantat zu schaffen. Daher müssen die Prothesen filigran sein, aber stabil genug, um hohe Belastungen auszuhalten, wie sie beispielsweise beim Tragen einer Kiste entstehen. Sie müssen haltbar sein, dürfen nicht verschleißen und sich auch nicht lockern.

Wie gut erfüllen heutige Prothesen diese Anforderungen?

Es gibt zwar genug Fälle, um das zu untersuchen, bisher aber leider keine Langzeitstudien zu Fingergelenkprothesen. Meiner Meinung nach wäre das eine ethische Verpflichtung, der die Hersteller nachkommen müssten, um zu zeigen, dass ihre Produkte die Erwartungen erfüllen und sich der finanzielle Aufwand für einen Gelenkersatz im Solidarsystem lohnt. Künftige Endoprothesenregister können dazu sicher auch Ergebnisse liefern. Aus meiner persönlichen Erfahrung würde ich sagen, dass die verschiedenen am Markt verfügbaren Implantatsysteme für die Hand jeweils Vor- und Nachteile haben. Wenn man die jeweiligen Indikationen und Contraindikationen beachtet, sind sie mittelfristig – also über einen Zeitraum von etwa fünf Jahren – zuverlässig.

Wie oft werden Gelenke im Handbereich durch Implantate ersetzt?

Das erbliche Risiko für eine Polyarthrose, also eine verschleißbedingte Gelenkschädigung, ist relativ verbreitet. Am häufigsten betroffen sind die Mittelgelenke der Finger, für die es die beschriebenen Prothesen gibt. Operiert wird aber nur, wenn es keine andere Option gibt. Insgesamt sind die Fallzahlen relativ hoch. Nicht ganz so häufig sind Schädigungen am Fingergrundgelenk. Diese schränken die Funktion der Hand auf Grund ihres Bewegungsumfanges aber stark ein.

Um Schäden an diesen Gelenken operativ zu behandeln, gibt es bisher leider keine zufriedenstellenden Lösungen. Gleiches gilt für das Handgelenk, dessen Bewegungen auf einem komplexen Zusammenspiel aller Handwurzelknochen mit Bändern und Muskeln beruhen. Hierfür wären Weiterentwicklungen bisheriger Endoprothesen wünschenswert, aber das ist eine Herausforderung.

Wie sinnvoll sind patientenspezifische Implantate in diesem Zusammenhang?

Bisher haben wir für die Mittelgelenke Standardimplantate in verschiedenen Größen zur Verfügung. Allerdings werden hier symmetrische Verhältnisse am Gelenk vorausgesetzt. Bei fortgeschrittener Arthrose sind die Gegebenheiten durch die Abnutzung oft stark asymmetrisch. In solchen Fällen wären patientenindividuelle Implantate hilfreich. Das gilt aber nur, wenn die Software und die Planungstools drumherum so gestaltet sind, dass ein durchschnittlicher Chirurg sie mit sinnvollem zeitlichen Aufwand nutzen kann.

Welche Entwicklungen wären für die Handchirurgie wünschenswert?

Ideal wäre es, wenn wir ein so weit standardisiertes Tool hätten, dass ich nur noch den CT-Datensatz des Patienten eingeben müsste und dann der Rechner die restliche Planung übernimmt – und das Ganze noch bezahlbar. (lacht) Das ist natürlich viel verlangt. Aber man muss sich solche Dinge wünschen, damit Entwicklungen in Gang kommen.

Über die Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie: www.dg-h.de


Gelenke machen die Hand flexibel, aber Schmerz schränkt den Patienten ein
(Bild: medistock/stock.adobe.com)

Wenn der Knorpel schwindet

Arthrose ist eine chronisch fortschreitende, degenerative Gelenkerkrankung, bei der die Knorpelschicht eines Gelenks durch Abnutzung geschädigt und allmählich zerstört wird. Ursachen für Arthrose können Verletzungen, Fehlbelastung oder Übergewicht sein. An der Hand betrifft Arthrose vor allem die Fingerend- und Mittelgelenke und das Daumensattelgelenk. Häufig tritt die Erkrankung an mehreren Gelenken auf, dann spricht man von Polyarthrose. Arthrose ist nicht heilbar. Mit gezielter Therapie können jedoch Schmerzen gelindert sowie Beweglichkeit und Kraft verbessert werden.

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