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Alarm im Bauch – das Tuch muss raus

Funketiketten: Pilotprojekte zeigen Chancen und Risiken von RFID im Gesundheitswesen
Alarm im Bauch – das Tuch muss raus

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Vergessene Instrumente oder Tücher in der Wunde, zu viele Betten, zu viele Reinigungsschritte: RFID soll im Krankenhaus Transparenz und mehr Sicherheit bringen, Prozesse revolutionieren und Sparpotenziale erschließen. Nicht einmal die Heißdampf-Sterilisation kann die Technik stoppen.

Es wird zuviel geputzt und zu wenig gewusst: Solange nicht klar ist, wer wie lange in einem Krankenbett gelegen hat, muss jede Lagerstatt in der Klinik nach der Benutzung komplett gereinigt und desinfiziert werden – auch wenn das volle Programm für die Gesundheit der Patienten gar nicht erforderlich gewesen wäre, weil beispielsweise nur ein Sportler mit verstauchtem Knöchel einen halben Tag lang auf dem Bett verbracht hatte. Solche Zustände sind kostenbewussten Krankenhaus-Managern ein Dorn im Auge, und daher heißen sie Pilotprojekte wie ein RFID-gestütztes Bettenmanagement willkommen. Es verspricht Transparenz und soll eine gute Grundlage schaffen, um Prozesse in den Kliniken besser zu organisieren und damit Geld zu sparen.

