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Testmarkt für das große China

Hightech-Schmiede: Taiwan will künftig auch hochwertige Medizintechnik verstärkt selbst produzieren
Testmarkt für das große China

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Zwischen Taiwan und der Volksrepublik China herrscht politisches Tauwetter. Es lockt einen wachsenden Strom an Medizintouristen ins Land. Zudem will der technologisch hoch entwickelte Inselstaat bei ausländischen Medizintechnikunternehmen als Testmarkt für den chinesischen Markt punkten.

509 Metern hoch ragt der „Taipeh 101“ in den Himmel – ein Koloss, neben dem das Hochhausmeer der taiwanischen Hauptstadt wie eine Spielzeuglandschaft wirkt. Den Titel als höchstes Gebäude der Welt hat das Wahrzeichens Taipehs zwar verloren, dafür darf es sich nun mit einem LEED-Zertifikat als „grünes Bauwerk“ schmücken. Zur ökologischen Sanierung trug Siemens bei, jetzt leitet das Unternehmen den Umbau des radiologischen Protonentherapiezentrums am Chang Gung Memorial Hospital in Taipeh zum weltweit ersten Neubau im Gesundheitssektor mit Platin-Auszeichnung in Sachen Energie- und Umweltfreundlichkeit.

Die Zeiten, als „Made in Taiwan“ in erster Linie für quietschbunten Plastikramsch stand, sind längst vorbei. Heute hat sich der Inselstaat als Hightech-Produzent etabliert. Bei Notebooks, Smartphones oder Halbleitern etwa nimmt Taiwan die Rolle des Weltmarktführers ein. Allerdings treten viele taiwanische Unternehmen als Original Equipment Manufacturer (OEM) oder Original Design Manufacturer (ODM) auf, die nicht als eigene Marken in Erscheinung treten.
Das gilt auch für die Medizintechnik. Die mittelständisch geprägte Branche beschäftigt rund 31 000 Mitarbeiter, die laut Germany Trade and Invest (gtai), der Bundesgesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing, vor allem auf Basis von OEM- und ODM-Verträgen tätig sind und für den Export produzieren. Während in Taiwan etwa wettbewerbsfähige Rollstühle, Blutdruck- oder Blutzuckermessgeräte, Hörgeräte oder Kontaktlinsen hergestellt werden, besteht insgesamt eine hohe Importabhängigkeit. 65 % der benötigten Medizintechnik wird eingeführt, darunter vor allem hoch spezialisierte Produkte. Deutschland ist hinter den USA und Japan der drittgrößte Lieferant.
Im Jahr 2011 wurde Medizintechnik im Wert von 55,1 Mrd. NTD (Neue Taiwan-Dollar) importiert, umgerechnet 1,4 Mrd. Euro. Dies bedeutete ein Wachstum von 3 % und der Bedarf wird weiter ansteigen, denn Taiwans Bevölkerung altert immer schneller. Mit einer Geburtenrate von 1,1 zählt das Land zu den Schlusslichtern weltweit. Schon heute ist jeder zehnte Taiwaner über 65, die Lebenserwartung liegt bei 79 Jahren. 2040 soll der Anteil der über 65-Jährigen bereits bei 30 % liegen. Die Versorgung älterer Menschen gilt daher als zukunftsträchtiges Geschäftsfeld. Chancen bieten sich hier unter anderem für die Elektromedizin und die Informationstechnologie. So soll allein der Telecare-Markt, der 2010 ein Volumen von rund 75 Mio. Euro hatte, bis 2015 auf mehr als 190 Mio. Euro anwachsen.
Dem Wohlstand des Landes entsprechend hoch ist der Standard bei der Gesundheitsversorgung. Mehr als 99 % der 23 Millionen Taiwaner sind über das National Health Insurance Program krankenversichert und werden in rund 500 Kliniken, 20 000 Arztpraxen und Polikliniken sowie 2000 Alten- und Pflegeheimen sowie ambulanten Pflegeeinrichtungen versorgt.
Krebs ist laut gtai-Branchenbericht die häufigste krankheitsbedingte Todesursache, die häufigsten Arten sind Lungen- und Leberkrebs. Siemens installierte 2012 in Taipeh das erste Angio-CT-System Miyabi Taiwans: Damit habe man einen wichtigen Beitrag zur Förderung der diagnostischen Forschung bei fortgeschrittenen Leberkarzinomen in Asien geleistet. Mit seinem Dual-Source-CT-System hat Siemens zudem den größten Marktanteil bei hoch leistungsfähigen Computertomographen im Land übernommen.
