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Business Knigge: Warum das Abendessen mit Chinesen so wichtig ist

Chinesische Kultur
Business Knigge China: persönliche Beziehung erleichtert vieles

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Irmgard Strödel ist Sinologin, hat zwei Jahre in China gelebt und führt heute als Produktmanagerin bei der Heidelberger Sinalingua e. K. interkulturelle Trainings durch. Diese gibt es für Fach- und Führungskräfte, die für längere Zeit als Expats nach China gehen, und für Personen, die in Projekten virtuell mit Chinesen zusammenarbeiten. Aber auch Chinesen wollen mehr über die westliche oder speziell die deutsche Kultur erfahren und besuchen entsprechende Kurse. (Bild: Sinalingua)
„Deutsche denken nicht über ihre Aufgabe hinaus“ – diese Klage hört man zuweilen von chinesischen Geschäftsleuten. Dabei legen Chinesen auf Kontakte, die auch in den privaten Bereich hineinreichen, besonderen Wert. Darüber, was im Umgang mit chinesischen Partnern wichtig ist und wie sie die Welt sehen, informiert Sinologin Irmgard Strödel von der Heidelberger interkulturellen Management Beratung Sinalingua e.K..

Dr. Birgit Oppermann
birgit.oppermann@konradin.de

Frau Strödel, wo liegen die größten Unterschiede zwischen der deutschen und der chinesischen Kultur?

Es gibt eine ganze Reihe Unterschiede. Ein wichtiger ist die Bedeutung, die Chinesen persönlichen Beziehungen im beruflichen Umfeld beimessen. Ein persönliches Interesse am Anderen ist für Chinesen die Grundlage einer vertrauensvollen Zusammenarbeit. Viele deutsche Kollegen und Geschäftspartner sind aber nicht bereit, ihren Feierabend zu opfern, um mit chinesischen Kollegen Essen zu gehen oder sich ausführlich nach ihrem Privatleben und Befinden zu erkundigen. Auf Chinesen wirkt das wenig gastfreundlich. Sie bekommen möglicherweise den Eindruck, dass man nicht an einer langfristigen persönlichen Beziehung interessiert ist.

Was stört Chinesen an den Verhaltensweisen, die bei uns in Deutschland üblich sind?

In Deutschland schätzen die Menschen Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit, sie lieben kritisches Denken und Analysieren und haben einen geschulten Blick für die Probleme und Dinge, die nicht gehen könnten. In China ist man eher stolz darauf, sich schnell an geänderte Verhältnisse anzupassen. Pragmatismus wird großgeschrieben. Deutsche haben da schnell den Ruf unflexibel, langsam, wenig risikofreudig und nicht gerade geschäftstüchtig zu sein. Auch das in Deutschland übliche direkte Ansprechen von Problemen passt nicht zum chinesischen Bedürfnis nach Harmonie und danach, das Gesicht zu wahren. Was eine ranghöhere Person, sei es ein Vorgesetzter, ein Kunde, eine Behörde oder ein Wissensvermittler, wie ein Lehrer, sagt, stellt man nicht gerne offen in Frage. Es gibt also eine Menge Potenzial für Missverständnisse.

China ist ein riesiges Land. Kann man da überhaupt allgemeingültige Regeln aufstellen?

Natürlich gibt es in jeder Kultur individuelle, regionale oder auch alters- und geschlechtsabhängige Unterschiede. Deutsche Geschäftsleute werden in China aber meist Ansprechpartner haben, die der Mittelschicht angehören. Diese Personen haben möglicherweise Auslandserfahrungen, sprechen Englisch und haben eine am Konsum nach westlichem Vorbild orientierte Lebensweise. Da gibt es schon gewisse Gemeinsamkeiten und ähnliche Werte. Diese sollte man kennen. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich mit den Gepflogenheiten des Landes auskennt.

Welche Rolle kommt dem bevölkerungsreichsten Land der Welt in den Augen der Chinesen im globalen Zusammenspiel zu?

