Digitalisierung: Dänemark arbeitet am landesweiten Einsatz von Telemedizin „E-Health kann zu einem stimmigen Gesundheitssektor beitragen“ - medizin&technik - Ingenieurwissen für die Medizintechnik

Digitalisierung: Dänemark arbeitet am landesweiten Einsatz von Telemedizin

„E-Health kann zu einem stimmigen Gesundheitssektor beitragen“

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Die Digitalisierung ist für Dänemark der Schlüssel zu einem bürgerorientierten Gesundheitssystem, das stimmig und effizient ist. Martin Bagger Brandt und Kenneth Bøgelund Ahrensberg von der Nationalen E-Health-Behörde erklären, was das Land bereits erreicht hat.

Herr Bagger Brandt, Herr Bøgelund Ahrensberg, Dänemark ist Digitalisierungs-Europameister – auch in Sachen Gesundheit: Warum setzt Ihr Land so stark auf E-Health und Telemedizin?

Bagger Brandt: Dänemark sieht die Digitalisierung schon lange als ein Mittel, um die Qualität und Effizienz der Gesundheitsversorgung zu verbessern. Die Zentralregierung und die Regionen hatten schon seit den späten 1990er Jahren Strategien und/oder Aktionspläne in Bezug auf E-Health. Dies hatte erhebliche Auswirkungen auf den Bereich. Ärzte, Entscheidungsträger und Politiker sehen E-Health als wesentliches Mittel um die Gesundheitsversorgung zu verbessern. E-Health kann den rechtzeitigen Zugang zu wichtigen Informationen verbessern und zu einem stimmigen Gesundheitssektor beitragen. Dies steigert die Patientensicherheit und führt zu einer besseren Qualität.
Wie weit ist die Digitalisierung im dänischen Gesundheitssektor fortgeschritten?
Bøgelund Ahrensberg: Die Digitalisierung ist schon weit fortgeschritten. Alle Krankenhäuser nutzen eine elektronische Gesundheitsakte (EHR), die in allen fünf Regionen einheitlich ist. Zur Zeit wird auf Seeland und in der Hauptstadtregion eine neue elektronische Gesundheitsakte eingeführt, das betrifft etwa 50 % der dänischen Bevölkerung. Fast alle Medikamente werden elektronisch verschrieben und alle Hausärzte arbeiten elektronisch. Die offenkundigste Herausforderung besteht momentan darin, den Austausch von Informationen über Sektoren und organisatorische Grenzen hinweg auf Abruf zu gewährleisten, das heißt wir müssen vom Paradigma des Sendens von Daten zu einem Paradigma wechseln, wo wir Daten abrufen, die für eine bestimmte Situation erforderlich sind. Ein Mittel dazu sind internationale Standards, in diesem Fall die Profile HL7 und IHE (Integrating the Healthcare Enterprise).
Können Sie weitere Beispiele für die Maßnahmen nennen, die Sie ergreifen?
Bøgelund Ahrensberg: Bedeutende Mittel werden in die landesweite Umsetzung eines Shared Medication Record investiert. Diese Arzneimitteldokumentation gewährleistet, dass alle Gesundheitsfachleute, die einen Patienten behandeln, aktualisierte Informationen über die Medikamente haben, die dieser einnimmt. Ein weiterer wichtiger Tätigkeitsbereich ist der landesweite Einsatz von Telemedizin. Bis Ende 2019 soll das Home-Monitoring von Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung landesweit realisiert werden. Ein weiteres wichtiges Element der E-Health-Landschaft ist eine effiziente nationale Infrastruktur, und ein zentraler Bestandteil davon ist eine nationale Service-Plattform, die den Datenfluss zwischen getrennten Systemen unterstützt.
Wie erreichen Sie einheitliche Standards und die Interoperabilität?
Bagger Brandt: Der Gesundheitsminister kann nationale Standards gesetzlich bestimmen. Standards werden jedoch in Zusammenarbeit mit den Anwendern vorangetrieben. Auf nationaler Ebene wurde vor vier Jahren ein beratender Ausschuss gebildet. Er ist für ein Verzeichnis der Standards verantwortlich, die E-Health-Initiativen einhalten müssen. Andere Elemente sind eine nationale Infrastruktur und nationale Dienste. In Dänemark gibt es eine schrittweise Annäherung an die Interoperabilität.
Wo gibt es noch Probleme und Verbesserungsmöglichkeiten?
Bagger Brandt: Eine solide Standardbasis fehlt noch. Der Mangel an Anreizen und organisatorische Trägheit machen die Aufnahme von E-Health-Lösungen umständlich, und es dauert lange Veränderungen herbeizuführen. Auch Regulierungsfragen und Fragen hinsichtlich Vertrauen und Vertraulichkeit verhindern eine schnelle Umsetzung von E-Health-Lösungen. Im Gegensatz zur positiven Bewertung außerhalb Dänemarks herrscht in Dänemark die Auffassung vor, dass E-Health schlecht funktioniere. Grund dafür könnte sein, dass die Anforderungen an E-Health immer komplexer werden, da auch der Patientenfluss immer komplexer wird und der Hausarzt, die Gemeinde und das Krankenhaus bei der Behandlung eine Rolle spielen.
Was sind die nächsten Schritte?
Bagger Brandt: Landesweiter Einsatz von Telemedizin, integrierte Versorgung – Shared Care – und die digitale Unterstützung komplizierter Behandlungspfade. Stärkung des regulatorischen Rahmens und ein einfacher Zugriff auf Daten unter Einhaltung der einschlägigen Rechtsvorschriften. Wir werden erweiterte Funktionen im Hinblick auf den Benutzerzugriff und Protokollfunktionen etablieren.
