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Chirurgieinstrumente als Einwegprodukte: nicht in allen Fällen akzeptabel

Einweg/Mehrweg
Chirurgieinstrumente: Einweg nur in speziellen Fälle akzeptabel

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Dr. med. Andreas Thomsen ist Funktionsoberarzt in der Klinik für Strahlenheilkunde des Universitätsklinikums Freiburg (Bild: Universitätsklinikum Freiburg)
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Was als Einwegprodukt für die Klinik wirtschaftlich interessant erscheint, funktioniert aus Sicht des Mediziners nicht unbedingt besser. Strahlenspezialist und Funktionsoberarzt Dr. Andreas Thomsen vom Universitätsklinikum Freiburg sieht nur bedingt Bedarf für Einwegprodukte – und erläutert, warum er die Kombination von Mehrweg mit Disposable-Elementen für einen guten Ansatz hält.

Dr. Birgit Oppermann
birgit.oppermann@konradin.de

Herr Dr. Thomsen, welche Bedeutung hat das Thema Einweg- und Mehrweginstrumente für Sie?

Das ist eine Sache, die mir am Herzen liegt. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Arbeitsschritte anfallen, um eine Schere oder Pinzette aus Metall herzustellen, die ich – wenn es um ein Einmalprodukt geht – nach wenigen Sekunden des Gebrauchs in den Müll werfe, widerstrebt mir das. Das hat zum Einen mit dem Respekt zu tun, den ich vor der Menschen Hände Arbeit habe. Zum Anderen geht es darum, dass für die Herstellung eines solchen Produktes viel Material und Energie aufgewendet wird und meist ein Transport über weite Strecken hinzukommt. Viele dieser Produkte werden in Pakistan gefertigt, unter sicherlich nicht immer wünschenswerten Arbeitsbedingungen. Das muss anders gehen. Darüber hinaus ist oft die Qualität nicht zufriedenstellend.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Einmalprodukten gemacht?

Vor ein paar Tagen hat eine junge Kollegin mit einer solchen Pinzette versucht, Fäden zu ziehen. Das hat sehr lange gedauert, weil die Pinzette einfach nicht richtig gegriffen hat, sie war verbogen. Wenn der Arzt aber mehrere Minuten am Bett des Patienten verbringt für eine Aufgabe, die eigentlich sehr schnell zu erledigen wäre, ist das wirtschaftlich schlecht für die Klinik. Und es schadet auch ihrem Ruf, denn wie viel Vertrauen wird der Patient uns entgegenbringen, wenn einfache Dinge nicht gleich funktionieren? Das betrifft aber nicht nur Pinzetten, sondern ebenso Scheren.

Wie häufig werden im medizinischen Alltag Einweginstrumente eingesetzt?

Der Einsatz nimmt zu. Für eine Klinik sind günstige Einmalprodukte interessant – sie zu verwenden, verringert den Aufwand für die Reinigung und Sterilisation. Wobei ich hier auf jeden Fall unterscheiden möchte: Eine Rückkehr zu Glasspritzen und Kanülen, die früher mehrfach verwendet wurden und dann schon stumpf waren, ist auf keinen Fall das Ziel. Für solche Einsatzfälle haben die Einwegprodukte auf jeden Fall ihre Berechtigung. Sofern sie mit vertretbarem Aufwand an Material und Energie hergestellt werden, vielleicht sogar automatisiert, ist gegen solche Produkte, die nach dem Gebrauch entsorgt werden, wirklich nichts zu sagen.

Wie sinnvoll sind Kombinationen aus Einweg- und Mehrwegteilen, die den Disposable-Anteil minimieren sollen?

Das halte ich für einen sehr sinnvollen Ansatz und würde mir mehr solcher Lösungen wünschen. Wenn es gelingt, ein gutes Verhältnis zwischen Herstellungsaufwand und Nutzen des Produktes zu erzielen und die einzelnen Komponenten nicht um die ganze Welt transportiert wurden, sind wir auf dem richtigen Weg. Ich bin überzeugt, dass wir hierzulande viele kreative Köpfe haben, die Ideen für brauchbare und zugleich zukunftstaugliche Produkte entwickeln können.

Was spricht aus medizinischer Sicht für Mehrweginstrumente?

Einwegprodukte sehen zwar gut aus, aber eine zig Mal aufbereitete Mehrwegschere funktioniert immer noch besser als ein Einmalprodukt, das ich frisch aus der Verpackung nehme. Wenn wir Produkte benutzen, die für eine längere Nutzungsdauer entwickelt und hergestellt wurden, erfüllen diese ihren Zweck auf Anhieb.

Bemerken Sie Funktionsverluste oder gelegentlich erkennbare Rückstände nach der Reinigung?

Korrosion sehe ich in der Tat gelegentlich, aber ich habe in 30 Jahren Arbeit in Kliniken bei mehrfach verwendbaren Instrumenten noch nie einen Rückstand von Blut oder anderem organischen Material vor mir gehabt. Wenn es einmal in anderen Einrichtungen diesbezüglich einen Skandal gab, dann waren ausschließlich hochkomplexe, schwer zu reinigende Instrumente betroffen. Im Vergleich zu den oft vermeidbaren Infektionen infolge von hygienischem Fehlverhalten durch uns Klinikmitarbeiter sehe ich bei Mehrweg-Instrumenten nur ein weit untergeordnetes Risiko. Selbst der extreme Fall – ein Blutrest, der nach der Reinigung an einem Instrument verbliebe und mit sterilisiert würde – würde den Patienten in der Regel nicht gefährden.

Wie stehen Sie zur Wiederaufbereitung von Einmalprodukten?

Das ist ein interessantes und wichtiges Thema. Meiner Meinung nach lässt sich darüber schlecht anhand von Dokumenten entscheiden, sondern es kommt jeweils auf das Produkt an, ob die Wiederaufbereitung sinnvoll sein kann.

Welche Verbesserungen wünschen Sie sich an Chirurgieinstrumenten?

Für die Arbeiten im Wund- und Nahtbereich wären deutlich feinere Pinzetten wünschenswert. Darüber hinaus würde ich vor allem auf die Gewebeentnahme schauen. Hier sehe ich einen deutlichen Bedarf für akkurate Methoden und Werkzeuge, mit denen sich auch kleine Proben aus Haut, Schleimhäuten und anderen Geweben möglichst wenig traumatisch gewinnen lassen. Auch die Feinnadel-Aspirationsbiopsie sehe ich als verbesserungsbedürftig. Die Methode klingt fein, ähnelt aber eher einem Stochern mit mäßiger Ausbeute an Material, das zudem oft mechanisch beschädigt ist. So wie sich die molekularbiologischen und histologischen Methoden entwickeln, werden wir immer öfter solche kleinen Gewebeproben benötigen, auch im Sinne der individualisierten Medizin.

Mehr darüber, was Ärzte über die technischen und sonstigen Entwicklungen in der Medizin zu sagen haben

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