Das Wort China bedeutet wörtlich übersetzt ‚Reich der Mitte‘. Traditionell sahen die Menschen ihr Land als Nabel der Welt und im Vergleich zu den Nachbarländern – im Norden Steppenvölker, im Süden kleinere Ethnien – als kulturell am höchsten entwickelt. China möchten diesen führenden Status wieder einnehmen. Das formuliert heutzutage die Staatsführung so, dies spiegelt sich in den Zielen der Fünfjahrespläne wider und dies sind Vorstellungen, die auch im Volk verankert sind.

Was bedeutet das für die aktuelle Politik?

Die Haltung „China first“ ist typisch und weit verbreitet. Bis zum hundertsten Jahrestag der Gründung der Volksrepublik im Jahre 2049 will China unter anderem in zehn wichtigen Industriebereichen führend sein und Standards setzen, an denen auch der Rest der Welt nicht vorbeikommt. Ziele und Visionen zu haben, ist für Chinesen etwas sehr Wichtiges – auch wenn diese Ziele zunächst möglicherweise unerreichbar oder unrealistisch erscheinen. Sie signalisieren Motivation und die Bereitschaft sich anzustrengen.

Welche Rolle hat der Nationalstolz in China – und worauf sind Chinesen mit Blick auf ihr Land stolz?

Chinesen sind ausgesprochen patriotisch, zuweilen auch nationalistisch. Die Menschen sind stolz darauf, Chinesen zu sein. Als Chinese gilt jeder, der aus China stammt und dort lebt, aber durchaus auch Chinesen in Übersee. Die Kulturleistungen und technischen Erfindungen, die in China schon früh erbracht wurden, tragen zum Gefühl des Stolzes bei, aber vor allem natürlich die unglaublichen wirtschaftlichen Errungenschaften seit der so genannten Reform und Öffnung ab den 80er Jahren. Die Demütigungen der Kolonialzeit und die Verwerfungen, die die Mao-Ära von den 50er Jahren bis Ende der 70er Jahre hinterlassen haben, hat man abgeschüttelt.

Wie werden andere Länder heute wahrgenommen, zum Beispiel die westlichen Industrieländer?

Auch wenn das nicht immer offen ausgesprochen wird, ist für viele Chinesen ihr Land heute wieder das Zentrum der Welt. Viele Chinesen verbinden mit dem Westen zunächst einmal die USA, mit der man heutzutage eine Hassliebe verbindet. Einerseits waren die USA lange ein Vorbild, dem die Chinesen, gerade auch was die Konsumkultur, die Bildungslandschaft und so weiter betraf, nachstrebten. Mittlerweile kann man das ganz gut oder gar besser selbst. Auch das eigene politische System wird als überlegen empfunden, was sich aktuell am Pandemie-Management zeigt. Die EU ist aus Sicht der Chinesen kein Partner auf Augenhöhe, es gibt zu viele verschiedene Stimmen und Widersprüche, die man sich geschickt zu Nutze macht, um eigene Ziele und Interessen in Europa zu verfolgen.

Wie passen andere Mächte wie Russland ins Bild – oder der afrikanische Kontinent?

Russland wird nicht mehr als großer Bruder gesehen, sondern eher als negatives Beispiel. Der Zerfall der Sowjetunion gilt als Beweis dafür, dass der Sozialismus chinesischer Prägung, den man seit den 1960ern in Abgrenzung zum sowjetischen Weg beschritten hat, der richtige Weg war. Gegenüber Afrika oder auch anderen Schwellenländern werden die Gemeinsamkeiten und Herausforderungen sich entwickelnder Gesellschaften betont. China möchte hier gerne vorangehen und unterstützen. Aber letztlich ist die Politik darauf ausgerichtet, sich dort Ressourcen und den Zugang zu Märkten zu sichern. Insgesamt haben die Chinesen also ein ausgesprochen starkes Selbstbewusstsein und klare Ziele.

Wie möchten Chinesen im Ausland wahrgenommen werden und wie gut deckt sich das mit der erlebten Wirklichkeit?

