Diabetes: Therapie läuft dank neuer Technik gut, aber bei der Prävention ist noch viel zu tun Es sollte nicht um den Markt gehen, sondern um Patient und Gesellschaft - medizin&technik - Ingenieurwissen für die Medizintechnik

Diabetes: Therapie läuft dank neuer Technik gut, aber bei der Prävention ist noch viel zu tun

Es sollte nicht um den Markt gehen, sondern um Patient und Gesellschaft

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Was tun gegen die seit Jahren steigenden Zahlen von Diabetes-Erkrankungen? Prof. Dr. Lutz Heinemann und PD Dr. med. Erhard Siegel von der Deutschen Diabetes-Gesellschaft fordern mehr Prävention. Gern auch mit technischen Hilfsmitteln.

Herr Professor Heinemann, Herr Dr. Siegel, Milllionen Menschen sind in Deutschland an Diabetes erkrankt. Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Siegel: Wir gehen davon aus, dass es derzeit – bei einer gewissen Dunkelziffer – sieben bis acht Millionen Patienten gibt. Die Fallzahlen steigen aber weiter, das Plateau ist noch nicht erreicht. Da wir in Deutschland heute schon pro Jahr 48 Milliarden Euro ausgeben, nur um Diabetes und die Folgeerkrankungen zu behandeln, ist klar, dass das in absehbarer Zeit nicht mehr finanzierbar sein wird. Wenn wir aber die Prävention stärken, können wir auf Verbesserungen in fünf bis zehn Jahren hoffen. Und Prävention fängt schon bei Kindern an. Bei dem Überangebot an Nahrung, das wir haben, müssen Menschen von klein auf lernen, damit richtig umzugehen.
Welche Bedeutung haben heute Prävention und Therapie?
Heinemann: Noch steht – wenn man die unternommenen Anstrengungen vergleicht– die Therapie im Vordergrund. Das muss man aber manchmal fast als Reflex bezeichnen: Liegt eine Diagnose vor, wird ein Medikament verordnet. Dabei bin ich der Meinung, dass es in vielen Fällen auch anders ginge, dass ein Sinneswandel und veränderte Gewohnheiten dem Patienten helfen könnten. Das gilt, bevor die Erkrankung ausbricht, aber auch, wenn man erkrankt ist. Es ist ja nicht der Sinn der Therapie, ein Medikament verordnet zu bekommen und ungesundes Verhalten wie gewohnt weiterzuführen.
Wie lässt sich die Prävention verbessern?
Siegel: In der Politik wird das Problem als solches erkannt. Die diskutierten Maßnahmen gehen mir aber längst nicht weit genug. Mit Appellen zu gesünderem Verhalten erreichen Sie vielleicht 30 Prozent der Bevölkerung. Um wirklich etwas zu ändern, brauchen wir daher im Gesetz verankerte Maßnahmen: Die Umgebung muss sich ändern, damit sich die Menschen anders verhalten. Das Beispiel Tabak zeigt, dass das innerhalb weniger Jahre funktioniert. Seit in Diskotheken, Restaurants und öffentlichen Gebäuden das Rauchen untersagt ist, gilt es gerade bei Jugendlichen heute schon als ‚uncool‘.
Heinemann: Auch positive Incentives können helfen, wie zum Beispiel niedrigere Krankenkassenbeiträge für jene, die sich nachweislich an Bewegungsprogrammen beteiligen.
Wie nützlich sind Monitoring-Apps?
Siegel: Das ist ein weiterer Baustein. Gerade junge Menschen sind für technisch orientierten Ansätze sehr offen, das sollte man nutzen. Allerdings muss sicher sein, dass die Daten nicht in die Hände Dritter gelangen und zu anderen als den vorgesehenen Zwecken genutzt werden.
Welche Rolle könnte die Medtech-Industrie im Umfeld der Prävention spielen?
Heinemann: Wir brauchen den Austausch zwischen allen Beteiligten, also den Fachgesellschaften, Berufsverbänden und Herstellern. Am besten kämen wir voran, wenn dabei die jeweils eigenen Interessen hinter dem zurücktreten, was für Patienten und Gesellschaft insgesamt am Wichtigsten und Sinnvollsten ist. Hinter verschlossenen Türen erreichen wir das manchmal schon. Aber noch nicht oft und schnell genug, um voranzukommen.