Gute Absatzchancen haben auch Produkte, die zur Vorsorge und Behandlung von Krankheiten der Gefäßsysteme und des Herzens sowie Diabetes und Bluthochdruck dienen. Die Beurer GmbH ist neben der Produktgruppe „Schmiegsame Wärme“, zu der Heizkissen gehören, unter anderem mit Blutdruckmessgeräten auf dem Markt. „Das deutsche Engineering ist wettbewerbsabhebend, und deswegen sind wir sehr gefragt in Taiwan“, sagt Ingrid Stricker-Kaiser, Export-Managerin des mittelständischen Ulmer Familienunternehmens. Beurer vertreibt seine Produkte seit zehn Jahren in Taiwan über einen exklusiven Distributionspartner, der unter Beurer firmiert. Er kümmert sich auch um die Marktzulassung, die dadurch relativ zügig sei und im Schnitt zwei bis drei Monate dauere. „Vor Ort haben wir sehr gute Kontakte zu den Behörden, insofern läuft das mittlerweile routiniert ab“, erklärt Stricker-Kaiser. Elektrische Geräte müssen 110-Volt-tauglich sein und die nationale Zulassung durchlaufen. „Taiwan ist für uns ein wichtiger Markt“, betont die Export-Managerin.
Taiwan gilt als wichtige Verbindung zum großen China. Das Verhältnis zwischen den Chinesen diesseits und jenseits der 180 km breiten Taiwan-Straße hat sich entspannt. Seit 2008 dürfen Chinesen aus der Volksrepublik nach Taiwan reisen, und immer mehr kommen in Sachen Gesundheit. Die Regierung unterstützt den Ausbau des Medizintourismus. 2012 kamen nach Angaben der taiwanischen Außenhandelsgesellschaft Taitra bereits 100 000 Ausländer zur medizinischen Behandlung ins Land, ein Plus von 156 % gegenüber 2011. Für das laufende Jahr werde mit einem weiteren Anstieg des Umsatzes um 20 % gerechnet.
2010 wurde ein Wirtschaftsrahmenabkommen (ECFA) unterzeichnet: Es sollte Wettbewerbsnachteile ausmerzen , die durch das Freihandelsabkommen Chinas mit dem Verband Südostasiatischer Nationen (Asean) entstanden waren. Seit 2011 können taiwanische Unternehmen nun 539 Produkte zollfrei nach China einführen, darunter Maschinen und Elektronik. Im Gegenzug hat Taiwan seinen Markt für 267 Produkte geöffnet, die auf dem chinesischen Festland hergestellt werden. Als Lieferant von Medizintechnik liegt die Volksrepublik heute auf Platz vier, vor Ländern wie Irland oder der Schweiz.
Auch ausländische Hersteller profitieren vom politischen Tauwetter. In einer Umfrage, die das Deutsche Wirtschaftsbüro Taipei und Germany Trade and Invest 2012 in Auftrag gaben, bestätigen 35 % der Unternehmen, dass sie bereits von den ersten Runden von Zollsenkungen profitiert hätten. Mit Taiwans Rolle als Testmarkt für den chinesischen Markt will das Wirtschaftsministerium auch bei ausländischen Branchenunternehmen punkten. Sie sollen das Land dabei unterstützen, hochwertige Medizintechnik selbst zu entwickeln und zu produzieren.
Die Schweizer Sensirion AG hat 2012 im Technologiepark Hsinchu im Nordwesten der Insel eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung eingerichtet. „Die geographische Nähe der MEMS-Entwicklung und Lieferanten verkürzt die Entwicklungszeit unserer Sensoren und treibt den Innovationsprozess schneller voran“, erklärte Co-CEO Felix Mayer anlässlich der Eröffnung. Mikroelektronisch-mechanische Systeme (MEMS) bilden die Basis für die Sensoren zur Feuchte- und Temperatur- sowie Gas- und Flüssigkeitsdurchflussmessung: Sensirion produziert auch für die Medizintechnik. Das Unternehmen aus Stäfa will auch vom Know-how der Halbleiterindustrie in Taiwan profitieren.
Bettina Gonser Freie Journalistin in Stuttgart
Weitere Informationen Zum Elektrogerätehersteller: www.beurer.com Zu den Außenhandelsexperten: www.gtai.de Zum Sensorhersteller: www.sensirion.com Zum Gerätehersteller Siemens: www.medical.siemens.com

Messen in Taiwan

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Als aufstrebende Fachmesse präsentiert sich die Medizin- und Gesundheitsmesse Medicare Taiwan: Sie findet vom 20. bis 23. Juni 2013 in Taipeh statt. 2012 wurde ein Ausstellerzuwachs um 15 % verzeichnet. Parallel zur Medicare zeigt die Sencare speziell Produkte und Dienstleistungen, die auf Senioren ausgerichtet sind. Deutsche Vertretung ist das Taiwan Trade Center, Düsseldorf.

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