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Gender Medizin: Sensibler dafür, dass Körper verschieden reagieren

Geschlechtersensible Medizin
Gender Medizin: Sensibler dafür, dass Körper verschieden reagieren

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Prof. Dr. med. Sabine Oertelt-Prigione besetzt eine neue Professur an der Medizinischen Fakultät OWL und baut an der Uni Bielefeld die Arbeitsgruppe Geschlechtersensible Medizin auf. Parallel dazu lehrt sie Gender in Primary and Transmural Care am Radboud University Medical Center in Nijmegen in den Niederlanden (Bild: Universität Bielefeld)
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Männer und Frauen reagieren auf medizinische Therapien nicht in gleicher Weise – was oft unter dem Begriff Gender-Medizin zusammengefasst wird. Wann genau das relevant oder sogar lebensbedrohlich werden kann, soll die Forschung zu geschlechtssensibler Medizin zeigen. Laut Prof. Dr. med. Sabine Oertelt-Prigione ist das auch für Medizinprodukte ein Thema – und für die Entwicklung personalisierter Medizin.

Dr. Birgit Oppermann
birgit.oppermann@konradin.de

Frau Professor Oertelt-Prigione, warum ist es wichtig, ob einem Patienten oder einer Patientin geholfen wird?

Menschliche Körper unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Ein wichtiger Faktor, dessen Einfluss ich untersuche, ist das Geschlecht. Um Menschen bei einer Erkrankung möglichst gut behandeln zu können, sollten wir wissen, wo genau es Unterschiede gibt und wie diese sich auf die Wirksamkeit einer Therapie auswirken. Physiologisch ist bereits nachgewiesen, dass der Stoffwechsel unterschiedlich mit manchen Wirkstoffen umgeht. Eine angepasste Dosierung ist daher ein erster Schritt, um die passende Therapie anzubieten. Es gibt aber Hinweise darauf, dass zum Beispiel ein Symptom wie Schmerz bei Männern und Frauen auf verschiedene Art und Weise entstehen kann. Und zwar so verschieden, dass für die Behandlung sogar unterschiedliche Wirkstoffe sinnvoll wären. Noch wissen wir über solche Details allerdings viel zu wenig.

Wie offen ist die Medizin für so eine differenzierte Herangehensweise?

Es hat sich viel getan in den vergangenen Jahren, und vor allem Jüngere sind offen für das Thema. Man muss allerdings sehen, dass der Begriff ‚Gender‘ manchmal zu Missverständnissen führt und es noch Aufklärungsbedarf gibt, was genau mit geschlechtersensibler Medizin, die biologisches und soziales Geschlecht berücksichtigt, gemeint ist. Unabhängig davon sind biologische Unterschiede in der Medizin eines der aktuell wichtigsten Themen. Wenn wir es schaffen, das im Gesundheitswesen zu etablieren, können wir die Versorgung verbessern – und das ist das Ziel.

Wo sind geschlechtsbedingte Unterschiede bei Therapien erkennbar?

Nehmen wir als aktuelles Beispiel die Covid-Vakzine, bei denen uns Unterschiede bei Frauen und Männern begegnen. So wird aktuell vermehrt gemeldet, dass nach einer Impfung als Nebenwirkung die Menstruation ausbleibt, früher auftritt oder sich verzögert. Grundsätzlich tauchen bei Frauen, die Arzneimittel nehmen, meist mehr Nebenwirkungen auf als bei Männern – oft sind aber auch die erwünschten Wirkungen deutlicher ausgeprägt. Zum Teil hängt das vom Stoffwechsel in Leber und Darm ab, der anders abläuft, zum Teil auch von der Körperzusammensetzung und dem Anteil und der Verteilung von Fettgewebe. Die Zusammenhänge können sich altersabhängig auch verändern. All das muss man wissen. Zulassungsbehörden achten zum Teil schon auf diese Aspekte. So hat die FDA für ein bestimmtes Schlafmittel unterschiedliche Dosierungsempfehlungen für Männer und Frauen gefordert und beispielsweise Ende der 90er Jahre die Zulassung für mehrere Medikamente zurückgezogen, die für Frauen tödliche Nebenwirkungen hatten. Zu geschlechtsspezifischen Unterschieden sind noch viele Themen unerforscht.

Wie lassen sich die Lücken schließen?

