Auslandsmarkt: Das Vereinigte Königreich reformiert den National Health Service Staatlich verordnete Frischekur - medizin&technik - Ingenieurwissen für die Medizintechnik

Auslandsmarkt: Das Vereinigte Königreich reformiert den National Health Service

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Die britische Regierung hat ein ehrgeiziges Ziel: Sie will den National Health Service dezentralisieren und stärker wettbewerblich orientieren. Für die Modernisierung des staatlichen Gesundheitswesens sind neue Technologien und neue Ideen gefragt. Preis und Leistung müssen stimmen.

Helle und freundliche Einzelzimmer mit großen Fenstern und eigenem Bad. Ein überdachtes Atrium mit Geschäften und Café, im ersten Stock liegt das Restaurant mit Balkon und Blick ins Grüne: Was sich wie das Angebot aus einem Hotelkatalog liest, beschreibt das neue South Glasgow Hospital – keine noble Privatklinik, sondern ein Krankenhaus des National Health Service (NHS). Das Image des überwiegend aus Steuermitteln finanzierten staatlichen britischen Gesundheitsdienstes war bislang wenig luxusbehaftet. Im Gegenteil. Das System galt als veraltet und unterfinanziert.

Die konservativ-liberale Koalitionsregierung hat die Reform des National Health Service zu einem Kernanliegen gemacht. Sie stellte erhebliche Qualitätsmängel fest: Die Versorgung sei zu stark fragmentiert und orientiere sich zu wenig an den Bedürfnissen der Patienten – bei gleichzeitig stark ansteigenden Ausgaben im NHS. Mit dem „Health and Social Care Act 2012“ will die Cameron-Regierung das Gesundheitswesen dezentralisieren und stärker wettbewerblich orientieren.
Weniger Bürokratie, mehr Entscheidungsfreiheit für Ärzte und stärkere Mitspracherechte für Patienten sind wesentliche Ziele der Reform, die als umfassendste Neuordnung des National Health Service seit dessen Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg gilt. Qualität und Wirtschaftlichkeit sollen verbessert werden. Private Anbieter von Gesundheitsleistungen treten verstärkt in Konkurrenz zu den staatlichen Anbietern des NHS (siehe Interview Seite 80).
Modernisieren und zugleich dem Kostendruck standhalten: Diesen Spagat gilt es zu meistern. Absatzchancen für Medizintechnik sieht Germany Trade and Invest (gtai), die Bundesgesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing, derzeit vor allem bei privaten Kliniken und im Rahmen von Investitionen in Krankenhäuser des staatlichen Gesundheitsdienstes. Größtes NHS-Projekt ist der South Glasgow Hospital Campus, der 2015 fertiggestellt werden soll. Für 842 Mio. Pfund Sterling, rund 1 Mrd. Euro, entstehen in der größten Stadt Schottlands ein 1100-Betten-Krankenhaus sowie eine Kinderklinik mit 256 Betten.
Vier Autostunden südlich wachsen in Liverpool zwei weitere Krankenhäuser des NHS in die Höhe. Das neue Royal Liverpool University Hospital und das neue Alder Hey Children’s Hospital ersetzen Altbauten. Der 270-Betten-Neubau des traditionsreichen Kinderhospitals entsteht in einem Park, eröffnet wird 2015. „Wir haben gerade damit begonnen, im neuen Alder Hey Hospital alle Deckenversorgungseinheiten und OP-Leuchten zu montieren“, sagt Rob Clark, Director of Sales and Marketing bei Dräger UK. Vor kurzem hat das Lübecker Unternehmen der Medizin- und Sicherheitstechnik zudem den Auftrag erhalten, alle Anästhesiegeräte im St. George’s Hospital in London auszutauschen.
Medizintechnik vom Kontinent ist gefragt, zumal ein Großteil der inländischen Produktion exportiert wird. Der britische Markt für Medizintechnik ist der drittgrößte in Europa – deutlich hinter dem deutschen und dem französischen. Laut gtai-Branchenbericht belief sich der Absatz von Medizintechnik und medizinischen Verbrauchsgütern im Vereinigten Königreich 2013 auf rund 5 Mrd. Pfund Sterling (5,9 Mrd. Euro). Für 2014 bis 2017 werde mit einem realen Zuwachs von 3 bis 4 % jährlich gerechnet.