„Die RFID-Technik ist im Gesundheitswesen allerdings immer noch etwas sehr Neues“, sagt Oliver Koch vom Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST in Dortmund. Er hat im Jahr 2006 in einer Studie die Einsatzmöglichkeiten für Funketiketten untersucht und viele gute Ansätze gefunden. Vorteile können sich laut Koch daraus ergeben, dass RFID die Sicherheit für den Patienten steigert. Beispiele dafür wären, dass ein Mensch vor der Operation oder bei der Arzneimittelgabe eindeutig identifiziert wird und auch das Medikament unverwechselbar gekennzeichnet ist. Als sehr nützlich wird der Einsatz markierter OP-Tücher oder Chirurgieinstrumente eingeschätzt: Bisher bleiben in Deutschland jährlich rund 3000 solcher Hilfsmittel versehentlich unter der Haut eines Menschen zurück. Ein RFID-Transponder könnte das mit Alarm zu rechten Zeit verhindern. Auch finanziell sollen sich die Funketiketten rechnen, denn sie können dem Krankenhaus-Manager zeigen, ob zu viele Instrumente oder Betten zum Bestand einer Klinik gehören, oder wie sich die Nutzung eines Fahrstuhls koordinieren lässt, so dass teure Umbaumaßnahmen überflüssig werden.
„Wir haben solche Projekte betrachtet und hätten gerne den Return on Invest berechnet, um die wirtschaftlichen Vorteile genau benennen zu können“, sagt Koch. Das ist seiner Ansicht nach ein wichtiger Faktor, der der Technik zum Durchbruch verhelfen könnte. Der Haken an der Sache sei allerdings, dass in den Krankenhäusern vielfach gar nicht die Daten vorliegen, die einen Vergleich der Situation vor und nach Start eines RFID-Pilotprojektes ermöglichen.
Dennoch: Experten sehen große Chancen für die Funktechnologie in der Gesundheitswirtschaft. Nach Angaben des US-amerikanischen Beratungs- und Informationsanbieters ID Tech Ex wurden im Jahr 2006 weltweit 15 Millionen Transponder für die Markierung von Medikamenten verkauft, weitere rund 1o Millionen für andere Einsatzbereiche. 2016 soll der Markt für RFID in der Gesundheitswirtschaft 2,1 Mrd. US-Dollar betragen, wobei als Hauptmotoren für das Wachstum die Medikamentenkontrollen sowie die Echtzeitüberwachung von Mitarbeitern, Patienten und Material genannt werden.
„In den Krankenhäusern laufen derzeit noch relativ wenige Prozesse IT-gestützt ab“, erläutert Tobias Rhensius vom Aachener Forschungsinstitut für Rationalisierung (FIR). Er hat an einer Studie über RFID im After-Sales- und Service-Bereich mitgearbeitet, in der sich die Annahme der Autoren bestätigte: Mit ihren hochwertigen Gütern und dem Anspruch, Menschen zu schützen, sei die Gesundheitswirtschaft ein sehr interessantes Anwendungsfeld für RFID. Es müsse natürlich nicht immer die Funktechnologie sein, manchmal tue es auch der Barcode. Aber wenn mehrere Objekte gleichzeitig erfasst werden sollen, man im Notfall schnell handeln und keinen Scanner einsetzen oder automatisiert und sicher auf Daten zugreifen wolle, habe die Technik ihren Reiz, so Rhensius.
Technisch gesehen gehört das Management der Bettenreinigung für einen RFID-Tag zu den leichtesten Übungen. Für logistische Aufgaben wurde die Technik ja entwickelt, und dafür wird sie im Kaufhaus- und Großhandelsbereich auch schon genutzt. Ein Einsatz im Bettenmanagement fand in der Bundesrepublik Deutschland erstmals an den Städtischen Klinik Bielefeld statt. Dafür arbeiteten der Herforder Bettenhersteller Joh. Stiegelmeyer GmbH & Co. KG und der IT-Anbieter Siemens IT Solutions and Services zusammen. Jedem Bett einer Station wiesen sie eine individuelle Nummer zu und speicherten sie auf einem RFID-Tag, einem dezenten kleinen Aufkleber am Seitenteil, der seine Daten beim Verlassen an das Lesegerät der Station weitergibt – „ich bin dann mal weg“. Auch in der Aufbereitung erfasst ein Lesegerät die Daten: Wie lange wurde das Bett auf der Station gebraucht? Wofür? Wann kam es zurück zur Reinigung? Was ist nun zu tun? Das können ein paar Daten auf dem Transponder leicht beantworten – ebenso wie die Frage nach der Zahl der Betten, die ungenutzt herumstehen und eingespart werden könnten. Das Reinigungsmittel, das Chips hier abbekommen, kann ihnen nichts anhaben.
Größere technische Herausforderungen haben Entwickler zu bewältigen, um beispielsweise die Rückverfolgbarkeit von Chirurgieinstrumenten sicherzustellen: Da müssen die Tags an Schere oder Skalpell immer wieder in den Autoklaven wandern. Dass es auch dafür Lösungen gibt, zeigt das Beispiel der Asanus Medizintechnik GmbH im baden-württembergischen Neuhausen ob Eck.
„Wir können einen RFID-Tag auf jedes beliebige Gerät, Instrument oder Medizinprodukt aufbringen“, erläutert Asanus-Geschäftsführer Armin Schorer. Sein Produkt nennt er Aris: Der Chip wird in ein Material eingegossen und mit Druck, also ohne Kleber, auf das Instrument aufgebracht. Technische Details zum „sehr haltbaren und biokompatiblen“ Mediplug-Fixierungssystem will er allenfalls im Gespräch mit Interessenten verraten. Die verwendeten Chips seien aber am Markt verfügbar und für seine Anwendungen konfektioniert. Erste klinische Tests sowie ein Gutachten von Zertifzierungsspezialisten hätten gezeigt, dass der Mediplug-Transponder da bleibt, wo er aufgebracht wird und nicht etwa im Operationsfeld oder im Autoklaven verloren geht. Das Krankenhauspersonal soll defekte Chips sogar selbst austauschen können.
Schon in den ersten Wochen nach der Präsentation des Systems auf der Medica 2007 seien um die 80 Anfragen aus Krankenhäusern eingegangen. „Ein Haus mit 400 Betten verfügt heute über ein Instrumentarium im Wert von drei bis fünf Millionen Euro“, sagt Schorer. Er schätzt, dass „etwa ein Drittel davon nicht gebraucht wird“. Ärzte wollten vertraute Gerätschaften aber einsatzbereit in ihrer Nähe wissen, selbst wenn diese seit Jahren von moderneren Hilfsmitteln ersetzt und daher gar nicht mehr benutzt würden. Reinigen und sterilisieren, vorbereiten, nach der Operation zählen und wieder wegräumen müsse das Personal sie aber dennoch. „Da muss ein Krankenhaus sehr großes Interesse daran haben, in diesem Bereich besser Bescheid zu wissen.“
Mindestens ebenso wichtig wie die Technik rund um den RFID-Tag ist laut Schorer die Software, um die ausgelesenen Daten zu verwalten und auszuwerten. Seine Systemlösungen aus Chip, Mediplug-Fixierung und dem Informationssystem Aris will er in Lizenz auch anderen Medizingeräteherstellern zur Verfügung zu stellen oder mit ihnen gemeinsam als Systemanbieter auftreten. Das Einbinden der RFID-Technik in bestehende Informationssyteme sei ebenfalls eine lösbare Aufgabe. „Wir haben Schnittstellen zum Krankenhausinformationssystem KIS von Siemens programmiert, ebenso zu SAP.“
Die Großen aus der Informationstechnik haben sich im Gesundheitswesen ihren Namen bereits gemacht und sammeln in RFID-Pilotprojekten weitere Erfahrungen. Nach den Erkenntnissen der Aachener Rationalisierungsexperten vom FIR wird die Weiterentwicklung jedoch manchmal davon gebremst, dass das Thema so komplex ist. „Zu viele Hersteller denken zu viel an ihre eigenen Produkte, wollen zu wenig Systemlieferant sein“, sagt Tobias Rhensius. Wer auf diesem Markt auftreten wolle, müsse aber die Prozesse in den Krankenhäusern sehr gut kennen. „Nur dann entdeckt man Potenziale und kann interessante RFID-Projekte vorschlagen.“
Davon, dass die Technologie sich schnell genug weiterentwickelt, sind die Fachleute überzeugt. So sollen Chips zusätzliche Fähigkeiten bekommen und beim Verarbeiten von Blutkonserven beispielsweise auch die Temperatur kontrollieren. Im Forschungsprojekt Track sind entsprechende Chip-Plattformen in Arbeit, an die Sensoren angedockt werden können. Was die IT-Sicherheit und den Schutz vor Hackern angeht, ist die Branche ebenfalls mitten im Entwicklungsgeschehen – technisch geht schon viel, aber was wo sinnvoll eingesetzt werden kann, hängt stark davon ab, welche Risiken man ausschließen möchte und ob die Kosten dafür in einer bestimmten Anwendung gerechtfertigt sind.
Dennoch ist es für den Einsatz von RFID in der Gesundheitswirtschaft nicht zu früh. Laut Oliver Koch vom Fraunhofer ISST ist jetzt der richtige Moment für einen Start: In ein paar Jahren werden schon so viele Pilotprojekte gelaufen sein, dass die Partner dann einen Vorsprung erlangt haben, den man kaum noch aufholen könne. Die größten Chancen sieht er derzeit dort, wo IT-Sicherheit und der Schutz persönlicher Daten eine untergeordnete Rolle spielen: „Bettenmangement und das Überwachen von Chirurgiebesteck sind sehr aussichtsreiche Ansätze, um RFID-Technik in einem Krankenhaus einzuführen.“
Dr. Birgit Oppermann birgit.oppermann@konradin.de
Wachstumschancen für RFID in der Gesundheitswirtschaft
Ein Drittel der Instrumente ist überflüssig

