Wo Mediziner Zeit fürs Gespräch mit Ingenieuren haben - medizin&technik - Ingenieurwissen für die Medizintechnik

Mediziner über Technik

Wo Mediziner Zeit fürs Gespräch mit Ingenieuren haben

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Workshop Einschnitte – Einblicke | Direkter Austausch zwischen Ärzten und Medizintechnikern, im Operationsraum, aber ohne den Zeitdruck und die Zwänge, die das Wohlergehen des Patienten während eines echten Eingriffes mit sich bringt. Diese Möglichkeit schafft eine neue Art von Workshop in Tübingen. Premiere war im Juni.
Auf der Fensterbank liegt ein Block mit kariertem Papier, darauf eine mit Kugelschreiber hingeworfene Skizze. Ein Querschnitt. Das Innenleben einer Idee. Der Ingenieur in Jeans und T-Shirt lehnt sich mit der Hüfte an, nimmt die Hände zu Hilfe, um seinen Gedanken besser zu erläutern. Der weißhaarige Mann im Arztkittel hört aufmerksam zu. Dann wenden beide dem Operationsraum und allen Anwesenden den Rücken zu, um ihre Unterhaltung konzentriert fortzusetzen.
Dafür haben sie Zeit. Auch wenn Leuchten, Tische und Geräte das Ambiente eines Operationssaales vermitteln, gibt es hier keine Patienten, die dringend versorgt werden müssen. Denn die Unterhaltung findet im Operationsraum der Tübinger Anatomie statt. Getroffen haben sich Arzt und Ingenieur bei einer neuen Art von Veranstaltung, die Ende Juni 2016 erstmals stattfindet. Rund 50 Fachleute aus der Medizintechnik-Branche haben sich von der Ankündigung angesprochen gefühlt und sind zum Workshop „Einschnitte – Einblicke“ angereist. Die meisten von ihnen kommen aus Entwicklung und Konstruktion.
Was sie da in der Anatomie erwarten würde, ist zunächst nicht klar. Einblicke zum Thema Beckenchirurgie haben die Einladenden vom Universitätsklinikum Tübingen angekündigt, direkte und tiefgehende Diskussionen mit den Chirurgen. „Und das wollten wir uns auf keinen Fall entgehen lassen“, sagen die Angereisten.
Ärzte wollen beim Tun erklären, warum etwas anders sein soll
Wie es zu dieser Idee kam, erläutern Prof. Dr. Arnulf Stenzl, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Tübingen, Urologie, Prof. Dr. Bernhard Hirt, Direktor des Instituts für Klinische Anatomie und Zellanalytik, sowie Dr. Klaus Eichenberg, Geschäftsführer der Stuttgarter Bio Regio Stern Management GmbH, bei der Begrüßung. „Wir haben nach einer Möglichkeit gesucht, um den direkten Kontakt zwischen Ärzten und Ingenieuren herzustellen.“ Vorträge und Round-Table-Gespräche gebe es in ausreichender Menge. „Aber wir Ärzte“, so Prof. Stenzl, „haben viele Anregungen und Wünsche, die uns den Umgang mit der Technik erleichtern würden und eine bessere Versorgung der Patienten ermöglichen – und das können wir am besten im Tun erläutern.“ So entstand die Idee, die Infrastruktur im Institut für Klinische Anatomie zu nutzen und Anwender und Entwickler von Medizinprodukten zusammenzubringen.
Infrastruktur heißt in diesem Fall unter anderem moderne Videotechnik: Wenn im Operationsraum der Anatomie im Untergeschoss an menschlichen Körpern, die der Wissenschaft gespendet wurden, operiert wird, lässt sich das Geschehen in den Hörsaal im 1. Stock übertragen – und ebenso ins Internet. Zehntausende Studierende der Medizin oder der Medizintechnik haben für die Reihe Sectio chirurgica diesen Live-Zugang bereits genutzt. Auch Entwickler in der Medtech-Branche profitieren schon davon. Sie alle melden sich über die Sectio-chirurgica-Plattform oder über Doccheck an. Und auf dem gleichen Kanal sehen auch bei diesem ersten Einschnitte-Einblicke-Workshop nicht nur die 50 Teilnehmer im Hörsaal zu. „Insgesamt hat unsere Ankündigung etwa 120 000 Interessenten erreicht“, verkündet Prof. Hirt bei der Begrüßung.