Informationen zum biologischen Geschlecht der Teilnehmenden liegen bei fast allen klinischen Studien vor, weil das Geschlecht der Probanden abgefragt wurde. Dennoch wissen wir oft nichts über geschlechtsspezifische Unterschiede, weil diese nicht gesondert analysiert wurden. Als erstes gilt es also, diese Daten zu untersuchen und in Meta-Analysen zu schauen, welche Aussagen wir so schon erhalten können. Der nächste Schritt wäre, Studien von vornherein so zu designen, dass der mögliche Einflussfaktor ‚Geschlecht‘ mit untersucht wird und zum Beispiel Nebenwirkungen getrennt aufgeführt werden. Das ist heute noch nicht selbstverständlich, wäre für den Arzt, der eine Therapie auswählt, aber wichtig. Auch hier ist die Pandemie als Beispiel zu nennen. Obwohl schnell klar war, dass mehr Männer sterben als Frauen, haben 80 Prozent der zahlreichen Studien, die in den vergangenen Monaten zu Covid-19-Therapien oder Impfstoffen gelaufen sind, die Daten nicht geschlechtsspezifisch aufbereitet.

Gibt es Bereiche, in denen eine Unterscheidung nach dem Geschlecht der Patienten nicht erforderlich ist?

Wir haben heute schlichtweg noch nicht genügend detaillierte Informationen, um klar sagen zu können, wo Ärztinnen das Geschlecht berücksichtigen müssen und wo nicht. Für künstliche Linsen, die nach einer Star-Operation eingesetzt werden, lässt sich vermuten, dass hier die an die Anatomie angepasste Größe im Vordergrund steht. Für vieles andere würde ich gern das Beispiel der Pädiatrie nennen, die sich als eigene Sparte in der Medizin etabliert hat. Wir wissen und akzeptieren, dass wir Kinder nicht genauso behandeln können wie Erwachsene. In ähnlicher Weise sollten wird die geschlechtsspezifischen Unterschiede betrachten.

Welche Rolle hat die geschlechterspezifische Medizin auf dem Weg zur personalisierten Medizin?

Die Entwicklungen zur personalisierten Medizin basieren zum großen Teil auf Studien mit Omics-Technologien, also Untersuchungen zu genetischen Eigenschaften und den Eiweißen im Körper. Die Daten zu den X-und Y-Chromosomen, die nicht nur, aber auch über das Geschlecht entscheiden, sind schwierig zu interpretieren und werden daher oft bei der Analyse nicht berücksichtigt. Da aber gerade das X-Chromosom, das jeder Mensch in sich trägt, viele Gene enthält, die allgemeine physiologische Prozesse steuern und die Aktivität von Genen auf anderen Chromosomen beeinflussen, sollte man die geschlechtsspezifischen Unterschiede auch auf dem Weg zur personalisierten Medizin nicht vergessen. Und es gibt noch einen Aspekt: Bis heute ist der Mensch, der in Studien untersucht wird, zumeist ein männlicher Mensch. Wenn Künstliche Intelligenz mit diesen Daten trainiert wird, kann es sein, dass aktuelle Verzerrungen, die zum Beispiel zu einer verspäteten Diagnose führen, durch den Algorithmus verstetigt werden..

Wie wichtig sind geschlechtsbedingte Unterschiede für die Medizintechnik?

Auch bei Medizinprodukten gibt es Ansatzpunkte, die allerdings genau betrachtet werden müssen, um zu einem erfolgreichen Produkt zu führen. Nehmen wir das Beispiel Gelenkprothesen. Frauen haben in der Regel ein breiteres Becken als Männer und damit spielen im Kniegelenk andere Winkelstellungen eine Rolle. Das sollte eine spezielle Kniegelenkendoprothese berücksichtigen – sie war am Markt aber nicht erfolgreich. Die genannten Unterschiede gibt es zwar tatsächlich, sie sind auch messbar, aber der funktionelle Einfluss und somit die Notwendigkeit einer angepassten – und teureren – „Frauen“-Knieprothese war nicht gegeben. Daher bot die geschlechtsspezifische Prothese nicht die Vorteile, mit denen sie Medizinerinnen und Mediziner hätte überzeugen können. Dieser eine Fall zeigt, dass die Berücksichtigung von anatomischen Unterschieden manchmal auch übertrieben werden kann. Eine genaue Wirksamkeitsanalyse ist also immer notwendig.

Welche Ansatzpunkte für Medizinprodukte lohnen sich denn?