Das RFID-System
Damit Daten gelesen, verwertet und geschrieben werden können, ist nicht nur ein RFID-Tag erforderlich. Vielmehr arbeitet ein komplettes System von Geräten und Software zusammen:
  • RFID-Tag (Chip, Transponder) Auf dem Tag sind Informationen gespeichert wie die Artikelnummer oder das Datum der letzten Wartung. Manche Tags melden immer die gleiche Information, andere können mehrfach beschrieben werden. Inaktive Tags bekommen ihre Energie bei Bedarf vom Lesegerät. Aktive Tags für spezielle Anwendungen haben eine eigene Batterie.
  • Lesegerät Das Lesegerät erzeugt ein elektromagnetisches Hochfrequenzfeld geringer Reichweite und überträgt Energie und Daten an den Tag. Die verwendeten Frequenzen sind vielfältig und werden der Anwendung angepasst. Das Lesegerät ist mit einer Software für den Lesevorgang ausgestattet und verfügt über Schnittstellen, um Daten weiterzugeben.
  • Datenbank Die übergeordnete Datenbank verwaltet die Informationen, die die Lesegeräte liefern.
  • Standards Es gibt viele verschiedene Lesegeräte und Tags. Die Vorgaben der ISO/IEC-Standards ISO 18000-x sorgen dafür, dass sie kompatibel sind. Daneben sind proprietäre Lösungen verfügbar.

  • Pilotprojekte für den RFID-Einsatz
    Verschiedene Anbieter testen den RFID-Einsatz mit Anwendern im Krankenhaus. Die Pilotprojekte zeigen beispielhaft die Bandbreite der Möglichkeiten.
    Arzneimittelversorgung / Patientenarmbänder Ziel: Medikamentenabgabe erfassen und sicherstellen, dass der Patient das richtige Medikament in der richtigen Menge bekommt Partner: Uniklinik Jena, SAP
    Bettenmanagement Ziel: Optimieren der Reinigungsprozesse, Einhalten der Wartungszyklen Partner: Städtische Kliniken Bielefeld, Siemens IT Solutions and Services, Joh. Stiegelmeyer
    Ziel: Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit von Bettenmanagement auf der Basis von RFID in drei Bettenzentralen und dem Bettenlager, seit Mai 2007: Anlage läuft produktiv, 20 % Betteneinsparung Partner: Inselspital Bern, Siemens IT Solutions and Services
    Blutbeutel Ziel: Erkennen und Verfolgen von Blutkonserven Partner: Klinikum Saarbrücken, Siemens IT Solutions and Services, Intel, Fujitsu Siemens Computers, RpDoc Solutions, IMP Computersysteme AG
    Operationssaal Ziel: RFID-Tags an OP-Tüchern, OP-Team automatisch identifiziert Partner: Klinikum Rechts der Isar, München, Siemens IT Solutions and Services
    Ziel: Projekt ProAct, verbessertes Risikomanagement im OP, Patientenarmband Partner: ITH Icoserve Technology for Healthcare, Tiroler Landeskrankenanstalten (Tilak), Center of Excellence in Medicine and IT (Cemit), Innsbruck, Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinsche Informatik und Technik (Umit), Hall in Tirol

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