Die koloniale Vergangenheit, in der Chinesen im eigenen Land als Bürger zweiter Klasse behandelt wurden, hat tiefe Wunden hinterlassen. So gab es zum Beispiel im Park an Shanghais Uferpromenade, dem ‚Bund‘, ein Schild mit der Aufschrift „Für Hunde und Chinesen“ verboten. Diese Schmach hat man nicht vergessen. Heute haben Chinesen ganz klar die Erwartung, dass sie als Ansprechpartner auf Augenhöhe und mit Respekt behandelt werden, als vollwertiger Partner, der einiges zu bieten hat. Diese Erfahrung machen Chinesen aber nicht immer, wenn sie mit westlichen Partnern Kontakt haben. Zuweilen pflegt man dort die Vorstellung, dass Chinesen noch einiges lernen müssen, die Qualität nicht stimmt und dort ja eh alles abgekupfert wird. Das ist allerdings ein Irrtum. Wer China kennt, weiß, wie dynamisch und schnell die Entwicklungen dort sind, und dass westliche Industrienationen in manchen Bereichen längst überrundet wurden.

Wie kommunizieren Chinesen im geschäftlichen Umfeld untereinander?

Bei uns schätzt man es, die Dinge klar zu benennen, zügig auf den Punkt zu kommen, Dinge bis zum Ende zu durchdenken, Informationen zu bündeln, Probleme anzusprechen und eigene Meinungen argumentativ zu vertreten – und das durchaus auch über Hierarchien hinweg. Chinesen kommunizieren anders. Informationen kommen oft häppchenweise, das wichtigste kommt vielleicht zum Schluss – man braucht also Geduld und sollte zuhören können. Auch ist nicht jeder über alle Details eines Sachverhalts informiert. Daher sollte man sich überlegen, wer welche Entscheidungsbefugnisse hat und sich zu welchen Themen äußern kann oder darf. Situationen können sich schnell ändern, Interessen verlagern, eine neue Sichtweise in den Vordergrund rücken. Um das mitzubekommen, muss man das nutzen, was hierzulande als Flurfunk bezeichnet wird. Man ist gut beraten, immer in Kommunikation zu bleiben. Verabredungen zu gemeinsamen Essen eignen sich hierfür sehr gut. Wichtig ist auch, sich bei Dritten zu informieren, ob man Dinge richtig verstanden hat, ob Vereinbarungen, Termine und Absprachen noch ihre Gültigkeit haben. Für Deutsche ist dies oft schwierig, denn wir schätzen Verbindlichkeit und Stabilität.

Und umgekehrt?

Auch für Chinesen ist die deutsche Art der Kommunikation nicht immer leicht. Unverblümte Direktheit und kritische Betrachtungen können verletzend wirken. Logisches Argumentieren und Überzeugen will gelernt sein. Das sind oft Themen, die Chinesen bei kulturellen Seminaren über deutsche oder westliche Gepflogenheiten lernen möchten.

Was sind aus chinesischer Sicht die größten Stärken und Schwächen der eigenen Kultur?

Chinesen wenden viel Zeit auf, um ihre Netzwerke aufzubauen und zu pflegen. Dadurch können sie im Notfall auf Unterstützung zurückgreifen und mögliche Probleme diskret und schnell lösen. Wandel wird als etwas Positives erlebt, man schaut mit Optimismus in die Zukunft, ist schnell und wendig. Das autoritäre politische System lässt sehr schnelle Entscheidungen und Handeln zu. Die deutsche Angewohnheit der kritischen Nabenschau pflegt man in China nicht so sehr.

Welche Bedeutung haben die englische und die chinesische Sprache?

Heute lernen alle chinesischen Kinder Englisch in der Schule. Im Business ist Englisch durchaus die Lingua Franca, auch wenn es nicht jeder gleich gut beherrscht. Es gibt aber auch eine Tendenz zu erwarten, dass sich der Rest der Welt an China anpasst, dazu gehört auch eine Beschäftigung mit Sprache und Kultur. Die Sprache ist das eine, Kommunikations- und Informationsmedien sind noch ein weiterer Aspekt. Westliche Kommunikationsmedien wie Whatsapp, Youtube oder Facebook sind in China gesperrt. Chinesen nutzen Wechat und andere eigene Plattformen. Wer im Informationsloop bleiben möchte, sollte sich überlegen, ebenfalls Wechat zu nutzen.

Im westlichen Umfeld tragen finanzielle Erfolge sowie körperliche Fitness und Attraktivität viel zum Status bei. Wofür bekommen Chinesen im eigenen Land Anerkennung?