Nehmen Sie eine medizinische App: Oft ist diese so gestaltet, dass man sie nur auf einem großen Mobilgerät sinnvoll nutzen kann. Das kann aber von vielen Frauen oder auch Männern mit kleineren Händen nicht gut gehalten werden, und damit wird die App von dieser Zielgruppe minder erfolgreich genutzt werden. Bei allen Produkten, die am Körper getragen werden, vom Oberarmgurt bis hin zu Brustgurten, mit denen ein Messgerät befestigt werden soll, spielt die unterschiedliche Anatomie natürlich eine Rolle. Dann gilt es, die Vertrautheit der Zielgruppe mit Technik allgemein und spezieller mit der digitalen Welt zu berücksichtigen. Männer und Frauen gehen da unterschiedlich heran. Spannend sind auch Roboteranwendungen, die künftig für Pflege und Assistenz eine Rolle spielen werden. Studien zeigen, dass Menschen einem anthropomorphen Roboter in Gedanken ein Geschlecht zuweisen, von „ihm“ oder „ihr“ sprechen. Damit verbunden sind aber ganz unterschiedliche Erwartungen an das Gerät. Alle und vor allem gegensätzliche kann es aber nicht erfüllen. Die Erwartung an Geräte, Ärztinnen und Ärzte oder eine Behandlung bestimmt jedoch darüber, ob Patientinnen und Patienten am Ende zufrieden sind. Daher rät die aktuelle Forschung, vom menschenähnlichen Erscheinungsbild abzuweichen und den Roboter lieber etwa einer Robbe oder einem Kaktus ähnlich zu gestalten, denen Nutzerinnen und Nutzer erst gar kein Geschlecht zuschreiben würden.

Welche Perspektive sehen Sie für die geschlechtsspezifische Medizin?

Der Gesetzgeber hat schon entsprechende Vorgaben gemacht: Das Präventionsgesetz fordert, eine geschlechterangepasste Versorgung zu bieten. Bis wir das tatsächlich können, wird es noch einige Jahre dauern. Wir müssen die Methoden schärfen, Studien durchführen und lernen, die Erkenntnisse daraus in der Praxis anzuwenden. Um dahinzukommen, brauchen wir die Zusammenarbeit mit vielen Menschen und deren Unterstützung – müssen also Netzwerke bilden und Kooperationsprojekte, um letztendlich die Übertragung in die Praxis zu erreichen.


Geschlechterforschung ist an der Universtität Bielefeld ein Thema, mit dem sich verschiedene Fachrichtungen befassen
(Bild: Monster Ztudio/stock.adobe.com)

Zur Hochschule und zur neuen Professur

Mit der Einrichtung der neuen Professur für geschlechtersensible Medizin, auf die Sabine Oertelt-Prigione jetzt berufen wurde, setzt die Universität Bielefeld ihr jahrzehntelanges Engagement für Geschlechterforschung fort. So wurde an der Universität bereits 1982 das Interdisziplinäre Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung (IFF) eingerichtet – die erste offizielle Frauenforschungseinrichtung an einer deutschen Universität. Das daraus hervorgegangene Interdisziplinäre Zentrum für Geschlechterforschung (IZG) stellt Geschlecht und Geschlechterverhältnisse in den Mittelpunkt seiner Forschungen. Auch die Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld berücksichtigte seit ihrer Gründung im Jahr 1994 früh Geschlechter- und Diversitätsaspekte in Forschung und Lehre.

Prof. Sabine Oertelt-Prigione will sich nach ihrer Berufung auf die neue klinisch-theoretische Professur an der Medizinischen Fakultät OWL unter anderem der Methodenentwicklung und der interdisziplinären Zusammenarbeit mit klinischen Disziplinen widmen. Auch ein geschlechtersensibles Curriculum für das Medizinstudium soll entstehen. Gleichzeitig möchte sie ein lokales Netzwerk zu praktizierenden Ärzten und Ärztinnen aufbauen.

www.uni-bielefeld.de/fakultaeten/
medizin


Kontakt zur Wissenschaftlerin:

Sabine Oertelt-Prigione, MD, PhD, MSc
Professor (Strategic Chair) of Gender in Primary and Transmural Care
Department of Primary and Community Care
Radboud University Medical Center
P.O. Box 9101,
6500 HB,
NL Nijmegen (117)
E-mail: sabine.oertelt@radboudumc.nl
www.radboudumc.nl

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