Was ist die wesentliche Grundlage dafür, dass E-Health funktionieren kann?
Bøgelund Ahrensberg: Die Entwicklung von E-Health in Dänemark hat von der eindeutigen Identifizierung der Bürgerinnen und Bürger profitiert, die seit 1967 besteht. Zudem ist das dänische Gesundheitswesen ziemlich kohärent, weil es größtenteils von der öffentlichen Hand betrieben wird. Damit E-Health funktioniert, haben wir uns um einen Bottom-up-Ansatz bemüht, in dem Raum für lokale Projekte und Initiativen zugelassen wurde. Es hat eine enge Zusammenarbeit zwischen den Sektoren stattgefunden, was die Aufnahme von E-Health gefördert hat. Und schließlich sind nationale Strategien, die von allen Regierungsebenen unterstützt werden, ein Eckpfeiler in der Arbeit mit E-Health in Dänemark. Und das Vertrauen in den öffentlichen Sektor ist hoch.
Dänemark hat nur 5,6 Mio. Einwohner. Kann das dänische Modell auch in großen Ländern funktionieren?
Bagger Brandt: Der Markt für E-Health Lösungen wird in hohem Grade immer reifer, und dies an sich wird schon ein zentraler Antrieb für eine bessere Aufnahme von E-Health sein. Das dänische Modell ist eng an die Besonderheiten des dänischen Gesundheitswesens geknüpft, es könnte deshalb in anderen Ländern nicht praktikabel sein. Von der einen oder anderen Besonderheit könnten andere Länder jedoch lernen. Das Augenmerk von Politikern und Top-Management ist der Schlüssel dazu, E-Health voranzubringen. Eine enge Zusammenarbeit ist ein anderer Faktor, und ein strategischer Fokus sollte gewährleistet sein.
In anderen Ländern überwiegt noch die kritische Einstellung gegenüber E-Health und es kursiert die Horrorvision vom „gläsernen Patienten“: Was haben Sie dem entgegenzusetzen?
Bøgelund Ahrensberg: Mit einer digitalen Signatur hat jede Bürgerin und jeder Bürger über unser Gesundheitsportal Sundhed.dk Zugang zu den eigenen Gesundheitsdaten von Krankenhäusern. Der Bürger kann auf Daten zugreifen, wenn sie verfügbar sind. Es gab bislang keine wesentliche Kritik an dieser Vorgehensweise. Im Allgemeinen sehen wir eine positive Einstellung gegenüber E-Health und vermehrter Digitalisierung.
Welche Sicherheit hat der Bürger, dass kein Unbefugter Zugriff auf seine Daten hat? Und wie behält der Patient Kontrolle über seine Daten?
Bagger Brandt: Die Bürger können sich bei Sundhed.dk anmelden und sehen, wer auf ihre Daten zugegriffen hat. Es gab schon Fälle, wo medizinisches Fachpersonal Einblick in Gesundheitsdaten genommen hat, weil es eine Person kannte. In Zukunft soll es für die Patienten leichter werden zu regeln, wer auf welche Daten zugreifen darf. Zudem sollen in mehr Systemen Protokollfunktionen eingeführt werden.
Was geschieht mit Menschen, die keinen Zugang zum Internet haben oder nicht in der Lage sind es zu nutzen?
Bøgelund Ahrensberg: Sie können immer noch mit traditionellen Mitteln mit dem Gesundheitssektor interagieren. In Zukunft, wenn immer mehr digitale Dienste vorhanden sind, werden Menschen, die nicht in der Lage sind sie zu nutzen, mit für sie geeigneten Mitteln mit dem Sektor kommunizieren können. Sie müssen aber nachweisen können, dass sie nicht in der Lage sind digital zu interagieren.
Was ist Ihre Vision für E-Health in Dänemark – und eventuell über Dänemark hinaus?
Bagger Brandt: In den kommenden Jahren soll die Infrastruktur für die gemeinsame Nutzung von Telemedizin-Daten weiterentwickelt werden, vor allem für Patienten mit chronischen Erkrankungen. Diese Infrastruktur muss in der Lage sein, Patient Reported Outcome Measures (PROMs) zu handhaben. Darüber hinaus gibt es Bemühungen hinsichtlich internationaler Standards und IHE-Profilen. Dadurch wird es einfacher mit E-Health zu arbeiten, und der dänische Markt wird offener für ausländische Anbieter.
Bettina Gonser Freie Journalistin in Stuttgart
Weitere Informationen Über die Nationale E-Health-Behörde: www.ssi.dk

Maßstäbe setzen: Die Nationale E-Health-Behörde
Die Nationale E-Health-Behörde (NSI) in Kopenhagen ist die Regierungsbehörde, die nationale Standards für E-Health festlegt. Sie untersteht dem Gesundheitsministerium und etabliert den Rahmen für die Digitalisierung des dänischen Gesundheitssystems.
  • NSI legt die Gesamtstrategie für die Digitalisierung des Gesundheitssystems fest, setzt Ziele und verfolgt den Fortschritt um sicherzustellen, dass die Leistungen in vollem Umfang realisiert werden.
  • NSI ist für einen stabilen ICT-Betrieb und die Entwicklung von mehr als 100 Systemen verantwortlich.
  • NSI ist auch für die Nationale Service-Plattform (NSP) zuständig, eine Nachrichtenplattform, die den Datenfluss zwischen getrennten Systemen ermöglicht. NSP ist seit 2010 in Betrieb und wird regelmäßig weiterentwickelt, im Einklang mit der Digitalisierung des Gesundheitssystems und der Konsolidierung der öffentlichen ICT-Systeme.
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