Deutschland hat 2013 laut Spectaris, dem deutschen Industrieverband für optische, medizinische und mechatronische Technologien, Medizintechnik im Wert von 842 Mio. Euro ins Vereinigte Königreich geliefert, das sind 4,7 % mehr als im Vorjahr. Beste Chancen hätten neue Technologien und neue Ideen. Gute Wachstumsraten werden insbesondere bei bildgebenden Verfahren oder medizinischen Verbrauchsgütern erwartet, ebenso bei Zahn- und Orthopädietechnik.
Das mittelständische Familienunternehmen Schmitz u. Söhne GmbH & Co. KG, Wickede (Ruhr), ist seit vielen Jahren mit medizintechnischem Mobiliar für Krankenhäuser und Arztpraxen auf dem britischen Markt erfolgreich. Die Produkte, wie Operationstische und OP-Mobiliar, werden über Fachhändler vertrieben. Im Bereich der Gynäkologie liegt der Schwerpunkt derzeit auf gynäkologischen Untersuchungsstühlen aus der Medi-Matic- und Arco-Serie, für die in den nächsten Jahren eine positive Geschäftsentwicklung erwartet werde.
Dräger verzeichnet laut UK-Vertriebsleiter Rob Clark hohe Marktanteile in den Kerngeschäftsfeldern OP, Intensivmedizin, Neonatalversorgung, Patientenmonitoring und IT-Lösungen. 2014 verspreche ein besonders erfolgreiches Jahr für den Bereich Anästhesie zu werden: Das neue Anästhesiesystem Perseus A500 sei zurzeit der Verkaufsschlager. Und die Oxylog-Produktfamilie von Notfall- und Transportbeatmungsgeräten habe ebenfalls das Vertrauen der Kunden gewonnen. Die Drägerwerk AG & Co. KGaA, seit 50 Jahren direkt auf dem britischen Markt präsent, beschäftigt in Großbritannien mehr als 500 Mitarbeiter in den Bereichen Medizin- und Sicherheitstechnik. Ein Vertriebsteam arbeitet direkt mit den Krankenhauskunden zusammen, ein Außendienstteam kümmert sich in erster Linie um präventive Wartungsarbeiten, Application Specialists sind für Anwenderschulungen und Support zuständig.
Der Service ist auch für Roman Maier, Vice President Sales International bei der KLS Martin Group – Gebrüder Martin GmbH & Co. KG, ein wichtiger Faktor für den Erfolg auf der Insel. Gefragt seien innovative Lösungen und Produkte, die sich am Problem des einzelnen Patienten orientieren. Steigende Absatzmöglichkeiten hätten insbesondere neue invasive und serviceintensive Technologien. KLS Martin ist von Reading bei London aus mit einer eigenen Niederlassung im Direktvertrieb tätig und konzentriert sich hier auf Implantatsysteme für die Kraniofazial- und die Hochfrequenzchirurgie. Das restliche Produktportfolio, wie OP-Leuchten, chirurgische Laser oder Implantatsysteme für die Handchirurgie, vertreibt das Tuttlinger Unternehmen über Partner vor Ort.
„Das Vereinigte Königreich ist deshalb interessant, weil wir die Produkte und Lösungen bieten können, die dort jetzt schon und in Zukunft noch mehr gefragt sind“, sagt Roman Maier. Der Vertriebsexperte rechnet jedoch mit steigenden Kostendruck. Innovation sei entscheidend: Anbieter, die Patienten- und Kundennutzen sowie Wirtschaftlichkeit nicht in einem Produkt vereinen könnten, würden es künftig schwer haben.
„Vor dem Hintergrund der steigenden Nachfrage nach den Leistungen des NHS und der Auswirkungen dieser Nachfrage auf die öffentlichen Finanzen wird das Preis-Leistungs-Verhältnis in Zukunft nur noch wichtiger werden“, betont auch Mike Norris, Managing Director von Dräger in Großbritannien. Gleichzeitig werde nach Lösungen gesucht, die die Versorgung der Patienten immer weiter verbessern.
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