Für den ersten Teil des von ihm moderierten Workshops fangen die Kameras gleichzeitig mehrere Szenen ein, die für die Zuschauer im Saal und im Internet zu einem Gesamtbild kombiniert werden: Diese sehen und hören die Kommentare der ärztlichen Direktoren, die mit dem Moderator im Studio sitzen, und sehen im Hintergrund eingeblendet die Oberärzte und Professoren im Operationsraum. Oder die Regie neben dem OP-Raum blendet Aufnahmen aus dem Bauchraum ein, die der OP-Bildschirm gerade zeigt. Oder die Kamera ist auf ein geöffnetes Bauch-Präparat gerichtet, in dem eine simulierte Beckenverletzung behandelt wird. Da zeigt sich, warum die Osteosynthese-Platte eben nicht ideal zu diesem Becken passt. Und muss sie wirklich aus Titan sein? Das diskutieren und kommentieren die Experten. Die Bildauswahl in der Regie obliegt Mitarbeitern mit medizinischem Hintergrundwissen, so dass das fachlich Passende zu sehen ist.
Zum Beispiel ein Bauteil eines – immerhin abknickbaren – Instrumentes, das aber doch noch zu lang ist, um ganz weit unten im Becken an die anvisierte Stelle des Mastdarmes zu kommen. „In einem männlichen Becken, das meist kleiner ist, wären die Verhältnisse noch viel beengter“, erläutern die Operateure. Oder die Kamera liefert wegen eines Flüssigkeitsfilms ein gelbliches Bild. „Kann man eine Möglichkeit schaffen, die Optik zu reinigen, während sie im Bauchraum ist?“, regt einer der Mediziner an. Und lässt sich dort das schnellere Abkühlen heißer Teile der Instrumente nach dem thermischen Schneiden erreichen, um versehentliche Schädigungen an gesundem Gewebe zu vermeiden?
Den Chirurgen auf die Finger zu schauen und zu hören, bei welchen Bewegungen ihre Schultern schmerzen, ist die Basis für den zweiten Teil des Workshops: Im Anschluss an die Video-Darstellung stehen die Operateure im Operationsraum für Diskussionen am Präparat oder auch am Demonstrator zur Verfügung. Für das Thema Beckenchirurgie sind mehrere Stationen aufgebaut, zu Fragen der Visualisierung und Beleuchtung oder des Haptik-Feedbacks. Die Erinnerung an die eben gezeigte Szene ist frisch: Ein im Bauchraum aus seinen körpereigenen Befestigungen gelöstes, „mobilisiertes“ Organ muss einer aus dem OP-Team mit einer flachen, abgerundeten Zange anheben, damit der Kollege im daruntergelegenen Bereich des Bauches die Operation ausführen kann. „Sicher festhalten muss ich das – aber ich habe kein Gefühl dafür, welche Kraft ich aufwende und ob ich nicht kurz davor bin, das Gewebe allein durch das Zusammendrücken zu zerstören“, hatte der Operateur gesagt.
Die kleinste Lösung ist nicht zwangsläufig die beste
Weitere Stationen sind der Ergonomie, der Dissektion, Ablation und Bergung gewidmet, dem sterilen Arbeiten und der Osteosynthese. Und der Miniaturisierung. Die, wie die Ingenieure erfahren, aus Sicht des Arztes eine Grenze nach unten haben kann, was er am Beispiel von Systemen zur Nierenpunktion erläutert. Die älteste Version war recht groß. Die mittelgroße bringt viele Vorteile beim Entfernen von Nierensteinen, würde aber eine Weiterentwicklung verdienen. Dazu gehört, dass der Arzt nicht mehr in den Flüssigkeiten, die beim Ausspülen von Steinsegmenten aus der punktierten Niere schwappen, „baden“ möchte. Denn trotz eines Auffangbeutels seien die Mitglieder des Teams nach einer solchen OP meist ziemlich durchnässt. Wegen seiner sonstigen Vorteile würde das Verfahren dennoch häufig genutzt. „Das kleinste Produkt für die Punktion ist aus meiner Sicht nicht das Beste und bringt keinen wirklichen Fortschritt gegenüber dem mittelgroßen“, sagt er. Sicher die Steine beziehungsweise deren Trümmer zu entfernen, sei eine wichtige Anforderung. „Und mit dem kleinsten System brauche ich vielleicht viel länger oder muss sogar mitten in der Operation auf das nächstgrößere umsteigen.“ Also wäre es ihm eine verbesserte Version des mittleren Systems lieber als eine kleine.
Mit solchen praxisnahen Diskussionen verstreicht der Nachmittag. Der Austausch scheint gut zu laufen, die Teilnehmer sagen, sie wollen ihren Kollegen den Besuch des nächsten Workshops ans Herz legen. Laut Prof. Hirt ist der Workshop ohnehin nur als Einstieg gedacht. „Wir wollen das, was in den Diskussionen auftaucht, natürlich gern fortsetzen, auch in der Diskussion und in Projekten mit der Industrie.“ ■
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