Gesundheitsinfrastruktur

„Mexiko bietet große Chancen“

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Indira Miranda ist Projektreferentin für den Bereich Gesundheitswesen bei der Deutsch-Mexikanischen Industrie- und Handelskammer in Mexiko-Stadt Bild: AHK Mexiko
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Gesundheitsinfrastruktur | Mexiko importiert 80 Prozent der benötigten Medizintechnik. Obwohl der Aufwand gesenkt wurde, gibt es noch immer langwierige Zulassungsverfahren, sagt Indira Miranda von der Deutsch-Mexikanischen Industrie- und Handelskammer in Mexiko-Stadt.

Bettina Gonser
Freie Journalistin in Stuttgart

Frau Miranda, Mexiko ist nach Brasilien der zweitgrößte Medizintechnikmarkt in Lateinamerika und von Importen abhängig. Womit können europäische, insbesondere deutsche Hersteller punkten?

Medizintechnik „Made in Germany“ wird wegen ihrer guten Qualität, langen Produktlebenszyklen sowie der hohen Sicherheitsstandards für Patienten und Ärzte geschätzt. Schulungen und ein exzellenter Kundendienst sind wichtige Entscheidungsfaktoren der öffentlichen und privaten Krankenhäuser beim Produkteinkauf. Als wichtigste Wachstumskatalysatoren gelten die Alterung der Bevölkerung, der Anstieg chronischer Erkrankungen und die zunehmende Urbanisierung. Aus diesen Gründen diversifizieren medizintechnische Unternehmen bereits ihre Produktion, um einen besseren Service anbieten zu können. Sie fokussieren sich dabei hauptsächlich auf das Customizing, also die Personalisierung von Produkten und Dienstleistungen.

Das öffentliche Gesundheitswesen in Mexiko gilt als stark modernisierungsbedürftig. Woran fehlt es vor allem, was wird gebraucht?

Die Gesundheitsindustrie in Mexiko hat über die Jahre deutliche Fortschritte gemacht, kämpft aber immer noch mit unzähligen Problemen und Herausforderungen. Für die Zukunft werden allerdings viele positive Veränderungen erwartet, da Mexiko seinen Gesundheitssektor mit einer steigenden Anzahl medizinischer Einrichtungen, fortschrittlicher Technik und gut ausgebildetem Personal weiter stärken wird. In Deutschland kommen auf 1000 Einwohner 3,8 Ärzte und 11,4 Krankenschwestern, das sind doppelt beziehungsweise viermal so viele wie in Mexiko. Der vollständige Ausbau des Gesundheitsnetzes für die gesamte Bevölkerung ist eines der wichtigsten Themen für die mexikanische Regierung in den nächsten Jahren. Es wird erwartet, dass der Gesundheitssektor auf Grundlage der Vereinbarungen der Regierung und des privaten Sektors umfangreiche Konzepte dazu erarbeitet und umsetzt.

Immer mehr Mexikaner sind krankenversichert, die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen steigt. Welche Bereiche und Produkte sind besonders gefragt?

Sowohl private als auch öffentliche Institutionen benötigen eine bessere Ausstattung für Dialysen, Hämodialysen, Elektrokardiogramme sowie die medizinische Bildgebung. Zudem gibt es einen steigenden Bedarf an Prothesen, orthopädischen Geräten, Kathetern, Kanülen und anderen Utensilien.

Was macht Mexiko für europäische Investoren aus der Medizintechnik attraktiv?

Im internationalen Vergleich belegt Mexiko Rang 15 der größten Volkswirtschaften. Zudem zeichnet sich Mexiko durch seine sehr starke außenwirtschaftliche Orientierung aus. Zu den zwölf Freihandelsabkommen mit insgesamt 46 Staaten zählt auch eines mit der Europäischen Union, das derzeit weiter ausgearbeitet und aktualisiert wird. Die wachsende Bevölkerung und die damit einhergehende Notwendigkeit einer ausgebauten Gesundheitsinfrastruktur bieten große Chancen. In den letzten Jahren wurde im mexikanischen Gesundheitssystem ein konstantes Wachstum verzeichnet. Aufgrund der zum Teil obsoleten medizinischen Ausstattung und des Ausbaubedarfes der hiesigen Gesundheitseinrichtungen wird der Markt für Medizintechnik auch in den nächsten Jahren weiter wachsen. Sowohl der private als auch der öffentliche Sektor spielen dabei eine wichtige Rolle. Insbesondere von Seiten der staatlichen Beschaffung wird eine Zunahme erwartet, da der Staat zum Beispiel mit rund 70 bis 80 Prozent der größte Abnehmer medizintechnischer Geräte und Installationen ist.

