Digitalisierung in Schweden

Industrie 4.0: Erstens nachhaltig, zweitens effizient

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Bei Digitalisierung, ganzheitlicher Innovationspolitik und künstlicher Intelligenz gibt es in Schweden einiges abzuschauen. Dort lautet die Vorgabe, dass Industrie 4.0 nachhaltig sein und allen nutzen soll. In diesem Umfeld entstehen auch kühne Ideen.

Prof. Volker Banholzer TH Nürnberg

Mit Schweden als Partnerland hat sich die Hannover Messe für das kommende Jahr einen weltweit innovativen Hotspot ausgesucht: Schweden hat seit 2012 ein Wirtschaftswachstum, das deutlich über dem europäischen Durchschnitt liegt. So werden für 2018 über 2,5 % Wachstum beim Bruttoinlandsprodukt erwartet. Das Fundament der schwedischen Stärke ist die Innovationspolitik. Schweden investiert konsequent in Forschung und Entwicklung. Dabei steht die Digitalisierung als strategisches Ziel bei Gesellschaft und Wirtschaft gleichermaßen oben auf der Agenda. Das schwedische Innovationssystem ist eines der erfolgreichsten weltweit, und der Anteil am Bruttoinlandsprodukt, der für Forschung und Entwicklung ausgegeben wird, steigt seit 1997 konstant an. Aktuell liegt Schweden laut Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation bei einem Wert von 3,25 % an der EU-Spitze und damit auch vor Österreich mit 3,01 und Deutschland mit 2,94.

Neue Innovationsagentur verfolgt ganzheitlichen Ansatz

Als Schwäche des schwedischen Innovationssystems wird der ausbaufähige Transfer von der Grundlagenforschung zu marktfähigen Innovationen bezeichnet. Noch, denn auch hier tut sich Entscheidendes. Bereits im Frühjahr 2015 installierte Schweden eine nationale, mit weitreichenden Befugnissen ausgestattete Innovationsagentur – das Swedish National Innovation Council (NIC). Das Besondere ist einerseits, dass dem NIC der Ministerpräsident vorsitzt, und andererseits, dass das NIC einen ganzheitlichen Ansatz bei der Innovationspolitik verfolgt. Charles Edquist, Forscher an der Universität Lund unterstreicht, dass Schweden hier als erstes der EU-Mitgliedsländer einen neuen Weg beschreite: Neben der traditionellen Förderung von Forschung und Entwicklung würden jetzt alle Politikbereiche berücksichtigt, die die Innovationsfähigkeit eines Wirtschaftsstandorts unterstützen würden.

Im jüngst veröffentlichten Innovationsranking der EU-Kommission belegt Schweden erneut den Platz eins und fällt vor allem mit seinen Platzierungen in den Wertungen zu den innovationsfreundlichsten Rahmenbedingungen und bei Bildung- und Ausbildung auf. Sebastian Siemiatkowski, Gründer und CEO des schwedischen Anbieters von Zahlungsdienstleistungen, Klarna, führt seinen Erfolg nach eigenen Worten beispielsweise darauf zurück, dass er bereits im Alter von zehn Jahren in der Schule Programmieren gelernt habe.

Laut Auswertungen des Weltwirtschaftsforums liegt Schweden bei der Start-up-Wertung auf Platz zwei hinter dem Silicon Valley, wenn man die Gründungen auf die Bevölkerung umrechnet. Die Patentanmeldungen konzentrieren sich auf den Bereich der so genannten Spitzentechnologien.

Gretchenfrage dreht sich heute um Industrie 4.0

In der heutigen Zeit lautet wohl die wirtschaftliche Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit der Industrie 4.0? Schweden wurde vom Aachener Fraunhofer Institut IPT als idealer Testmarkt für Innovationen zu diesem Thema in Europa bezeichnet. Das Institut sieht die schwedische Stärke vor allem in den etablierten flachen Unternehmenshierarchien, der flexiblen Arbeitskultur und der technikaffinen Bevölkerung. Es herrsche eine eher ergebnis- denn prozessorientierte Arbeitsweise vor: eine gute Grundlage für Industrie 4.0.

Bereits 2013 wurde die Initiative Produktion 2030 gestartet. Ziel ist, Schweden bis zum Jahr 2030 zum Vorreiter in nachhaltiger Produktion zu machen, vor allem mit dem Einsatz von Digitalisierung und Industrie 4.0-Konzepten.