Wo sehen Sie bei den Produkten für die Therapie noch Verbesserungspotenzial?
Heinemann: Wir haben eine Vielzahl gut geeigneter Medikamente, um den Blutzuckerspiegel zu beeinflussen. Allerdings finde ich, dass die zulässigen Abweichungen bei Geräten für die Blutzuckermessung zu groß sind. Einige Produkte messen sehr genau, viele sind gut – aber eben nicht alle. Daher sollten die Hersteller verpflichtet werden, ihre Geräte präziser zu machen. Nun muss natürlich nicht jeder Diabetiker mit einem hochpäzisen Gerät versorgt werden, das würde die Kosten sprengen. Aber damit zum Beispiel eine Schwangere ihren Gestationsdiabetes in den Griff bekommt, sollte sie ein solches zur Verfügung haben.
Siegel: Vorteilhaft wäre, wenn die Geräte mehr Möglichkeiten zur Vernetzung bieten würden – und die Software für unterschiedliche Nutzer bedienerfreundlicher wäre. Für blinde Patienten wären darüberhinaus akustische Signale sehr hilfreich.
Welche neuen Technologien sind für die Diabetes-Behandlung interessant?
Siegel: Wenn ein Diabetiker seinen Blutzuckerwert bestimmt, ist das nur eine Momentaufnahme. Kontinuierliche Messungen, wie sie mit dem Continuous Glucose Monitoring möglich sind, zeigen besser, wie sich die Werte abhängig von Nahrungsaufnahme und Bewegung verändern. Dafür kann zum Beispiel ein Sensor implantiert und ausgelesen werden. Solche Entwicklungen zur ‚unblutigen‘ Messung begrüße ich sehr. Die Patienten müssen aber darin geschult werden, was sie mit all den Daten anfangen – und ihr Verhalten den Erkenntnissen anpassen. Für Typ-I-Diabetiker sind geschlossene Systeme, die kontinuierliche Messung und Dosierung des Medikamentes vereinen, sehr nützlich. Solche Closed-Loop-Lösungen sind in der Entwicklung, aber noch nicht auf dem Markt erhältlich.
Heinemann: Das Unternehmen Abbott, für das ich beratend tätig bin, hat ein Produkt entwickelt, das in einigen Ländern der EU schon verfügbar ist: Mit dem Flash Glucose Monitoring lässt sich der Blutzuckerwert nicht aus Blut, sondern anhand von Messungen in der Gewebsflüssigkeit erfassen. Der Diabetiker trägt einen Pin, der durch die Haut reicht und kontinuierlich Werte liefert. Damit bieten sich in Zukunft viele neue Möglichkeiten. Darüber hinaus gibt es Ansätze für nicht-invasive Techniken. Diese liefern unter Testbedingungen schon gute Ergebnisse, haben sich im Alltag aber noch nicht als ausreichend zuverlässig erwiesen.
Spielt in Zukunft die Technik die größte Rolle für die Behandlung von Diabetes?
Siegel: Da selbst Google Glass gesundheitliche Aspekte berücksichtigt, darf man gespannt sein, was den Entwicklern noch alles einfällt. Aber wenn die Fußballnationalmannschaft nicht mehr für Cola und Nutella wirbt, würde uns das auch viel weiterbringen.
Dr. Birgit Oppermann birgit.opperman@konradin.de

Prävention: Appelle allein reichen nicht

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Nur etwa 30 % der Menschen sind mit Appellen zu gesundheitsbewußterem Verhalten zu erreichen, sagt PD Dr. med. Erhard Siegel, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Daher fordert die DDG, vier konkrete Maßnahmen, die das gesellschaftliche Umfeld verändern, gesetzlich zu verankern:
  • In der Schule sollen die Kinder jeden Tag eine Stunde Sport treiben.
  • Eine gesundheitsfördernde Lebensmittelsteuer soll Produkte mit hohem Zucker- und/oder Fettgehalt deutlich teurer machen als bisher. Gesunde Grundnahrungsmittel hingegen sollen günstig zu haben sein.
  • Bei der Verpflegung in Kindertagesstätten und Schulen sollen Qualitätsstandards eingehalten werden, die einer gesunden Ernährung entsprechen. Die zusätzlichen Kosten dafür muss die Gesellschaft tragen.
  • Werbung für ungesunde Nahrungsmittel, die sich an Kinder richtet, muss verboten werden.

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