Wie hoch sind die aktuellen Zulassungshürden?

Die Gesundheitsbehörde Cofepris (Comisión Federal para la Protección contra Riesgos Sanitarios) hat seit 2012 den Zulassungsaufwand erheblich gesenkt, die Zulassungsverfahren für medizintechnische Geräte wurden deutlich beschleunigt und vereinfacht. So wurden etwa unbedenkliche Medizintechnikprodukte von der Registrierungspflicht befreit. Doch obwohl die mexikanische Regierung und damit auch Cofepris kontinuierliche Maßnahmen ergreift, um Hemmnisse im Außenhandel zu verringern, bestehen weiterhin komplexe und langwierige Zulassungsverfahren für den Import pharmazeutischer und medizintechnischer Erzeugnisse: Zulassungen der Behörden der Ursprungsländer werden nicht als äquivalent anerkannt, um eine automatische Zulassung zu erhalten.

Können Sie das konkretisieren?

Konkret hat sich die Notwendigkeit, ein Freiverkaufszertifikat beizubringen, das von den deutschen Gesundheitsbehörden ausgestellt sein muss, im Falle des Imports deutscher Branchenprodukte zu einem ernsten Problem entwickelt. In der Regel erstellen deutsche Hersteller diese Zertifikate selber und lassen sie von der entsprechenden Industrie- und Handelskammer bescheinigen. Cofepris erkennt diese Zertifikate jedoch nicht an. Diese Situation führt immer wieder zu Verzögerungen, zusätzlichen Lager- und Zollabwicklungskosten und Frustration seitens der deutschen und mexikanischen Handelspartner. Bisher konnte noch keine grundsätzliche Lösung gefunden werden.

Worauf sollten sich europäische Hersteller von Medizintechnik sonst noch einstellen, wenn sie ihre Produkte in Mexiko auf den Markt bringen wollen?

Damit der Eintritt in den mexikanischen Markt gelingt, sollten europäische Hersteller zunächst einen mexikanischen Geschäftspartner finden, der über weitreichende Erfahrungen in der Gesundheitsindustrie in Mexiko verfügt. Empfehlenswert ist die Suche nach Unternehmen, die Produkte desselben Segments vertreiben und über eine solide Kundenbasis im Land verfügen. Mithilfe eines mexikanischen Geschäftspartners, der über Erfahrung in der Abwicklung der Formalitäten verfügt, ist es einfacher, die Eintragungsnummer im Gesundheitsregister, dem Registro Sanitario, zu erhalten. In den letzten Jahren wurden zwar erhebliche Fortschritte bezüglich der Bearbeitungszeit für die Registrierung erzielt, jedoch gibt es trotzdem immer wieder lang andauernde Fälle. Leider sind die öffentlichen Gesundheitsinstitutionen in Mexiko sehr bürokratisch, was man auf jeden Fall bedenken sollte. Wir empfehlen auch, alle Produktinformationen auf Spanisch zur Verfügung zu stellen, vor allem wenn die Unternehmen sich schnell positionieren und die Klienten erreichen wollen.


Weitere Informationen

Mit rund 800 Mitgliedern, davon etwa 60 im Gesundheitssektor, ist die Deutsch-Mexikanische Industrie- und Handelskammer (AHK Mexiko) die größte europäische Kammer in Mexiko. In Kooperation mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) und Germany Trade & Invest (GTAI) organisiert die AHK Mexiko das jährlich stattfindende Gesundheitsforum „Medizintechnik – Made in Germany“.

mexiko.ahk.de

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