Und hier zeigt sich der ganzheitliche Ansatz, von dem der Forscher Charles Edquist aus Lund spricht: Neben Effizienz steht die Nachhaltigkeit im Fokus der Innovationsanstrengungen. Für diesen Blick über den Tellerrand der reinen Automatisierung in der Produktion hat Deutschland lange gebraucht. Für die Skandinavier hingegen scheint er selbstverständlich. Bekannt wurde Volvo Car, das Unternehmen, das als erster traditioneller Automobilhersteller 2017 die „Elektrifizierung“ seiner gesamten neuen Modellpalette bereits für 2019 angekündigt hatte. Damit entspricht Volvo auch der in der Strategie Produktion 2030 festgelegten Zielsetzung, in möglichst allen Bereichen der Wirtschaft sowie der gesellschaftlichen Entwicklungen nachhaltige Lösungen zu fördern.

Industrie-4.0-Fabrik für E-Autos in Schweden geplant

Wie eng die Beziehungen zwischen Deutschland und Schweden auch mit Blick auf Industrie 4.0 sind, zeigt sich darin, dass Siemens für das nahe Malmö ansässige Start-up Uniti gerade eine vollautomatische Fabrik für Elektroautos in Schweden baut. Ab 2019 sollen dort bereits 50 000 E-Autos von Robotern gefertigt werden. Es ist die erste Industrie-4.0-Fabrik der Welt, in der zunächst alle Prozesse simuliert und erprobt werden, bevor sie in der Fabrik Realität werden. Bereits 2017 startete unter dem Namen „Swedish-German Testbed for Smart Production“ eine Initiative zum Austausch über die konkrete Umsetzung verschiedener Industrie-4.0-Technologien.

Doch nicht nur die Industrie, auch die Gesellschaft kann sich der Digitalisierung zuwenden. Schweden folgt in seiner „Digitalen Agenda“ dem Hauptziel, bis 2020 für 90 % aller Privathaushalte Breitband-Übertragungsgeschwindigkeiten von mindestens 100 Megabit pro Sekunde bereitzustellen. Schon im Jahr 2013 hatten mehr als 98 % aller Arbeitsstätten und Haushalte Zugang zu Mobilfunknetzen mit 4G-Standard.

Seit 2014 hat Schweden einen Nationalen Innovationsrat unter der Leitung des Ministerpräsidenten und mit Mitgliedern aus der Regierung, Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und der Forschungsgemeinschaft. Zwei kurzfristigere Ziele sind die Verbesserung der Risikokapitalfinanzierung und die Einführung eines innovativen öffentlichen Beschaffungswesens. Der Rat hat für sich zudem das ehrgeizige Ziel formuliert, eine neue Innovationsstrategie zu entwickeln und dabei auch Arbeitsplätze zu schaffen, um bis 2020 auf die niedrigste Arbeitslosenrate in der EU zu kommen.

Künstliche Intelligenz: Treffen in Stockholm

Stockholm war darüber hinaus im Juli der Mittelpunkt für eine weitere Zukunftstechnologie: Die weltweit größte Konferenz für Künstliche Intelligenz IJCAI-ECAI-18 fand in der schwedischen Hauptstadt statt. In einer Studie von Accenture prognostizierten die Autoren für Schweden durch den Einsatz und die Entwicklung von künstlicher Intelligenz einen Produktivitätszuwachs von 37 % bis zum Jahr 2035.

Wie weit die Schweden bei KI tatsächlich schon blicken und welcher Herausforderungen sie sich annehmen, zeigt die Gavagai AB. Das schwedische Start-Up-Unternehmen, spezialisiert auf die Analyse und Übersetzung von Sprachen mit Hilfe von KI-Anwendungen, will bis 2021 gemeinsam mit der Königlich-Technischen-Hochschule (KTH) die Sprache der Delfine für Menschen verständlich machen. Das hätte nicht nur sprachwissenschaftlichen und zoologischen Nutzen, sondern könnte zukünftig auch dabei helfen, mit Außerirdischen zu kommunizieren, so Gründer Jussi Karlgren. Oder generell den Zugang zu anderen Möglichkeiten als der menschlichen Kommunikation zu schaffen.

Über die KI-Konferenz: www.ijcai-18.org Über Gavagai: www.gavagai.se


Schwedische Perspektiven

Trotz vieler positiver Meldungen aus Schweden ziehen nach Angaben der Deutsch-Schwedischen Handelskammer ein paar dunkle Wolken auf: Einerseits blicken die schwedischen Unternehmen skeptisch auf die Entwicklungen des Welthandels. Und andererseits droht nach den nationalen Wahlen in Schweden im September eine schwierige Regierungsbildung. Auch Schweden hat ein Problem mit erstarkten populistischen Parteien. Eine große Koalition wäre eine Lösung, allerdings auch eine Sensation, galten Blockgrenzen in der schwedischen Politik doch bislang als unüberwindbar.

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