Materielle Güter sind als Beweis für den persönlichen Erfolg sehr angesehen, und seinen Besitz zeigt man mit Stolz – das weicht vom hier üblichen Understatement deutlich ab. Teure Markenartikel, dicke Uhren oder Autos sind ebenso beliebt wie eine große Wohnung.

In Industrieländern ist die Work-Life-Balance ein Thema. Aus welchem Blickwinkel sehen Chinesen das Berufsleben?

Als es ab den 80er Jahren peu à peu wieder möglich wurde, private Unternehmen zu gründen, haben viele Menschen sehr hart gearbeitet. Heute möchte man das Leben wieder stärker genießen, zeigen, was man erreicht hat, Zeit mit Familie und Freunden und verbringen, etwas von der Welt sehen.

Wie wichtig ist die Familie in China?

Die Familie ist für Chinesen traditionell das Wichtigste, was es gibt. Eltern haben sehr viel mehr Einfluss auch auf ihre erwachsenen Kinder, als dies hier üblich ist. Eltern reden mit bei den Studien- und Berufsplänen der Kinder, machen Druck, dass das Kind – meist ist es ja das einzige, das sie haben – zügig heiratet und für den Fortbestand der Familie sorgt. Die Eltern sind oft wichtiger als der Ehepartner. Als Geschäftspartner darf man sich also ruhig auch mal nach dem Wohlergehen der Eltern erkundigen.

Welche Bedeutung hat die Gesundheit in der chinesischen Kultur?

Gesundheit ist in der traditionellen und auch in der modernen chinesischen Kultur ein hohes Gut. Daher sind die Menschen bereit, viel Geld dafür auszugeben. Das kann sich auf die traditionelle chinesische Medizin, aber auch auf westliche Nahrungsergänzungsmittel beziehen. Auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung wird viel Wert gelegt. Und ausgewogen heißt immer auch, dass die Yin-und-Yang Energien im Körper ausgeglichen sein sollen. So gibt es beim Essen von allem etwas. Salzige, süße, saure, bittere Speisen, Speisen mit viel Yin- und Speisen mit viel Yang-Energie. Im Falle einer Erkrankung greift man allerdings nicht automatisch auf die traditionelle Medizin zurück. Schnell werden auch Antibiotika eingesetzt, wenn es darum geht, zügig wieder am Arbeitsplatz sein zu können. Chinesische Chefs sind oft erstaunt, wie lange Arbeitnehmer in Deutschland krankgeschrieben sind.

Wie offen sind Chinesen für Veränderungen ihrer eigenen Alltagskultur?

So stolz die Chinesen auf ihre jahrtausendealte Kultur auch sind: Tradition und Moderne sind keinesfalls ein Widerspruch, man sieht an vielen Stellen ein sehr modernes Land, in dem von der alten Kultur auf den ersten Blick nicht mehr viel zu sehen ist. Chinesen sind sehr anpassungsfähig und pragmatisch.

Was schätzen Chinesen im Kontakt mit deutschen Ansprechpartnern am meisten?

Bei einer Geschäftsbeziehung schreiben Chinesen die Beziehung groß. Wenn sie merken, dass das Gegenüber Interesse an der Person hat und zeigt, nach der Familie und dem persönlichen Umfeld fragt, ist der wichtigste Grundstein fürs Vertrauen gelegt.


Weitere Informationen

Die Sinalingua e.K. wurde 2000 in Heidelberg von Zuhui Mao gegründet, die aus Shanghai stammt. Das Unternehmen bietet bundesweit interkulturelle Trainings, Sprachkurse und Relocation-Dienstleistungen zu China und vielen anderen Ländern an. Seit 2006 gibt es die Schwestergesellschaft De Han Ling (Sinalingua) Cultural Exchange & Consulting Co., Ltd. in Shanghai. Seit 2015 erweitern digitale Lernformate das Schulungsprogramm.

www.sinalingua.de


Kontakt zum Anbieter:

Sinalingua e.K. – Cross-Cultural Management
Rohrbacher Str. 18
69115 Heidelberg
Tel. +49 (0)6221 588098–0
E-Mail: stroedel@sinalingua.de

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